Kriminalität:Brutale Langeweile

Obdachloser angezündet - Prozessbeginn

Blick auf die Angeklagten im Prozess um den angezündeten Obdachlosen in Berlin.

(Foto: dpa)
  • In Berlin hat der Prozess gegen sieben Jugendliche begonnen, die vergangenes Jahr in einem U-Bahnhof einen Obdachlosen angezündet haben sollen.
  • Die Anklage wirft ihnen versuchten Mord vor. Die Jugendlichen hätten aus Langeweile heraus die Tat begangen.
  • Das Opfer blieb unverletzt, weil ein U-Bahn-Fahrer mit einem Feuerlöscher zu Hilfe eilte.

Von Verena Mayer, Berlin

Herr B. kommt aus Polen und suchte in Berlin sein Glück. Er fand es nicht, und so trank er und verbrachte die Nächte auf einer Bank im U-Bahnhof Schönleinstraße. Nour, Mohammad, Khaled, Ayman, Mohamad, Bashar und Eyad sind aus Syrien und Libyen geflohen und suchten in Berlin ebenfalls ihr Glück. Sie fanden es nicht, und so trieben sie sich herum, in der Stadt, auf den Straßen, in der U-Bahn. An Heiligabend des vergangenen Jahres trafen sie aufeinander, der Obdachlose und die sieben jungen Flüchtlinge.

Es war schon spät in der Nacht, als die jungen Männer auf dem U-Bahnhof Schönleinstraße auf die grüne Holzbank zugingen, auf der B. lag. Er war in einen Schlafsack gewickelt, seinen Kopf hatte er auf einen Rucksack gelegt, der in einer Plastiktüte steckte. Wie immer hatte B. getrunken, und so wachte er nicht auf, als Nour mit seinem Feuerzeug ein Stück Papier anzündete und dieses neben den Kopf des Obdachlosen legte.

Als es nicht brannte, beriet er sich mit den anderen, steckte dann ein Taschentuch in Brand und warf es neben die Plastiktüte. Danach sprangen die jungen Männer in die einfahrende U-Bahn. Auf den Bildern der Überwachungskamera, die später veröffentlicht wurden, kann man sehen, wie die sieben im Waggon herumturnen, lachen, sich Sachen zurufen. Einer guckt noch aus dem Fenster, es wirkt, als habe er noch wissen wollen, was auf dem Bahnsteig passiert. Zum Glück passiert nicht viel. Fahrgäste, die das Feuer sehen, kommen Herrn B. sofort zu Hilfe, ein BVG-Mitarbeiter löscht den Brand mit einem Feuerlöscher.

Die Tat fiel in eine Zeit, als die Berliner U-Bahn wegen schwerer Gewalttaten in den Schlagzeilen war, kurz zuvor war der Fall einer Frau bekannt geworden, die auf einem U-Bahnhof derselben Linie U8 von einem Mann die Treppe hinuntergetreten worden war, ohne Grund, einfach so.

Aber warum sollten ausgerechnet Jugendliche, die selbst erst Gewalt und Krieg hinter sich gelassen hatten, den Tod eines wehrlosen Mannes billigend in Kauf nehmen, wie das der Staatsanwalt sieht? Bashar, der jüngste der sieben, war gerade mal 15 Jahre alt.

Das wird nun der Prozess klären müssen, der am Dienstag vor dem Berliner Landgericht begonnen hat. Die Angeklagten sitzen zwischen ihren Verteidigern, in zwei Reihen hintereinander, allesamt dunkelhaarige junge Männer in Sweatern und Turnschuhen, die meisten haben den Kopf gesenkt und wirken verloren zwischen den vielen Verteidigern und Gutachtern. Einige können inzwischen ein wenig Deutsch, die anderen gucken auf die Dolmetscherin, als könnte sie ihnen erklären, warum sie hier sind.

Der älteste Angeklagte ist 21 Jahre alt

Ayman sieht hin und wieder in den Zuschauerraum, wo seine Eltern sitzen, die Mutter mit Kopftuch, der Vater mit zerfurchtem Gesicht. Nour, der Anstifter, der mit 21 Jahren der älteste, aber auch der kleinste der sieben ist, wirkt, als sei er den Tränen nahe. Er bekommt kaum den Mund auf, als ihn die Richterin nach seinem Geburtsdatum fragt. "Der 20. im elften Monat", sagt Nour leise. Ob er da sicher sei, fragt ihn die Richterin. "Nein, es ist der 21.", sagt Nour.

Die Plastiktüte unter dem Kopf des Obdachlosen habe schnell und stark gebrannt

Der Staatsanwalt verliest die Anklageschrift. Sie lautet auf versuchten Mord, weil die jungen Männer heimtückisch gehandelt hätten. So habe ein Gutachten der Bundesanstalt für Materialforschung ergeben, dass die Plastiktüte unter dem Kopf des Obdachlosen sehr schnell und stark gebrannt habe, der Mann also auf besonders grausame Art gestorben wäre.

Das sieht die Verteidigung anders. Als die jungen Männer das Taschentuch anzündeten, hätten sie auf der Anzeige am Bahnsteig gesehen, dass in zwei Minuten eine U-Bahn kommt, sagt einer der Verteidiger in einer Prozesspause. Sie hätten also nicht mit dem Tod des Mannes rechnen können, "die haben einfach etwas Leichtsinniges gemacht".

Was auch immer der Prozess, der am Freitag fortgesetzt wird, ergeben wird - der Fall hat ein Schlaglicht auf die Lebensbedingungen unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge geworfen. Fünf der Angeklagten kamen ohne Eltern nach Deutschland, der Palästinenser Nour war in Syrien schon in einem Flüchtlingslager geboren worden. In Berlin lebten sie dann in irgendwelchen Unterkünften, lernten Deutsch oder auch nicht. Bashar war selbst obdachlos, als er nach einer öffentlichen Fahndung verhaftet wurde. Die Untersuchungshaft ist sein erster fester Wohnsitz in Deutschland.

Der Staatsanwalt glaubt allerdings nicht, dass die Verhältnisse in den Unterkünften eine Rolle gespielt haben. Die jungen Männer hätten nicht in "der schwierigen Massenunterbringung" gelebt, wie es sie noch immer in Berlin gibt.

Es sei eher auffällig, sagt der Staatsanwalt, dass die Tat "in der Heiligen Nacht" geschah, als alles geschlossen hatte und nicht mehr viele Leute unterwegs waren. "Die haben sich einfach gelangweilt."

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