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Sexuelle Gewalt in Gefängnissen:"Keiner kontrolliert, was in den Zellen geschieht"

Vergewaltigung im Gefängnis - Prozessbeginn gegen 35-Jährigen

In der Justizvollzugsanstalt im ostthüringischen Hohenleuben soll ein Mann einen Mithäftling vergewaltigt haben.

(Foto: Bodo Schackow/dpa)

Die mutmaßliche Vergewaltigung eines Insassen in Hohenleuben ist kein Einzelfall, sagt Manuel Matzke im Interview. Der Sprecher der Gefangenengewerkschaft macht auch das Klima verantwortlich, das in deutschen Gefängnissen herrsche.

Interview von Moritz Geier

Vor dem Landgericht Gera wird derzeit ein Fall verhandelt, der Aufsehen erregt hat. Laut Anklage soll ein heute 35-Jähriger im Juni 2018 seinen Mithäftling in der JVA Hohenleuben in Thüringen in der gemeinsamen Zelle über zwei Wochen mehrmals vergewaltigt haben. Beim Prozessauftakt am Montag widersprach das mutmaßliche Opfer einigen Angaben, die es zuvor bei der Polizei gemacht hatte, der Prozess könnte bis Anfang Juli andauern. Manuel Matzke, Bundessprecher der deutschen Gefangenengewerkschaft, glaubt, dass Hohenleuben kein Einzelfall ist. Er macht unter anderem das Klima verantwortlich, das an deutschen Gefängnissen herrsche und es Opfern erschwere, sich zu offenbaren.

SZ: Herr Matzke, ein Szenario wie jenes, das vor dem Landgericht Gera verhandelt wird, kennt man eher aus amerikanischen Hollywoodfilmen.

Manuel Matzke: Es geschieht aber leider auch in deutschen Gefängnissen. Wie häufig, ist zwar schwer zu sagen - der Justizvollzug ist hier nicht transparent, es gibt eine Mauer des Schweigens. Aber wir von der Gewerkschaft glauben, dass die Dunkelziffer sehr viel höher ist als das, was öffentlich bekannt wird.

Das Opfer erhoffte sich nach eigener Aussage, dass der Angeklagte ihn vor Mithäftlingen schützen würde, wenn er ihm sexuelle Dienste leistet.

Die Täter sind in solchen Fällen oft körperlich überlegen. Sie suchen sich schwächere Insassen aus, die sich nicht wehren können und denen das Gefängnisumfeld auch psychisch immens zusetzt. Die Täter schaffen Bedrohungsszenarien und nutzen das Machtgefüge für sich.

Wie sieht so ein Bedrohungsszenario aus?

Die Angst vor körperlicher Gewalt spielt natürlich eine Rolle. Aber jeder Fall ist anders. Es kommt vor, dass Insassen Personen außerhalb des Gefängnisses unter Druck setzen. Dass sie sich über das Umfeld eines Mithäftlings informieren und versuchen, ihn damit zu erpressen. Oder jemand einen Abhängigen mit Betäubungsmitteln versorgt und ihn damit unter Druck setzt: Ich stelle das ein, wenn du nicht dies und jenes für mich machst. Das ist eine Problematik, die der Justizvollzug eigentlich erkennen müsste.

Manuel Matzke, 33, ist seit 2018 Bundessprecher der Gefangenengewerkschaft. Seit November 2014 verbüßt er eine Freiheitsstrafe in der Justizvollzugsanstalt Zeithain. Er ist Freigänger im offenen Vollzug.

(Foto: privat)

Müssten nicht die Wärter für die Sicherheit eines Häftlings sorgen, statt der Mithäftlinge?

Natürlich. Wärter, Psychologen, soziale Dienste, alle, die täglich in den Gefängnissen sind, müssten für die Sicherheit der Gefangenen sorgen. Und sie sollten die Gefahren erkennen. Wenn ein Mensch dieses Martyrium durchlebt, dann verändert er sich. Das Fachpersonal ist dazu da, auf solche Dinge zu achten. Doch das passiert einfach nicht ausreichend. Die Justiz missachtet ihre Fürsorgepflicht.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Was läuft in solchen Fällen bei der Bewachung konkret schief?

Die Tagesabläufe in Anstalten unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland. Normalerweise gibt es den sogenannten Aufschluss, bei dem sich die Inhaftierten frei auf den Gängen und Stationen bewegen dürfen, zum Telefonieren etwa. Dort hält man sich an die Regeln. Aber wenn die Zellen zu sind, dann kontrolliert keiner, was in den Zellen geschieht. Kontrollgänge beziehungsweise Zählungen gibt es nur zu drei festen Tageszeiten.

Wie kann sexuelle Gewalt dann verhindert werden?

Das Wichtigste ist, dass es dem Justizvollzug gelingt, Vertrauen zu schaffen bei den Inhaftierten, gerade bei Betroffenen. Das funktioniert aber nur, wenn man sich klarmacht, dass man es mit Menschen zu tun hat. Dass man ihnen auf Augenhöhe begegnet und ihnen nicht vermittelt: Du bist hier nur eine Nummer. Es ist elementar wichtig, dass es Ansprechpartner gibt, Bedienstete, Sozialarbeiter, die verstehen, worum es geht. Das Personal muss besser geschult werden, mit Fortbildungen, die für alle verpflichtend sind. Aber es gibt noch mehr Probleme.

Welche?

Leider wenden sich Opfer oft nicht an die zuständigen Mitarbeiter, um Hilfe zu suchen, weil sie Scham empfinden. Und weil sie dann immer diesen Schleier mit sich herumtragen, sie hätten jemanden verraten. Aber solche Übergriffe sind keine Lappalie, hier geht es um die sexuelle Selbstbestimmung. Das System Justizvollzug macht solche Situationen noch gefährlicher: Weil man gefangen ist und nicht fliehen kann. Für viele Insassen ist deswegen häufig der Suizid der einfachste Ausweg. Und das darf einfach nicht sein.

Inwiefern verschärft Corona dieses Problem in den Gefängnissen?

Corona hat viel Anspannung ausgelöst. Wir haben in letzter Zeit eine Flut an Mails, Briefen, Anrufen von Inhaftierten bekommen. Wir wissen, wie belastend das ist, gerade wenn Quarantänemaßnahmen eingeleitet werden oder Einschränkungen, etwa kein Besuch von Angehörigen. Auch die Kontakte zu Bediensteten werden reduziert. Dabei gibt es ohnehin schon zu wenig Kontakt.

Die Gefängnisse leiden unter großem Personalmangel.

Es gibt Anstalten mit 400 Inhaftierten, von denen etwa 80 Prozent eine Suchtproblematik mitbringen. Die stehen dann zwei Suchtberatern gegenüber. Auch die Zahl der Stationsbediensteten reicht nicht aus, sie haben nahezu keine Zeit, mit den Insassen ins Gespräch zu kommen. Eigentlich sollte der Vollzug auf Behandlung ausgelegt sein. Faktisch haben wir einen reinen Verwahrvollzug.

© SZ /vs
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