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Möglicher Umweltskandal in Niedersachsen:Ein Kreuz für jeden Krebsfall

Groß Schneen ist ein hübsches, ruhiges Dorf bei Göttingen. Doch seit ein pensionierter Biochemiker eine Häufung von Krebsfällen mit einer Lackiererei im Ort in Verbindung gebracht hat, sind die Bewohner in Aufruhr. Handelt es sich um ein Gerücht ohne Grundlage - oder ist der Wissenschaftler einem Umweltskandal auf der Spur?

Vielleicht war es Gedankenlosigkeit. Vielleicht dachte jemand, es muss sein, damit endlich was passiert. Auf jeden Fall ist das beklemmende Foto jetzt in der Welt. Wobei die weite Welt nicht das Problem wäre.

Doch in Groß Schneen, in der Gemeinde Friedland, zehn Kilometer von Göttingen entfernt, dürfte das Bild, das einer aus dem Dorf angefertigt hat und schnell im Ort bekannt wurde, fast jeder kennen. Es ist hier in Umlauf gekommen. Es hat Angst gemacht, Wut ausgelöst und auch viel Unverständnis, und einige im Dorf denken, es wäre schön, wenn man es wieder aus der Welt schaffen könnte. Dann könnte man sich nur um die Geschichte kümmern, die dahinter steckt. Die ist schlimm genug, ganz gleich, ob sie stimmt, oder nicht.

Dieses Bild ist ein Luftbild von einer Siedlung am Rande von Groß Schneen, einem hübschen Dorf mit etwa 1800 Einwohnern, schmucken Fachwerkhäusern im Zentrum und einer Menge Eigenheimen rundherum. Auf dem Luftbild sind die Straßen der Straßen der Siedlung leicht zu erkennen, jedes Haus lässt sich ausmachen. Etwa 50 Häuser sind mit gelben Sternen markiert, ausgerechnet. Je nach Auflösung des Fotos sehen die gelben Sterne wie Kreuze aus. Am Anfang hieß es, dass in jedem so markierten Haus jemand lebte oder lebt, der an Krebs erkrankt ist. Manche seien längst tot.

Unruhe im Dorf

Das wäre eine beängstigend hohe Häufigkeit von Erkrankungen. Die Karte ist Mitte November erschienen, seitdem herrscht Unruhe im Dorf. Damals hat die Staatsanwaltschaft Göttingen Ermittlungen aufgenommen wegen des Verdachts fahrlässiger Tötung. Sie prüft, ob die Lackiererei Grewe, das einzig große Unternehmen im Ort, krebserregende Substanzen unsachgemäß verwendet hat.

Ein 66 Jahre alter Biochemiker hatte zwei Monate zuvor die Firma angezeigt, weil er den Verdacht hat, dass dort das krebserregende Lösungsmittel Trichlorethylen über Jahre freigesetzt worden sein könnte - mit schweren Folgen. Das Haus von Dietmar Vollbrecht liegt wenige hundert Meter vom Firmengelände entfernt.

Der pensionierte Forscher wohnt seit 35 Jahren mit seiner Familie hier. Alles begann zufällig, sagt er. Bei einem Fest im Sommer habe jemand beiläufig erwähnt dass es eine Krebshäufung im Ort gebe. Bald wurde das Thema gewechselt. Aber in ihm sei der Wissenschaftler geweckt worden, sagt Vollbrecht. Er fragte in der Nachbarschaft herum und erfuhr von verschiedenen Krebserkrankungen.

Er trug alles zusammen und die gelben Sterne in die Karte ein. Die Nähe der Häufung zu der Firma sei auffällig, sagt er. So erinnert die Streuung der Sterne fast an die Zeichnung einer Windfahne, die sich mit der überwiegenden Windrichtung an dieser Stelle hinter dem Firmensitz auszubreiten scheint.

Der Text seiner Anzeige ist umfangreich. Detailreich erklärt er die Wirkung von Trichlorethylen, das bei der benachbarten Firma seit drei Generationen zum Entfetten von Metallteilen eingesetzt worden sei, die lackiert werden sollten. Da entweiche immer was, sagt er. Inzwischen sei die Karte mit den gelben Sternen veraltet. Ihm seien noch weitere Fälle bekannt geworden. Es seien nun weit über 60, während es anderswo im Ort, außerhalb der vermeintlichen Windfahne, so eine Häufung nicht gebe.

Vollbrecht meint, dass alles früher hätte auffallen können. Dass die Ermittlungen vorzeitig öffentlich werden, habe er nicht gewollt. "Mir wäre lieber gewesen, die hätten in Ruhe recherchiert."

Gerücht ohne Grundlage

Das niedersächsische Sozialministerium hat eine Expertengruppe einberufen, im Landtag haben die Grünen eine Anfrage gestellt. In der vergangenen Woche haben Ermittler im Auftrag der Staatsanwaltschaft in der Siedlung Formulare an Familien verteilt, in denen die Staatsanwaltschaft um Auskunft über Erkrankungen bittet, und darum, Ärzte von der Schweigepflicht zu entbinden.

Im Dorf spricht man von einer Zerreißprobe für Groß Schneen. Da ist einmal die Erleichterung, dass untersucht wird, was als Verdacht im Ort kursierte. Andere nennen das Ganze: Blödsinn, ein Gerücht ohne Grundlage.

"Ich finde es gut, dass der Sache jetzt auf den Grund gegangen wird", sagt Renate Schmalfuss, sie führt seit fast zwanzig Jahren eine Praxis als Allgemein-Medizinerin in Groß Schneen. "Die Leute in der Siedlung haben sich manchmal schon gefragt, ob es einen Grund gibt, warum relativ viele Menschen im mittleren Alter dort an Krebs erkrankten." Die Ärztin mahnt zur Vorsicht. "Ob es tatsächlich eine statistische Häufung gibt, muss überprüft werden. Das aber ist schwierig."

Höchst Privates wurde öffentlich

Und auf dem Weg zur Aufklärung ist, das kann man spüren, schon etwas falsch gelaufen. Das Foto mit den Sternen hat den Ort aufgewühlt. Es gibt Zweifel, dass alles stimmt. Und es wurde höchst Privates öffentlich. In einem Ausschuss beklagte sich eine Frau unter Tränen, dass ihre Erkrankung bekannt wurde. Sie habe über Jahre alles getan, das zu verhindern. Ein Haus sei zudem fälschlich eingezeichnet worden.

Nach ersten Berichten machten sich Reporter zu Bewohnern auf, einige gingen so wenig einfühlsam vor, dass die Betroffenen nicht mehr reden wollen. Andere im Dorf fürchten um den Wert ihrer Häuser - ganz gleich, ob dort früher jemand erkrankte oder nicht. Jemand wird mit dem Satz zitiert: "Auf meinem Haus ist ein Kreuz, das kann ich gar nicht mehr verkaufen."

Dazu kommt die Angst vor Krankheit. "Die Art der Berichterstattung hat viele hier sehr verunsichert", sagt die Ärztin Renate Schmalfuss. "Sie fragen sich zum Beispiel, was eine mögliche Belastung für ihre Kinder bedeutet - und ob es auch andere Ursachen sein können." Da wird über das Atomkraftwerk in der Nähe spekuliert, oder das Trinkwasser. Dabei ist gerade das besonders sauber und rein hier, und die Spekulation zeigt einfach die Ratlosigkeit.

Die Lackiererei genießt im Ort einen guten Ruf, sie ist seit Generationen hier verankert, der Chef wohnt mitten in Groß Schneen. Die Geschäftsleitung der Wilhelm Grewe OHG reagiert freundlich auf die Bitte um ein Gespräch: Man wolle nicht mehr mit Journalisten sprechen. Umgehend schickt sie eine Presseerklärung, in der sie den Vorwürfen widerspricht. Schon seit 1999 setze die Firma das Reinigungsmittel Trichlorethylen nicht mehr ein. Sie habe es durch ein unbedenkliches Mittel ersetzt. "Geschäftsleitung und Mitarbeiter sind wegen der aufgetretenen Krebserkrankungen in unserem Heimatort sehr betroffen", schreiben sie und sichern den Behörden "jegliche Unterstützung" zu.

Wie kann wieder Ruhe nach Groß Schneen kommen? Der Bürgermeister von Friedland, Andreas Friedrichs, wirkt so aufgewühlt wie Ort, als er im Rathaus von den vergangenen Wochen erzählt. Was auch daran liegt, dass er jetzt wenig tun kann. Eine Bürgerversammlung würde keinen Sinn ergeben, solange es keine Fakten gibt. Die Ermittlungen werden noch andauern.

"Als Bürgermeister kann ich alle Beteiligten nur aufrufen, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen", sagt er. "Ich hoffe inständig, dass diese Zahlen über die Krebshäufigkeit sich nicht bewahrheiten." Selbst dann wäre, so weiß er, nichts mehr wie vorher.

© SZ vom 10.12.2012/jobr/bavo

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