Tempo-10-Zonen:"Das ist mehr eine politische Frage"

Besuch des Blausteinsees in der Nähe von Aachen Dieses Bild zeigt eine verkehrstafel mit Geschwindi

Nicht jeder ist begeistert von Tempo-10-Zonen.

(Foto: Rudi Gigler/imago)

Eine Frau wird geblitzt - weil sie 16 km/h in einer Tempo-10-Zone fuhr. Aber ist diese Überschreitung überhaupt gefährlich? Und welche Geschwindigkeitsbegrenzungen ergeben Sinn?

Interview von Oliver Das Gupta

In Oberhausen wurde eine Autofahrerin erwischt, die mit 16 km/h durch eine Tempo-10-Zone, nun ja, bretterte. Aber: Ist eine solche Geschwindigkeitsübertretung überhaupt gefährlich? Und ergeben solche Limits überhaupt Sinn? Anruf bei Heiko Johannsen, dem Leiter der Unfallforschung in der Medizinischen Hochschule Hannover.

SZ: Hallo Herr Johannsen, danke für den Rückruf. Sie sind gerade im Urlaub?

Heiko Johannsen: Ja genau, in Baden-Württemberg am Bodensee.

Wie schön. Offenbar sind Sie im Freien zu Fuß unterwegs. Wie schnell sind Sie denn dabei?

Haha, hört man das? Höchstens 3 km/h.

Ich frage nur, weil ich mit Ihnen über niedrige Geschwindigkeiten sprechen möchte. Im nordrhein-westfälischen Oberhausen ist eine Verkehrsteilnehmerin mit 16 km/h in einer Tempo-10-Zone geblitzt worden. Kurios, nicht wahr?

Das wirft einige Fragen auf. Etwa: Wie steht es mit der Tempo-Toleranz, also bei welcher Überschreitung wird ein Verfahren eingeleitet? In einigen Regionen werden 6 km/h toleriert, in anderen 9 km/h. Einerseits gibt es die Fehlertoleranz beim Messen - und dann ist da noch die Ermessenstoleranz.

In Oberhausen sieht man es offenbar etwas strenger. Inwiefern ist denn Tempo 16 überhaupt gefährlicher als Tempo 10?

Das kommt darauf an, wie weit man fährt, bis man anfängt zu bremsen - und wie lange es dann dauert, bis man stehenbleibt. Zwischen Tempo 30 und Tempo 50 gibt es einen Riesenunterschied. Je geringer das Tempo aber ist, desto kleiner sind die Unterschiede.

Heiko Johannsen

Heiko Johannsen ist Leiter der Unfallforschung in der Medizinischen Hochschule Hannover.

(Foto: UFO)

Und um wie viel länger ist im Durchschnitt der Bremsweg bei Tempo 16 im Vergleich zu Tempo 10?

Beim zurückgelegten Weg während der Reaktionszeit von einer Sekunde plus Bremsweg gibt es folgende Unterschiede: Bei 10 km/h sind es 3,2 Meter. Und bei 16 km/h sind es 5,6 Meter.

Ergibt denn eine Beschränkung auf Tempo 10 überhaupt Sinn? Geübte Läufer sind schließlich schneller, Fahrradfahrer sowieso.

Geschwindigkeitsbeschränkungen sind sinnvoll. Aber ob gerade Tempo 10 oder nicht, das ist mehr eine politische Frage. Wenn festgelegt wird, dass die Regel so aussieht, dann sieht sie halt so aus.

Basieren Tempobeschränkungen denn nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen?

Nun ja, man setzt oft irgendwo eine Grenze und hat meistens keinen triftigen Grund. Warum macht man Tempo 50 und nicht Tempo 45? Ein bezeichnendes Beispiel dafür ist auch der Euro-NCAP-Test, ein geläufiger Crashtest, bei dem man mit einer Geschwindigkeit von 64 km/h arbeitet. Wie kam man darauf?

Verraten Sie es uns.

Weil das nah dran ist an der englischen Meilenangabe. Also: Es ist eine rein willkürliche Festlegung, um leichter umrechnen zu können.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Beispiel für Tempo 10: Von der Buxtehuder Altstadt bis zur Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg. Aber Sie scheinen nicht so überzeugt zu sein von Tempo-10-Zonen.

Es geht ja auch um die Praktikabilität: Bei nicht wenigen Autos zeigt der Tacho erst Geschwindigkeiten ab 20 km/h an. Die meisten Menschen tun sich schwer, den Unterschied zwischen Schrittgeschwindigkeit und einem Tempo von 10 km/h richtig zu erkennen. Und wenn man sich darauf verlassen muss, dass Verkehrsteilnehmer ihr Tempo richtig schätzen, wird es schwierig.

Haben Sie einen Rat, was man tun könnte?

Das ist jetzt ohne wissenschaftliche Fundierung gesprochen, sondern mit einer pragmatischen Sicht auf die Dinge: Ich wäre eher für Schrittgeschwindigkeitszonen wie in Spielstraßen. Darin sind wir einfach geübter.

Passiert denn in Spielstraßen und anderen temporegulierten Zonen so viel weniger als im Vergleich zu Autobahnen, wo die Verkehrsteilnehmer besonders aufmerksam sind?

Na klar! Umso langsamer ich fahre, umso leichter fällt es mir zu reagieren und umso höher ist die Chance, dass weniger Schaden passiert. Dann ist eben nur die Hose schmutzig und nicht ein Bein kaputt. Natürlich passiert auch in solchen Bereichen immer mal wieder etwas Schwerwiegenderes. Wir haben zum Beispiel ab und zu Fälle, bei denen ältere Menschen von rückwärtsfahrenden Fahrzeugen erfasst oder touchiert werden. Wenn Senioren stürzen, kann das ja leider schnell schwerwiegende Folgen haben. Aber das sind eher Einzelfälle.

© SZ/moge
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