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Frankreich nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo":Das "Delikt der Drecksfresse"

Die Verbandssprecher wissen, dass viele Franzosen in der Versuchung stehen, den Islam, die verschiedenen radikalen Spielarten des Islamismus und den Terrorismus in einen Topf zu werfen. Aus einem der französischen Ausländerviertel zu kommen, in denen die Jugendlichen es ohnehin schwerer als Gleichaltrige andernorts haben, eine Arbeit zu finden, wird hinfort nicht leichter werden.

Es galt bisher als eine der Wahrheiten Frankreichs, die nicht statistisch oder empirisch hinterfragt werden durften, dass die neuen Einwanderer aus den islamischen Ländern in Nordafrika und Nahost mit ihren Kindern ebenso leicht zu integrieren sind wie einst Italiener, Polen oder Portugiesen. Trotz dieses Dogmas aber gibt es viele Millionen Franzosen, über die der Blick der Polizisten schon vor dieser Bluttat immer gleichmütig hinwegglitt.

Für die Muslime in Frankreich ist das Problem anderer Natur

Und es gab zugleich seit alters her das "Delikt der Drecksfresse" (Delit de sale gueule) - ein bestimmtes nahöstliches Aussehen, das reichte, um bei Kontrollen auf der Straße, auf Flughäfen und Bahnhöfen diskriminiert und überprüft zu werden. Das Misstrauen zwischen denen, die selbstverständlich als harmlos gelten, und denen, die automatisch Verdächtige sind, wird nun größer werden in Frankreich. Die wirtschaftliche Krise im Land macht das nicht einfacher.

Für die Muslime in Frankreich und in den Nachbarländern ist das Problem anderer Natur. Die Mehrheit, die unter dem Gesetz und in Ruhe leben will, hat es einfach, ihre Haltung offen auszudrücken. Entrüstung entspricht ihrer Interessenlage. Doch wie der berühmte Fisch im Wasser bewegen sich im Schatten dieser Mehrheit radikale Minderheiten. Sie verbreiten ihre Propaganda im Internet weitgehend unbehindert und wenden sich vor allem an junge Leute.

In diesen Kreisen wird es - ungeachtet des aktuellen Schocks - einen Solidarisierungseffekt mit den Attentätern geben. Es wäre nicht das erste Mal, dass Mörder für fanatisierte Spinner zu Helden werden, deren Beispiel diese dann folgen wollen. Eine Reihe von Anschlägen haben Frankreichs Sicherheitsdienste in letzter Zeit vereitelt. Diesmal ist es nicht geglückt.

Der Anschlag von Paris und seine Folgen enthalten Stoff für eine gewaltige gesellschaftliche Krise. Man muss lange zurückgehen in Frankreichs Geschichte, vielleicht bis zur Affäre Dreyfus, um eine ähnliche Situation zu finden.

© SZ vom 08.01.2015/fued

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