Explosion in Chemiepark:"Ein tragischer Tag für Leverkusen"

Zwei Tote, 31 Verletzte und noch immer werden fünf Menschen vermisst: Nach der Explosion in einem Chemiepark in Leverkusen hat die Suche nach der Ursache begonnen.

Von Benedikt Müller-Arnold, Leverkusen

Das Bayer-Kreuz ist das Wahrzeichen von Leverkusen: 118 Meter hoch prangt der Schriftzug des Chemiekonzerns vor den Toren dieser Stadt bei Köln, Hunderte Lampen beleuchten es bis in die Nacht. Doch am Dienstagvormittag liegt dunkelgrauer Rauch hinter der Leuchtreklame. Hubschrauber knattern über Leverkusen, Feuerwehrautos eilen aus Köln in die Nachbarstadt.

Kurz vor zehn Uhr morgens kam es zu einer Explosion in einer Müllverbrennungsanlage, die Abfälle der nahen Chemiefabriken verwertet. Die Ursache ist nach Angaben der Firma Currenta noch unklar. Currenta betreibt den Chemiepark, in dem sich die Explosion ereignete, einen der wichtigsten Standorte der Chemieindustrie in Deutschland. Bayer war bis vor zwei Jahren noch mehrheitlich an Currenta beteiligt, dann stieg der australische Finanzinvestor Macquarie ein.

"Das war eine immense Detonation im gesamten Stadtgebiet", sagt Leverkusens Oberbürgermeister Uwe Richrath. Mehrere Messstationen des Geologischen Dienstes Nordrhein-Westfalen haben die Erschütterung noch 40 Kilometer entfernt registriert. "Das ist ein tragischer Tag für Leverkusen", sagt Richrath: Die Chemieindustrie und der Fußballverein - das sind nun mal die Dinge, mit denen man die 160 000-Einwohner-Stadt assoziiert.

Im Besucherzentrum des Chemieparks versucht Lars Friedrich am Nachmittag, eine erste Bilanz zu ziehen. Der Standortleiter spricht leise und bedächtig, er vermeidet Wörter wie Katastrophe. "Wir haben ein Ereignis", sagt Friedrich stattdessen, "bei dem wir einen Toten zu beklagen haben." Friedrich konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass die Rettungsmannschaften später noch ein weiteres Todesopfer finden würden.

Auch die Zahl der Verletzten wird nach oben korrigiert, anfangs ist von 16, später von 31 Personen die Rede, zwei von ihnen schwer, und dann sind da noch die fünf Vermissten, die man hofft, noch lebend zu finden.

War der Rauch giftig? Aktuell nicht auszuschließen

Nach der Explosion hätten drei Tanks gebrannt, gefüllt mit jeweils 200 000 bis 300 000 Litern flüssiger Lösungsmittel, die darauf gewartet hatten, in der Verbrennungsanlage verwertet zu werden. Das Ereignis, wie es Friedrich nennt, habe auch eine Stromleitung beschädigt. Diese musste zunächst vom Netz gehen, bevor die Feuerwehr löschen konnte; alles andere wäre zu gefährlich gewesen. Gegen Mittag teilte die Betreiberfirma dann mit, dass der Brand unter Kontrolle sei. Das Löschwasser habe das Betriebsgelände nicht verlassen, sagt Friedrich.

Nun analysiere man gemeinsam mit der Umweltbehörde, welche Stoffe da ausgetreten seien. War der Rauch etwa giftig? Man schließe momentan nichts aus, bleibt Friedrich vage. Eine schwere Stunde sei das für den Chemiepark, seine Firma verbreite gerade leider reichlich Angst und Schrecken.

Die Warn-App Nina ordnete das "Ereignis" jedenfalls in ihre höchste Stufe ein: extreme Gefahr. "Bitte gehen Sie in ein Gebäude", appellierte die Stadt. Die Menschen sollten Fenster und Türen schließen und Klimaanlagen ausschalten. Die Einsatzkräfte sperrten zeitweise mehrere Autobahnabschnitte.

Zugang über den Seiteneingang - "wegen Currenta"

Dementsprechend gleicht Leverkusen am Mittag einer ziemlichen Geisterstadt. "Wir müssen zumachen", ruft der Kellner im Eissalon eines Einkaufzentrums zu seinen Gästen: "zu gefährlich". Auch in der Fußgängerzone sollten die Geschäfte ihre Türen geschlossen halten, Zugang nur über den kleinen Seiteneingang. "Wegen Currenta", erklärt die Bäckereiverkäuferin. Und nein, so etwas habe sie auch noch nicht erlebt.

Wegen Corona, wegen Currenta: Zuweilen wirkt es, als komme Leverkusen gerade gar nicht raus aus der Krise. Keine zwei Wochen sind seit dem Starkregen vergangen, als Flüsschen wie die Wupper oder die Dhünn über das Ufer traten. Das Wasser beschädigte das Krankenhaus und viele Häuser im Nordosten der Stadt, vor allem im Stadtteil Opladen.

Am Dienstag nun wehte der Wind die Rauchsäule vom Rhein weg, abermals gen Osten: In Opladen ließ die Stadt am Nachmittag Spielplätze sperren, Anwohner sollen Obst und Gemüse aus dem Garten abwaschen, bevor sie es essen. Vorsichtsmaßnahmen, wie die Stadt betont. Noch weiß man ja nicht genau, was da womöglich auf die Menschen geregnet ist. Wer Ruß oder andere Rückstände auf dem Boden findet, solle dies einer städtischen Hotline melden.

Die Suche nach der Ursache beginnt

Der Ort des Geschehens, der "Chempark" in Leverkusen, ist einer der wichtigsten Industriestandorte im Rheinland. 1891 als Bayer-Werk gegründet, produzieren hier mittlerweile etwa 200 Betriebe Chemikalien: längst nicht mehr nur der Bayer-Konzern selbst, sondern etwa auch seine abgespaltenen Tochterfirmen Covestro oder Lanxess.

Schiffe liefern Ressourcen direkt über den Rhein an, moosgrüne Rohrbrücken leiten Produkte von Fabrik zu Fabrik. Viele Chemiebetriebe arbeiten hier auf einer Fläche von gut 600 Fußballfeldern im sogenannten Verbund: Das Nebenprodukt der einen kann der Rohstoff der anderen Fabrik sein. Und auch chemisch belasteter Sondermüll werde hier "auf höchstem technischen Niveau verwertet", wie der Chempark auf seiner Webseite schreibt. Warum das am Dienstag so fatal scheiterte, sollen Ermittlungen zeigen. Die Explosion in der Müllverbrennungsanlage ist das größte Unglück, das sich seit Jahren im Leverkusener Chempark ereignet hat.

© SZ/feko
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