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Straßenkunst:Köln will die Domplatte zur kulturfreien Zone erklären

Musizieren, malen und Pantomime vor dem Kölner Dom sollen künftig verboten sein. Selbst die Kirche hält die geplante Regelung für überzogen.

Von Bernd Dörries, Köln

Neulich, so erzählt man sich in Köln, habe mal wieder eine Musikgruppe auf der Domplatte gestanden und sich an der Panflöte ausprobiert, immer wieder dasselbe Lied. Irgendwann sollen dann die Leute aus ihren Büros im Domforum heruntergestiegen sein zu den sogenannten Musikern, mit einem selbstgemalten Plakat. "Gnade" hatten sie darauf gemalt.

Der Kölner Dom ist die am meisten besuchte Sehenswürdigkeit Deutschlands. Der Platz davor kann aber auch als der am meisten von Musikern, Bettlern, Demonstranten und Kreidezeichnern heimgesuchte Ort des Landes gelten.

Anwohner können bei geschlossenem Fenster nicht mehr telefonieren

Nicht jeder beherrscht sein Instrument so, dass es eine gute Idee ist, sich damit einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren. Regelmäßig lassen sich vor der Kathedrale Gruppen chinesischer Touristen beobachten, die wiederum darüber rätseln, was die Menschen auf dem Boden wohl mit ihren Kreidezeichnungen ausdrücken wollen. Auf Kleinkunstbühnen wechselt zumindest das Programm - auf der Bühne Domplatte treten fast jeden Tag dieselben Leute auf, die sich mit Silberfarbe anmalen und einfach da stehen. Seit Jahren beschweren sich Anwohner darüber, dass sie selbst bei geschlossenen Fenstern nicht mehr telefonieren können.

Das soll sich ändern, die Stadtverwaltung will die Domumgebung zu einer Art kulturfreien Zone erklären. Musizieren, malen und auch Pantomime sollen künftig verboten sein. Der kulturelle Verlust vor dem Weltkulturerbe wäre in vielen Fällen überschaubar, in Köln fragen sich aber viele, ob ein bisschen Gaukelei nicht einfach zum Leben in einer Großstadt gehört. Selbst die Kirche, deren Gottesdiensten die Stadt mehr Ruhe verschaffen will, hält die geplante Regelung für überzogen. "Lasst dem Dom die Kleinkunst, sie gehört zum kölschen Lebensgefühl", sagte Dompropst Gerd Bachner. Er begrüße aber, dass die Stadt die Zustände am Dom endlich verbessern wolle.

Die Rückseite der Kirche ist zum öffentlichen Pissoir verkommen

Es gab eine Zeit, da musste man fast sagen, dass der Kölner Dom das Pech hatte, in Köln zu stehen. Während andere Kathedralen in Europa ihre Größe und Würde auch daraus beziehen, dass sie weitläufige Plätze um sich haben und leicht erhöht stehen, ist der Kölner Dom eingepfercht zwischen Neubauten, die Verwaltung ließ es sogar zu, dass ein Fotogeschäft aus Beton an die Kirche geklebt wurde.

Die Domplatte wurde zum Portal hin erhöht, um die Kirche näher an den Menschen zu bringen. Die Nähe führte aber auch dazu, dass die Rückseite der Kirche zu einem öffentlichen Pissoir verkommen ist, dass Partytouristen mit Regenschirmen Souvenirs aus dem Dom brechen. Vieles hatte sich bereits deutlich verbessert in den vergangenen Jahren, die Domplatte wurde aufwendig saniert. Der Wusch nach einer sicheren und sauberen Domplatte blieb aber Grundkonsens in Köln.

Nach den massenhaften Übergriffen der Neujahrsnacht will die Stadtverwaltung die Domumgebung und den Bahnhofsvorplatz nun dauerhaft zu einer Sonderzone machen, für mehr Sauberkeit und Sicherheit sorgen und dadurch zeigen, dass es auch in Köln Grenzen gibt, die nicht überschritten werden dürfen. Schließlich geht es auch um den Ruf der Stadt in der Welt, nach der Neujahrsnacht gingen die Touristenzahlen zurück. Doch selbst dem Tourismusverband geht die geplante Regelung zu weit. "Die jetzige Situation ist untragbar. Aber in einer weltoffenen Metropole kann man keine rigorosen Verbote aufstellen", sagte Josef Sommer, der Geschäftsführer von Köln-Tourismus dem Kölner Stadt-Anzeiger.

Köln gehören die kölschen Lösungen. "Alles oder nichts" passt nicht

Im November muss der Rat über die neue Stadtordnung entscheiden. Die Opposition kündigte bereits Widerstand an. "Wir benötigen bessere Kontrollen, aber nicht immer neue und unverhältnismäßige Verbote", teilte die SPD-Fraktion mit. Und selbst den Luxushoteliers vor dem Dom würden Lautstärke- und Qualitätskontrollen reichen, wie sie in andern Städten üblich sind.

"Zu Köln gehört das kölsche Lebensgefühl. Und zu Köln gehören auch die kölschen Lösungen. ,Alles oder nichts' ist preußisch, aber nicht kölsch", sagt Dompropst Bachner. Leben und Leben lassen also. Keiner kann das besser als die Kölner.

© SZ vom 27.10.2016/ees

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