Manufactum-Katalog:Ausgeblättert

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Manufactum-Katalog: Ausgerechnet das "Warenhaus der guten Dinge" stellt nach 34 Jahren seinen Katalog ein.

Ausgerechnet das "Warenhaus der guten Dinge" stellt nach 34 Jahren seinen Katalog ein.

(Foto: Manufactum)

Ausgerechnet das Es-gibt-sie-noch-die-guten-Dinge-Imperium stellt seinen Katalog ein. Aber Manufactum ist nicht allein in seinem Elend. Trost bietet womöglich die Dokumentenmappe aus Hartpappe. Vorerst zumindest.

Von Gerhard Matzig

Erst Otto, dann Ikea, schließlich Rewe und jetzt Manufactum. Die Liste der eingestellten Kataloge (Otto, Ikea) und eingestellten Werbeprospekte (Rewe) wird ja schon seit einiger Zeit immer länger. Dass aber jetzt ausgerechnet Manufactum als "Warenhaus der guten Dinge" ein dermaßen gutes Ding wie beispielsweise den seit 34 Jahren bekannten Hauptkatalog einstellt, ist besonders zeichenhaft. Möglicherweise auch besonders schmerzhaft. Ein Drama.

Die Otto Group, zu der das Es-gibt-sie-noch-die-guten-Dinge-Imperium gehört (wobei der Katalog dann eben nicht mehr dazu gehört), teilte kürzlich mit, dass der Katalog noch in diesem Jahr abgeschafft wird. "Grund dafür", so die Mode-Plattform Fashion United, sei "die Digitalisierung und die Neuausrichtung der Kommunikationsstrategie auf neue Medien." Da sind sie also wieder: die neuen Medien. Manch altes Medium zieht sich traurig zum Sterben zurück.

Nicht, dass man besonders traurig sein müsste über die Nackensteak-Sonderangebote, die trotz der "Bitte-keine-Werbung!"-Aufkleber die Briefkästen verstopfen. Weshalb man zum Beispiel den seit Anfang des Monats in Kraft getretenen Rewe-Verzicht auf Millionen von Papier-Handzettel auch im Sinne der Umwelt eher begrüßt als beweint. Im Gegensatz zum Manufactum-Katalog, der in diversen Varianten (Damen- und Herrenbekleidung, Garten, Küche & Genuss, Einrichten & Wohnen) längst selbst zum vertrauten Einrichtungsgegenstand beziehungsweise zur Sehnsuchtsfibel geworden ist. Der Katalog verheißt einem ein besseres Leben und vermittelt das wohlige Gefühl: Alles ist gut. Sogar die Wurmkiste aus Lärchenholz leistet im Kompost-Kapitel ihren poetischen Beitrag. "Wir sind", heißt es dort, "ein Land von Mülltrennern, und das ist gut so."

Für 13,90 Euro erhält man eine Art Edelsarg für Schriftstücke

Eine Werbepost-Studie aus dem Jahr 2018 kommt zu dem verblüffenden Ergebnis, dass Deutschland als Schnäppchenjäger-Hotspot der Sonderangebote ein, ja das Dorado schlechthin für Druckerzeugnisse aller Art ist: "Mit 1,9 Millionen Tonnen Werbepost pro Jahr verteilt Deutschland europaweit die meiste Werbung - jeder deutsche Haushalt erhält jährlich durchschnittlich 46 Kilogramm Werbung." Das ist mehr als das Doppelte des internationalen Durchschnitts in der Prospekt-Branche. Der Durchschnitt liegt bei 21 Kilogramm.

Deutschland ist deshalb auch in besonderer Weise betroffen von der bereits seit anderthalb Jahrzehnten im Sinkflug befindlichen, nun aber immer angespannteren Papierbranche, die einerseits energieintensiv ist (Erdgas ist der wichtigste Brennstoff in der Produktion) und andererseits gerade auch deshalb laut Capital an mittlerweile "astronomisch" steigenden Preisen leidet. Allein im Vergleich zum Juni vor einem Jahr sind die Großhandelsverkaufspreise von Papier und Pappe in Deutschland um 28 Prozent gestiegen. Sollten Sie diesen Text also zufälligerweise gerade auf einem zum Mythos werdenden Medium, vulgo: Zeitungspapier, lesen: Für ein kleines Gebet ist man dankbar.

Der Manufactum-Katalog ist nicht allein in seinem Elend. Und die Geschäftsführung will ohnehin vom Jammern nichts wissen. Kai Steffan sagt: "Manufactum kommt vom Print und aus dem Text und wir haben über die Jahrzehnte unsere eigene Signatur entwickelt. Diese gilt es nun in den digitalen Kanälen erlebbar zu machen." Viel Glück dabei, denkt man sich als nicht mehr ganz junger Mensch mit einem ausgesprochen analogen, offenkundig abnormen oder gar krankhaften Faible für Papier, das man anfassen, umblättern und in einem Anfall von schwerer Melancholie sogar mit Tränen netzen kann.

Im Manufactum-Online-Shop ist übrigens unter der Artikelnummer 80975 noch immer die Dokumentenmappe aus Hartpappe, "klassisch geprägt" und in "Kuvertmanier" erhältlich. Für 13,90 Euro erhält man eine Art Edelsarg für Schriftstücke, die sich der Erlebbarmachung in den digitalen Kanälen widersetzen und somit dem Untergang geweiht sind. Trost bietet die "griffige und feine, an Perlrochenhaut erinnernde Oberflächenprägung" der Dokumentenmappe, der dennoch irgendwann erst das papierhafte Dokument und dann auch die Daseinsberechtigung der Papieraufbewahrung entzogen wird. Die Aufbewahrung wird zur Aufbahrung. Die an Perlrochenhaut erinnernde Oberflächenprägung: Sie ruhe in Frieden.

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