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Karneval:Stürmische Zeiten

Die Karnevalisten trotzten dem Sturm "Bennet". Die Wagen beschäftigten sich in diesem Jahr viel mit der AfD, aber auch mit internationalen Themen wie dem Brexit und dem Journalistenmord an Jamal Kashoggi.

Von Christian Wernicke, Susanne Höll

Morgens um 10 Uhr hatten die Jecken das Duell gewonnen: Frühlingssturm Bennet gegen den stürmischen Feierdrang des Rheinlands - dieser Kampf hatte sich über das halbe Wochenende hingezogen. Es drohte eine Absage wegen Unwetters. Doch nach kleinen Konzessionen - Köln, Düsseldorf und Mainz verzichteten auf Pferde im Zug, zudem marschierten die Düsseldorfer verspätet los - triumphierte am Rosenmontag die fünfte Jahreszeit über die erste.

Ab und an schien am Montag sogar die Sonne auf Narren wie die drei Kölner Tripod-Fahrer, die vorn auf ihre riesigen Drahtesel Pferdeköpfe montiert hatten. Rösser aus Plastik und Pappmasché waren erlaubt, trotz Bennet. In Mainz traf das Pferdeverbot besonders hart die Ranzengarde, die ursprünglich nur wohlbeleibten Männern vorbehalten war (Schlachtruf: "Die Garde isst und trinkt, aber sie übergibt sich nicht."). Weil die Pferde vorm Wagen fehlten, marschierten einige mit Steckenpferden.

Ein Star im Kölner Zoch war der Astronaut und bekennende Kölner "Immi" (Immigrant) Alexander Gerst, der bis Dezember 2018 um die Erde gekreist war und nun bei der Fahrt durch die Altstadt sagte: "Dies ist eines der besten Erlebnisse, das ich in den letzten Jahren hatte."

Düsseldorf war pointierter

Als Beitrag zum politischen Karneval bot Köln zweierlei auf: Einen Motivwagen mit einer untergehenden Titanic namens SPD, auf dessen Bugspitze Olaf Scholz Parteichefin Andrea Nahles umarmt. Und leibhaftig den nicht von allen Narren geliebten NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU), begleitet von sechs Polizisten: Aktivisten aus dem Hambacher Forst hatten vorher gedroht, wegen des jecken Ehrengastes den gesamten Zug zu blockieren.

Pointierter ging es in Düsseldorf zu. Dort zu sehen, inszeniert von Wagenbauer Jacques Tilly, war etwa US-Präsident Donald Trump als "Schmutzengel" für den saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, dem nach dem Mord an Regimekritiker Jamal Kashoggi das Blut von Händen und Nase tropft. Später folgten AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, inszeniert als Ziehsohn eines begeisterten Nazi-Propagandaministers Joseph Goebbels. Der Sturm rechtsextremer Entrüstung blieb bis zum Abend weit unter Bennet-Windstärken.

© SZ vom 05.03.2019

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