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Spanien:Geraubte Tochter findet Familie wieder

Inés Madrigal 2018 vor dem Gericht, in dem einem Klinikarzt der Prozess gemacht wurde. Er blieb straffrei.

(Foto: Javier Soriano/AFP)
  • Während der Franco-Diktatur wurden vermutlich Zehntausende Babys ihren leiblichen Müttern weggenommen.
  • Betroffen waren Mütter, die als "politisch nicht zuverlässig" galten, beispielsweise, wenn sie aus Familien von Linksaktivisten stammten oder ledig waren.
  • Die Adoptiveltern kamen durchweg aus dem streng katholischen Milieu.

Drei Jahrzehnte lang hatte Inés Madrigal nach ihrer leiblichen Mutter gesucht. In ganz Spanien wurde sie bekannt als Vertreterin der Vereinigung "SOS bebés robados" (geraubte Babys), die Zwangsadoptionen aus der Franco-Diktatur aufklären möchte. Nun gab die 50-Jährige bekannt, dass sie als Säugling wenige Tage nach ihrer Geburt gar nicht vom Krankenhauspersonal "geraubt" wurde, vielmehr hatte ihre Mutter sie zur Adoption freigegeben. War die ganze anrührende Geschichte also nur eine Erfindung?

Nein, Inés Madrigal ist keineswegs eine Hochstaplerin, die sich mit einer fiktiven Leidensgeschichte wichtigmachen wollte; vielmehr war es durchaus ein illegaler Akt und Willkür, dass sie in einer Adoptivfamilie aufgewachsen ist. Doch der Reihe nach.

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Im vergangenen Jahr hatte der Prozess gegen den 86-jährigen ehemaligen Krankenhausarzt Eduardo Vela für großes Aufsehen gesorgt, Inés Madrigal war als Nebenklägerin aufgetreten. Die Staatsanwaltschaft sah es als erwiesen an, dass Vela vor einem halben Jahrhundert mindestens drei neugeborene Säuglinge den Müttern weggenommen und sie an kinderlose Ehepaare übergeben hat, und forderte elf Jahre Gefängnis. Vela wurde zwar schuldig gesprochen, blieb aber straffrei, weil die Taten als verjährt eingestuft wurden.

Betroffen waren Mütter, die als "politisch nicht zuverlässig" galten, beispielsweise, wenn sie aus Familien von Linksaktivisten stammten, die von Francos Schergen gnadenlos verfolgt wurden. Oder wenn es sich um "gefallene Mädchen" handelte, ledige Mütter. Ihnen wurde oft erzählt, dass ihr Kind bei der Geburt gestorben sei; in manchen Krankenhäusern wurde ihnen sogar ein toter Säugling gezeigt. Nach Zeugenberichten wurde ein kleiner Leichnam für diese Zwecke in einer Tiefkühltruhe bereitgehalten. Die Adoptiveltern kamen durchweg aus dem streng katholischen Milieu; wohl in den meisten Fällen wurden sie im Glauben gelassen, dass die Mütter bei der Geburt gestorben waren oder freiwillig die soeben geborenen Kinder zur Adoption freigegeben hatten. In vielen Fällen waren in Krankenhäusern arbeitende Nonnen an diesen ideologisch motivierten Taten beteiligt. Auch die Behörden hatten Hilfestellung geleistet, indem sie diese Kinder als leibliche Nachkommen der Adoptiveltern eintrugen.

Inés Madrigal erfuhr an ihrem 18. Geburtstag von ihrer vermeintlichen Mutter, dass sie ein Adoptivkind ist. Das war 1987, zwölf Jahre nach dem Tod des Diktators Franco. In den Medien berichtete die Angestellte der staatlichen Eisenbahn im vergangenen Jahr, dass sie völlig schockiert gewesen sei; doch habe sie als Kind zu Hause Liebe und Fürsorge erfahren, das Verhältnis zu ihrer Adoptivmutter blieb herzlich.

Der Arzt drückte ihr ein Baby in den Arm und sagte: "Nimm es als Geschenk an!"

Zusammen versuchten beide Frauen, den Fall aufzuklären. Ihr Anhaltspunkt war die Madrider Klinik San Ramón, in der Inés geboren worden war - von einer unverheirateten Frau, wie man heute weiß. Dort war die Adoptivmutter seinerzeit Krankenschwester gewesen, und in ihrer Abteilung wussten die Kollegen, dass sie kein Kind bekommen konnte, aber sehr gern eines hätte. Eines Tages habe ihr ein Arzt ein neugeborenes Mädchen in den Arm gedrückt: "Hier hast du dein Kind, nimm es als Geschenk an!" Sie habe geglaubt, dass alles legal gewesen sei. Das war es allerdings nicht: Auch im Spanien Francos musste ein Adoptionsverfahren mindestens sechs Monate dauern. Innerhalb dieser Frist konnte eine Mutter, die ihr Kind zur Adoption freigegeben hatte, die Entscheidung revidieren.

Wie die Adoption bei Inés Madrigal ablief, hat sie kürzlich von ihren vier Halbgeschwistern erfahren. Vor wenigen Wochen erst hat Madrigal ihre leiblichen Verwandten ausfindig gemacht und nun erstmals getroffen, nach langer Suche. Zwar hatten die spanischen Behörden vor einem Jahrzehnt eine DNA-Datenbank eingerichtet, um Menschen zu helfen, die nach Verwandten suchen, von denen sie durch die Familienpolitik Francos getrennt wurden. Aber auf diesem Weg kam Inés Madrigal nicht weiter. So wandte sie sich an zwei Privatunternehmen, die mittels DNA-Proben ihren Kunden versprechen, Verwandte ausfindig zu machen. Auch dies blieb erfolglos. Schließlich stieß sie auf ein US-Unternehmen, das in vielen Staaten, auch in Spanien, aktiv ist. Bald bekam sie die Nachricht, dass es einen Spanier gebe, der ein Cousin zweiten Grades sein müsse. Über diesen fand sie ihre vier jüngeren Halbgeschwister, die ehelich geboren worden waren. Ihre leibliche Mutter war vor sechs Jahren gestorben.

Doch konnten ihr ihre drei Halbbrüder und ihre Halbschwester berichten, was ihnen die Mutter erzählt hatte, als alle bereits erwachsen waren: Unter Druck eines Krankenhausarztes habe sie ihr erstes Kind, ein Mädchen, zur Adoption freigegeben, wenig später aber diese Entscheidung widerrufen. Doch im Krankenhaus habe man abgeblockt, ihr Kind sei gestorben.

Dass der Fall Madrigal nun doch etwas weniger drastisch ist als bisher gedacht, schmälert nach Meinung von Rechtsexperten die Chance, dass der Arzt Eduardo Vela in einem Wiederaufnahmeverfahren verurteilt wird. Ihm kamen die Ermittler auf die Spur, weil sich seine Unterschrift im Geburtenregister der Klinik befindet. Obwohl er im ersten Prozess straffrei blieb, haben die Madrider Richter in ihrem Urteil immerhin erstmals festgestellt, dass es diesen von den Behörden gedeckten Kinderraub tatsächlich gab. Vermutlich waren Zehntausende betroffen. Nur wenige Dutzend haben ihre Angehörigen gefunden. Inés Madrigal sagt: "Ich bin überglücklich, dass ich nun weiß, woher ich komme."

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