Prozess:Heard: "Die Enttäuschung, die ich heute fühle, kann man nicht in Worte fassen"

Lesezeit: 4 min

Prozess: Amber Heard kommt zur Urteilsverkündung am Gericht an.

Amber Heard kommt zur Urteilsverkündung am Gericht an.

(Foto: AFP)

Die Jury spricht Amber Heard und Johnny Depp der Verleumdung schuldig. Größtenteils stellen sich die Geschworenen aber auf die Seite von Depp.

Im Verleumdungsprozess zwischen Hollywood-Star Johnny Depp und seiner Ex-Ehefrau Amber Heard hat sich die Jury größtenteils auf die Seite von Depp gestellt - aber auch Heard in einigen Punkten recht gegeben. Das teilten die sieben Geschworenen der Richterin Penney Azcarate am Mittwoch vor Gericht im Bezirk Fairfax im US-Bundesstaat Virginia mit. Zuvor hatte sich die Verkündung des Urteils verzögert, weil die Jury den von ihr als angemessen betrachteten Schadenersatz nicht auf dem entsprechenden Formular eingetragen hatte.

Heard verfolgte die Urteilsverkündung ganz in Schwarz gekleidet vor Gericht, Depp zeigte sich nicht. Vor dem Gericht hatten sich zahlreiche Schaulustige und Fans vor allem von Depp versammelt, die nach dem Urteil in Jubel ausbrachen und "Johnny, Johnny" riefen.

Die Geschworenen befanden beide schuldig, den jeweils anderen verleumdet zu haben. Dabei stellte sich die Jury jedoch größtenteils auf die Seite von Depp. Sie sprachen Depp 15 Millionen Dollar Schadenersatz zu, wovon fünf Millionen Dollar einen strafenden Charakter für Heard haben sollen. Letztere Summe reduzierte die Richterin aufgrund entsprechender Regulierungen im Bundesstaat Virginia auf 350 000 Dollar. Heard bekam zwei Millionen Dollar Schadenersatz zugesprochen, aber null Dollar mit strafendem Charakter für Depp. Letztendlich muss Heard dem Urteil zufolge folglich 8,35 Millionen Dollar (knapp 8 Millionen Euro) an Depp zahlen. Eine Berufung in dem Fall gilt als wahrscheinlich.

"Diese Jury hat mir mein Leben zurückgegeben", teilte Depp anschließend mit und bedankte bei der Jury und auch bei seinem Anwaltsteam und seinen Unterstützern. "Das Ziel, diesen Prozess voranzubringen, war von Anfang an, die Wahrheit ans Licht zu bringen - egal wie es ausgehen würde. Die Wahrheit zu sagen war etwas, was ich meinen Kindern und all denjenigen, die mich immer unterstützt haben, geschuldet habe. Jetzt wo ich das geschafft habe, fühle ich einen inneren Frieden in mir."

Heard zeigte sich hingegen zutiefst enttäuscht. "Die Enttäuschung, die ich heute fühle, kann man nicht in Worte fassen", schrieb die Schauspielerin via Kurznachrichtendienst Twitter. Dass die Jury ihr trotz eines "Bergs an Beweisen" größtenteils nicht geglaubt habe, breche ihr Herz. Zudem sehe sie das Urteil als einen "Rückschritt" für andere Frauen in ähnlicher Situation. "Ich bin traurig, dass ich den Prozess verloren habe. Aber ich bin noch trauriger, dass ich anscheinend ein Recht verloren habe, von dem ich davon ausgegangen war, dass ich es als Amerikanerin habe - frei und offen zu sprechen."

In ihren Abschlussplädoyers hatten die Anwälte beider Seiten am Freitag noch einmal heftige Anschuldigungen von sexuellem Missbrauch, körperlicher Gewalt, Lügen und Drogenexzessen vorgebracht - und alles daran gesetzt, die sieben Mitglieder der Jury auf ihre Seite zu ziehen.

Per Livestream konnte die ganze Welt zusehen

Im Gericht im Bezirk Fairfax im US-Bundesstaat Virginia - und über Kameras per Livestream in alle Welt verbreitet - wurden schockierende Handyvideos, Tonaufzeichnungen mit übelsten Beschimpfungen und Fotos mit Blutergüssen präsentiert. Richterin Penney Azcarate erinnerte die sieben Geschworenen daran, zu einem einstimmigen Schluss kommen zu müssen.

"Es gibt ein Opfer von häuslicher Gewalt in diesem Gerichtssaal, aber das ist nicht Frau Heard", sagte Depps Verteidigerin Camille Vasquez in ihrem Schlussplädoyer. "Frau Heard ist vielmehr die Täterin und Herr Depp der Missbrauchte." Heard habe vor Gericht genau das erzählt, was die Jury ihrer Meinung nach hören musste, um Depp als "Missbrauchstäter und Vergewaltiger" zu verurteilen, sagte Vasquez. Sie habe ständig gelogen und auf Fotos angebliche Verletzungen manipuliert, so dass sie sich als Opfer habe ausgeben können. Zudem habe sie in Tonaufzeichnungen zugegeben, dass sie in einem Streit gegenüber Depp handgreiflich geworden sei und ihn geschlagen habe.

Heards Anwalt Benjamin Rottenborn wiederum zeichnete ein Bild von Depp als wütendem, aggressivem Mann, der vor allem unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen zum "Monster" geworden sei. Er zeigte ein Handyvideo, von Heard aufgenommen, in dem der "Fluch der Karibik"-Star auf Küchenschränke einschlägt. Er verlas eine angeblich von Depp geschriebene SMS mit schockierenden Beschimpfungen, etwa über Heards "faulende Leiche".

"Diese Worte sind ein Fenster in das Herz und die Seele von Amerikas liebstem Piraten", spottete Rottenborn. "Dies ist der wirkliche Johnny Depp." Es gebe "überwältigende Beweise für Missbrauch", betonte der Anwalt. "Herr Depp kann einfach nicht beweisen, dass er Amber nicht mindestens einmal missbraucht hat." Die Schauspielerin hatte im Zeugenstand mehr als ein Dutzend Vorfälle von angeblicher Gewalt seitens Depp beschrieben. Ein Urteil gegen Heard wäre eine niederschmetternde Botschaft für Missbrauchsopfer auf der ganzen Welt, sagte Rottenborn.

Depp räumte Streit ein

Depps Anwalt Benjamin Chew wiederum stellte den Hollywood-Schauspieler als angesehenen Mann dar, dessen Leben und Karriere durch Heards "bösartige Lügen" zerstört worden sei. Depp hatte zum Auftakt des Prozesses im Zeugenstand erklärt, er wolle "die Wahrheit" ans Licht bringen und seinen Ruf wiederherstellen. In ihrer Beziehung habe es Streit gegeben, räumte der Schauspieler ein. "Aber niemals bin ich an den Punkt gekommen, Miss Heard auf irgendeine Weise zu schlagen, noch habe ich jemals in meinem Leben eine Frau geschlagen", sagte Depp unter Eid.

In seiner Zivilklage beschuldigt Depp die Schauspielerin, in einem 2018 von der Washington Post veröffentlichten Kommentar zum Thema häusliche Gewalt falsche Aussagen gemacht zu haben. Dies hätte seinem Ruf geschadet. Wegen Verleumdung verlangte Depp 50 Millionen Dollar (gut 46 Millionen Euro) Schadenersatz. Heard pochte in einer Gegenklage auf 100 Millionen Dollar. Sie machte geltend, dass Depps Ex-Anwalt Adam Waldman mit einer Schmutzkampagne ihrem Ansehen geschadet habe.

Der bittere Rosenkrieg tobt schon seit Jahren. 2016 hatte Heard nach nur 15 Monaten Ehe die Scheidung eingereicht. Sie warf dem Hollywood-Star häusliche Gewalt vor. Vor zwei Jahren hatte Depp in London mit einer Klage gegen die Boulevardzeitung Sun eine Niederlage einstecken müssen. Es ging um einen Artikel, in dem behauptet wurde, Depp habe als Frauenschläger ("wife beater") Heard körperlich misshandelt. Nach einem Prozess mit heftigen Vorwürfen wies der High Court die Klage am Ende ab.

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