Freispruch im Fall Trayvon Martin Im Reich der unbegrenzten Selbstverteidigung

Heftige Reaktionen auf ein umstrittenes Urteil: Der Freispruch für den Todesschützen George Zimmerman wirft nicht nur ein Schlaglicht auf das Misstrauen gegenüber Schwarzen, sondern zeigt auch: In Florida ist das Recht zur Selbstverteidigung längst zu einem Freibrief geworden, zur Waffe zu greifen.

Von Johannes Kuhn

Es war der Moment, in dem die Symbolkraft des Urteilsspruches der Zerbrechlichkeit des Menschlichen wich: "Auch wenn es mir das Herz bricht, ist mein Glaube ungebrochen. Ich werde mein Baby Tray immer lieben", twitterte Trayvon Martins Vater Tracy kurz nach der Verkündung des Freispruchs für George Zimmerman, des Menschen, der seinen unbewaffneten Sohn erschossen hatte.

Nicht schuldig. Sechs Geschworenen haben nach 16-stündiger Beratung ein Urteil gefällt, das Amerika aufwühlt. Vor dem Gerichtssaal brachen Menschen in Tränen aus, als sie vom Freispruch erfuhren. In einigen Städten kam es zu spontanen Demonstrationen. Die Frage "Mord, Totschlag oder Selbstverteidigung" ist längst zur Grundsatzdebatte über Recht und Gerechtigkeit in Amerika geworden - und über den Rassismus gegen Schwarze.

Als wäre die Ausgangslage nicht schon ohnehin kompliziert genug gewesen: Zimmerman, Mitglied einen Nachbarschaftswache, bemerkte am Abend des 26. Februar 2012 in seiner Gated Community von Sanford einer seiner Ansicht nach verdächtigen jungen Mann dunkler Hautfarbe mit Kapuzenpulli. Er begann ihn zu verfolgen. Es kam zu einem Kampf, wenig später war der Jugendliche, der 17-jährige Trayvon Martin, tot. Erschossen von Zimmerman. Wie sich herausstellte, war Martin unbewaffnet und auf dem Weg zu Freunden.

Die Staatsanwaltschaft, die nach öffentlichem Druck aufgrund etlicher Polizeifehler erst spät zu ermitteln begann, baute ihre Anklage und die Forderung nach Verurteilung wegen "Mord mit bedingtem Vorsatz" auf Indizien auf. Augenzeugen waren zu weit weg von der Szene, um genaue Aussagen darüber machen zu können, ob Martin oder Zimmerman den jeweils anderen zu Boden drückten. Zimmerman selbst sagte vor Gericht nicht aus, seine Anwälte gaben jedoch an, Martin habe den Kopf des Latinos gegen den Boden geschlagen.

"Wut, aber wenig Überraschung"

Selbstjustiz der brutalsten Variante oder Notwehr im Kampf? Am Ende entschieden sich die sechs weiblichen Geschworenen (darunter keine Afro-Amerikanerin) dafür, Zimmerman freizusprechen. "Ich hatte nie das Gefühl, dass die Anklage jenseits jeglichen begründeten Zweifels beweisen konnten, dass er [Zimmerman, d. Red.] rücksichtslos gehandelt hat", analysiert Ta-Nehisi Coates, der den Fall für das Magazin The Atlantic verfolgt hat. Die Entscheidung werde für "Wut, Frust, Verzweiflung, aber wenig Überraschung" sorgen, schreibt hingegen New-Yorker-Autor Jelani Cobb, der den Fall intensiv begleitet hat. Und genau das sei die Tragödie.

Mit dem Prozess rückte die Anwendung des "Racial Profiling" wieder in den Mittelpunkt - auch wenn Richterin Deborah Nelson die Verwendung des Begriffs verbot. Bislang ist es Sicherheitsbehörden nicht untersagt, bei der Entscheidung über Durchsuchungen oder Verhaftungen auch Kriterien wie ethnische Angehörigkeit oder Religion für die Bewertung heranzuziehen. Zimmerman gehört nur einer Bürgerwehr an, doch er folgte offenbar dieser Logik: Ein schwarzer junger Mann in einem reichen Viertel bedeutet Ärger.

"Die Zimmerman-Geschworenen haben jungen schwarzen Männern klargemacht, was wir ohnehin schon wussten", schreibt deshalb der schwarze Gawker-Autor Cord Jefferson. Er berichtet in seinem wütenden Artikel davon, wie er im Laufe seines Lebens aufgrund seiner Hautfarbe immer wieder misstrauisch beäugt wurde, ob von Polizisten oder Passanten.

Hinzu kommt, dass seit acht Jahren in Florida das "Stand your Ground"-Gesetz es Bürgern erlaubt, im Falle einer Bedrohung nicht zurückzuweichen und auch tödliche Gewalt anzuwenden. Für Ermittler bedeutet das im Zweifelsfall eine Beweislastumkehr: Sie müssen nun nachweisen, dass sich ein Mensch bei tödlichen Einsatz einer Schusswaffe nicht bedroht fühlte.

Exzessives Recht auf Selbstverteidigung

Die Tampa Bay Tribune hat mehr als 200 Fälle analysiert, in denen die Regelung zur Anwendung kam. Das Ergebnis: Bei 70 Prozent der Fälle, in denen Täter den tödlichen Gebrauch von Schusswaffen mit dem Gesetz begründen, folgten Ermittler oder Gerichte dieser Selbstverteidigungs-Logik. Und: Wer sich als Weißer auf "Stand your Ground" beruft, hat bessere Karten davonzukommen, als ein Schwarzer.

Bislang sieht es nicht so aus, als würde es in Florida zu einer Reform von "Stand your Ground" kommen. Und auch ein Gesetz zur Abschaffung des "Racial Profiling", das Demokraten im US-Kongress eingebracht haben, hat derzeit keine Chance auf eine Verabschiedung.

Die Familie Trayvon Martins hat über ihren Anwalt bereits angedeutet, Zimmerman zu verklagen. In einem Zivilgericht sind die Kriterien für eine Verurteilung anders als in einem Kriminalprozess.

Der Fall ist also ebenso wenig abgeschlossen wie die Debatte über seine Konsequenzen. Das Urteil, schreibt New-Yorker-Autor Cobb, erinnere ihn an ein Zitat Zimmermans, als dieser der Polizei per Telefon von dem verdächtigen Jungen mit dem Kapuzenpulli berichtete. "Sie kommen immer davon."

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