Flüchtlingsheim in Mecklenburg-Vorpommern:Kein Teppich. Kein Bild. Kein Fernseher

Dann kam auch noch das Fernsehen und drehte wenig schmeichelhafte Bilder von Wolgast-Nord, wo gerade der Sperrmüll zur Abholung stand, und ließ eine Hand voll hasserfüllter Menschen zu Wort kommen, ohne dass die auch nur ihre Namen hätten nennen müssen. Da wolle jemand das Heim anzünden, durften sie sagen, einfach so. Es wurde gesendet.

Und dann schrieb jemand von Stop it!, einer Kampagne für die Abschaffung von Flüchtlingsheimen, einen offenen Brief an alle Verantwortlichen im Kreis und in der Stadt. Es wurde Bezug auf den TV-Bericht genommen. Nazi-Propaganda dominiere Teile des Stadtbildes, die NPD könne offen Falschinformationen verbreiten. Es tauchte auch "Rostock-Lichtenhagen" in dem Brief auf. Dort brannte 1992 ein Wohnheim für Asylbewerber, Tausende Menschen applaudierten den tobenden Neonazis. Als ob so etwas wieder kurz bevorstünde. Eine Menge Politiker unterschrieben.

Seit dem Brief und dem Fernsehbericht ist nichts mehr, wie es war in Wolgast. Ein Feuerwerk an Gegenbriefen wurde gezündet, an den NDR, an den Ministerpräsidenten, ans ganze Land. Alle haben den gleichen Inhalt: So sind wir Wolgaster nicht! Die Stadt versucht, ihren Ruf zu retten, und dabei gewährt sie einen sehr intimen Blick in die Auffassung von Asyl, die in diesem Land herrscht. Um die Neiddebatte zu beenden, erzählt Bürgermeister Weigler ständig, wie wenig die Stadt den Flüchtlingen biete. Stockbetten aus Eisen, ein Tisch, zwei Stühle, ein Stahlschrank - mehr nicht. Nichts Wohnliches. Kein Teppich. Kein Bild. Kein Fernseher auf der Stube. Er selbst würde so nicht wohnen wollen, sagt er sogar. Die bloße Hilflosigkeit.

Ministerpraesident Sellering besucht Asylbewerberheim

"Neubausiedlung" heißt das Ensemble von Wohnungsbatterien in Wolgast auf Ostdeutsch.

(Foto: dapd)

Asyl ist ein Bleiberecht auf Zeit, die Menschen werden hier aufgenommen, um weggeschickt zu werden. Um den sozialen Frieden zu retten, glaubt ein Bürgermeister, zeigen zu müssen, wie mies er seine Gäste unterbringt, damit andere, denen es auch schlecht geht, sich gut fühlen. So ist das.

Jörg Wojciechowski ist der Leiter der Wolgaster Flüchtlingsunterkunft, die seit August in Betrieb ist. Er ist der Mann, den die Bewohner, knapp 80 sind es nun, "Chef" nennen. Wojciechowski sagt, die Angst vor Übergriffen sei völlig übertrieben, gerade jetzt, nach den negativen Berichten, komme viel Hilfe an. Plötzlich sind sie da, die Wolgaster, wollen Sprachunterricht geben und Plätze in Sportvereinen finden. "Das hatte auch sein Gutes", sagt er. Wojciechowski führt das Heim wie ein Hotel, sein Büro ist die Rezeption. Tagsüber stehen alle Türen offen, von sieben bis sieben kontrolliert ein Wachdienst. Angst, dass etwas passieren könnte? "Nein."

Nazi-Jargon in Wolgast

Es ist aber schon etwas passiert. Eine Parole ist an die Wand geschmiert worden: "Heute sind wir tolerant - morgen fremd im eigenen Land." Das ist Nazi-Jargon. Böller sind auf einen Balkon geflogen, eine Fensterscheibe eingeworfen worden. "Böller finden Sie hier an jeder Bushaltestelle", sagt der Bürgermeister; aber nicht an jeder Bushaltestelle leben Flüchtlinge. Viele der Hausbewohner haben von diesen Übergriffen nichts mitbekommen, die Polizei notierte in ihrem Bericht über den Böllerwurf einen Sachschaden von 50 Euro. Aber der Staatsschutz ist eingeschaltet. Wolgast hat sich in einem Labyrinth aus Beschwichtigung und Hysterie verirrt. "Über die Brücke, dass hier gar nichts passiert, gehe ich nicht", sagt der Sprecher des Kreises. Dass etwas passiert, glaubt er aber auch nicht.

Pastor Jürgen Hanke sucht einen Weg aus dem Labyrinth. Er hat den Ernte-Dank-Gottesdienst den Flüchtlingen gewidmet, die Erntegaben wurden dann später ins Wohnheim geliefert. Die Kollekte hat er aber Brot für die Welt gespendet, er wollte "nicht übertreiben". Er hat die Panikmacher auf der einen Seite satt und die anstrengenden Rufretter für Wolgast auf der anderen. "Es geht mir auf den Keks, dass jetzt alle die besseren Wolgaster sein wollen", sagt er. Es gehe doch nicht um die Wolgaster. "Es geht um die Flüchtlinge."

Vielleicht dann doch die Geschichte von Sethy Gouraw. Er ist 28, mit seiner Frau Britti und seinem zweijährigen Sohn Roneg kam er aus Kabul über Pakistan nach Deutschland. Wo sie gelandet sind, erfuhren sie, als sie ihre zwei Taschen im Büro von Heimleiter Wojciechowski abstellten. Sein Bruder, der mit ihnen aus Kabul geflohen war, ging in Pakistan verloren. Seit zwei Monaten wissen sie nicht, wo der andere steckt. Sethy und Britti haben keine Fotos, keine Andenken an ihr bisheriges Leben dabei. Sie hätten jahrelang als Hindus in einem Tempel gelebt, sich aus Angst vor den Taliban nicht raus getraut. "Es war kein Leben in Kabul", sagt Sethy Gouraw. Dass Menschen neidisch auf ihn sein könnten, kann er nicht fassen.

© SZ vom 17.10.2012/mkoh
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