Haftbedingungen Nudeln sind die neue Währung in US-Gefängnissen

Ramen-Nudelsuppe wird in US-Gefängnissen zur neuen Währung.

(Foto: AP)

Zigaretten sind die klassische Untergrund-Währung, dachte man. Doch mittlerweile ist in US-Gefängnissen eine kalorienreiche Fertigsuppe mehr wert.

Von Kathrin Werner, New York

Zigaretten haben als Untergrundwährung in amerikanischen Gefängnissen ausgedient. Die Häftlinge wollen lieber Ramen, eine Fertig-Nudelsuppe, die sie mit heißem Wasser aufgießen. Der Grund sei einfach: Sie haben Hunger, sagt Michael Gibson-Light von der University of Arizona, der eine Studie dazu angefertigt hat. "Weil sie billig, lecker und kalorienreich sind, sind Ramen so wertvoll geworden, dass man sie gegen andere Güter tauschen kann." Die japanischen Trockennudeln kosten im Gefängnisladen 59 Cent. Im Tausch für zwei Päckchen bekomme man auf dem Schwarzmarkt unter den Insassen ein Sweatshirt, das mehr als zehn Dollar wert ist.

Zwischen 2002 und 2010, neuere Zahlen gibt es nicht, sind die Ausgaben der Bundesstaaten für Gefängnisse leicht auf jährlich 48,5 Milliarden Dollar gesunken, die Zahl der Häftlinge dagegen ist rasant gestiegen. Inzwischen sitzen insgesamt mehr als 2,2 Millionen Menschen in den USA in Haft. Überall im Land versuchen Gefängnisse, die Kosten für die Ernährung der Häftlinge zu drücken. Selbst in staatlich geführten Haftanstalten übernimmt die Küche zunehmend eine private Firma. Der gemeinnützigen Gruppe The Marshall Project zufolge haben viele Gefängnisse das Mittagessen gestrichen, an manchen Tagen bekommen die Straftäter nur rund 1700 Kalorien. Das sind 1000 Kalorien weniger, als die US-Gesundheitsbehörde für mittelaktive Männer empfiehlt. Im Gordon County Jail essen sie, so sagen Menschenrechtler, aus Not sogar Zahnpasta und Toilettenpapier.

Ein Sheriff aus Arizona wirbt in seinem Lebenslauf, dass das Essen in seinen Gefängnissen billiger als sonst irgendwo in den USA sei: zwischen 15 und 40 Cents. Er habe Salz und Pfeffer gestrichen und so 20 000 Dollar pro Jahr gespart. Einer Studie aus Harvard von 2005 zufolge wird Essen oft als Strafe benutzt: Es wird einbehalten oder unappetitlich präsentiert. Auch könnten sich Insassen nicht darauf verlassen, dass die Mahlzeit sie nicht vergiftet, möglicherweise durch die Wachleute beabsichtigt. Die strengen US-Gesetze für Lebensmittelsicherheit gelten hinter Gittern nicht, stattdessen gibt es einen Wust an Regeln, die sich teils sogar von Anstalt zu Anstalt unterscheiden und oft nicht einmal grundlegende Hygiene garantieren.

"Egal wer du bist, du kochst Ramen"

Ramen dagegen ist luftdicht versiegelt und hat ein Haltbarkeitsdatum. Gibson-Light hat knapp 60 Insassen für seine Studie befragt, Berichte aus anderen Gefängnissen bestätigen seine Einschätzung. Ramen habe sich schon seit Jahren als Lieblingsessen im Knast durchgesetzt, schreibt der ehemalige Häftling Gustavo "Goose" Alvarez in seinem Buch "Prison Ramen". Darin liefert er Ideen, wie man die Suppe mit Zutaten aus dem Gefängnisladen oder der Küche verfeinern kann. "Es ist das Grundnahrungsmittel von allen im Gefängnis", sagt Alvarez. "Egal wer du bist, du kochst Ramen."

Die Insassen bezahlen die Nudelsuppe mit dem Lohn, den sie in den Gefängnisbetrieben bekommen, oder mit Geld, das ihnen Besucher zustecken. Hinter Gittern bestimmt sich Reichtum inzwischen vor allem danach, wie viele Päckchen Ramen der Insasse lagert. "Währungen ändern sich nicht oft und leicht, noch nicht einmal in der Untergrundgesellschaft in Gefängnissen", sagt Gibson-Light. "Es braucht ein größeres Problem oder einen Schock, um das auszulösen."