Flüchtlingsheim in Mecklenburg-Vorpommern:"Die Leute sind nicht froh, dass wir hier sind"

Die Stadt Wolgast an der Ostsee quartiert Asylbewerber mitten im sozialen Brennpunkt ein. Die Deutschen fühlen sich trotzdem benachteiligt, die NPD verbreitet Lügengeschichten. Jetzt kämpfen die aufgeschreckten Bürger um ihren Ruf.

Ralf Wiegand, Wolgast

Ministerpraesident Sellering besucht Asylbewerberheim

Anfang Oktober besuchte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering das Flüchtlingsheim in Wolgast und diskutierte mit den Bewohnern.

(Foto: dapd)

Und wieder erzählt Sethy Gouraw seine Geschichte, zum dritten, vierten Mal bestimmt schon in dieser Woche. Er macht das, weil "Chef" ihn darum gebeten hat und weil er ein freundlicher Mensch ist, der sich mit einem schüchternen Lächeln durch die Fremde tastet. Alle Welt, so muss es ihm vorkommen, interessiert sich plötzlich für ihn, also erzählt Sethy Gouraw, 28, wonach er gefragt wird. Aber den Grund, warum die Leute mit ihren Diktiergeräten, den Blocks und Kugelschreibern seit Tagen zu ihm kommen, warum sie ihn sogar fotografieren, den Grund ahnt er höchstens. Sie interessieren sich nicht unbedingt für sein Leben, seine Hoffnung, seine Träume. Sie interessieren sich vor allem für Angst. Die Angst, die er hat, und die Angst, die er macht. Er habe gehört, dass "die Leute hier nicht froh sind, dass wir hier sind", sagt Gouraw vorsichtig.

Wolgast im Oktober 2012, die Häuser hier am Stadtrand, in deren Nachbarschaft sich der Himmel weit über Maisfeldern öffnet und vor denen nachts ein Wachdienst patrouilliert, sie sind ein sehr komplizierter Ort. Nicht, dass es hier schon mal einfach gewesen wäre. "Neubausiedlung" heißt das Ensemble von Wohnungsbatterien auf Ostdeutsch. Plattenbauten. Schön waren die noch nie. Der Leerstand nahm nach der Wende in dieser Ecke von Wolgast derart zu, dass inzwischen fünf Häuser abgerissen wurden. Immerhin, auf den freien Flächen wächst Gras, aber wer in diesen Bunkern wohnt, den hat das Leben hier kleben lassen wie alten Kaugummi.

Russlanddeutsche sind hier, sie bleiben unter sich. Die Deutschen im Viertel haben oft keine Arbeit, leben von Hartz IV. Oder sie sind in Rente. Diese Renten sind niedrig. Die kleinen Geschäfte müssen akzeptieren, dass nicht jeder sofort bezahlen kann. Das war schon schwierig genug. Und jetzt kommen auch noch die Ausländer.

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte muss Wolgast, die kleine Stadt so weit im Nordosten des Landes, ein Flüchtlingsheim einrichten. Es kommen wieder mehr Asylbewerber nach Deutschland, da sind jetzt auch die gefragt, die bisher niemanden unterbringen mussten. Die Menschen kommen von irgendwoher nach Deutschland, sie werden über die Bundesländer verteilt, dann weitergereicht an die Landkreise, von dort schließlich in die Kommunen geschickt. Bis zu 220 Asylbewerber könnten es werden, die Wolgast aufnehmen muss. Von Wollen kann keine Rede sein. "Wir haben keine andere Wahl", sagt Bürgermeister Stefan Weigler.

"Vielleicht haben wir nicht alles richtig gemacht"

Sie haben keine Wahl: Es ist eine ziemlich peinliche Geschichte, die sich da in Wolgast abspielt, peinlich nicht nur für die Wolgaster, sondern fürs ganze Land. Seit Jahrzehnten kommen Flüchtlinge nach Deutschland, aus den unterschiedlichsten Gründen, ob aus wirtschaftlicher Not, weil sie politisch oder religiös verfolgt werden, oder weil ihre Heimat in Kriegswirren untergeht. Das Elend ist täglich in den Nachrichten. Und immer noch passiert es, dass eine Stadt wie Wolgast auf die Fremden reagiert wie auf Außerirdische. Plötzlich sind sie da, und alles kommt durcheinander.

"Vielleicht haben wir nicht alles richtig gemacht", sagt Bürgermeister Weigler, 33, ein Verwaltungsexperte, parteilos. Im April hat Wolgast erfahren, dass es nun auch Asylbewerber unterbringen muss, die Verwaltung des Landkreises Vorpommern-Greifswald hat das so verfügt. Eine Weile haben sie gesucht, dann fanden sie dieses sechsstöckige Haus in Wolgast-Nord, ein Plattenbau mit drei Aufgängen, jede dritte Wohnung stand leer. Die verbliebenen Bewohner wurden umgesiedelt, das Haus umgewidmet, ein Unternehmen mit dem schönen Namen European Home Care beauftragt, es in ein Heim für Asylbewerber umzugestalten. Mitten im sozialen Brennpunkt. Ein Abriss weniger.

Es hat nicht lang gedauert, dann wurde getuschelt. Für die alten Bewohner sei nie etwas gemacht worden, für die Ausländer aber, da würden jetzt Luxuswohnungen hergerichtet. Außerdem seien die deutschen Mieter mit Druck aus ihren Wohnungen vertrieben worden. Solche Sachen erzählten sie sich erst in Wolgast-Nord, dann in der ganzen Stadt und darüber hinaus. Dann kamen ein paar Hansel von der NPD vorbei und bauten einen Tapeziertisch auf und eine pfeifende Lautsprecheranlage und drehten die Wahrheit noch einmal auf links. Seitdem kursieren Flugblätter, in denen sich die Lügen über das angebliche Luxusheim lesen wie Fakten. "Leider sind ein paar unserer Bürger darauf angesprungen und haben es weiterverbreitet", sagt der Bürgermeister.

Kein Teppich. Kein Bild. Kein Fernseher

Dann kam auch noch das Fernsehen und drehte wenig schmeichelhafte Bilder von Wolgast-Nord, wo gerade der Sperrmüll zur Abholung stand, und ließ eine Hand voll hasserfüllter Menschen zu Wort kommen, ohne dass die auch nur ihre Namen hätten nennen müssen. Da wolle jemand das Heim anzünden, durften sie sagen, einfach so. Es wurde gesendet.

Und dann schrieb jemand von Stop it!, einer Kampagne für die Abschaffung von Flüchtlingsheimen, einen offenen Brief an alle Verantwortlichen im Kreis und in der Stadt. Es wurde Bezug auf den TV-Bericht genommen. Nazi-Propaganda dominiere Teile des Stadtbildes, die NPD könne offen Falschinformationen verbreiten. Es tauchte auch "Rostock-Lichtenhagen" in dem Brief auf. Dort brannte 1992 ein Wohnheim für Asylbewerber, Tausende Menschen applaudierten den tobenden Neonazis. Als ob so etwas wieder kurz bevorstünde. Eine Menge Politiker unterschrieben.

Seit dem Brief und dem Fernsehbericht ist nichts mehr, wie es war in Wolgast. Ein Feuerwerk an Gegenbriefen wurde gezündet, an den NDR, an den Ministerpräsidenten, ans ganze Land. Alle haben den gleichen Inhalt: So sind wir Wolgaster nicht! Die Stadt versucht, ihren Ruf zu retten, und dabei gewährt sie einen sehr intimen Blick in die Auffassung von Asyl, die in diesem Land herrscht. Um die Neiddebatte zu beenden, erzählt Bürgermeister Weigler ständig, wie wenig die Stadt den Flüchtlingen biete. Stockbetten aus Eisen, ein Tisch, zwei Stühle, ein Stahlschrank - mehr nicht. Nichts Wohnliches. Kein Teppich. Kein Bild. Kein Fernseher auf der Stube. Er selbst würde so nicht wohnen wollen, sagt er sogar. Die bloße Hilflosigkeit.

Ministerpraesident Sellering besucht Asylbewerberheim

"Neubausiedlung" heißt das Ensemble von Wohnungsbatterien in Wolgast auf Ostdeutsch.

(Foto: dapd)

Asyl ist ein Bleiberecht auf Zeit, die Menschen werden hier aufgenommen, um weggeschickt zu werden. Um den sozialen Frieden zu retten, glaubt ein Bürgermeister, zeigen zu müssen, wie mies er seine Gäste unterbringt, damit andere, denen es auch schlecht geht, sich gut fühlen. So ist das.

Jörg Wojciechowski ist der Leiter der Wolgaster Flüchtlingsunterkunft, die seit August in Betrieb ist. Er ist der Mann, den die Bewohner, knapp 80 sind es nun, "Chef" nennen. Wojciechowski sagt, die Angst vor Übergriffen sei völlig übertrieben, gerade jetzt, nach den negativen Berichten, komme viel Hilfe an. Plötzlich sind sie da, die Wolgaster, wollen Sprachunterricht geben und Plätze in Sportvereinen finden. "Das hatte auch sein Gutes", sagt er. Wojciechowski führt das Heim wie ein Hotel, sein Büro ist die Rezeption. Tagsüber stehen alle Türen offen, von sieben bis sieben kontrolliert ein Wachdienst. Angst, dass etwas passieren könnte? "Nein."

Nazi-Jargon in Wolgast

Es ist aber schon etwas passiert. Eine Parole ist an die Wand geschmiert worden: "Heute sind wir tolerant - morgen fremd im eigenen Land." Das ist Nazi-Jargon. Böller sind auf einen Balkon geflogen, eine Fensterscheibe eingeworfen worden. "Böller finden Sie hier an jeder Bushaltestelle", sagt der Bürgermeister; aber nicht an jeder Bushaltestelle leben Flüchtlinge. Viele der Hausbewohner haben von diesen Übergriffen nichts mitbekommen, die Polizei notierte in ihrem Bericht über den Böllerwurf einen Sachschaden von 50 Euro. Aber der Staatsschutz ist eingeschaltet. Wolgast hat sich in einem Labyrinth aus Beschwichtigung und Hysterie verirrt. "Über die Brücke, dass hier gar nichts passiert, gehe ich nicht", sagt der Sprecher des Kreises. Dass etwas passiert, glaubt er aber auch nicht.

Pastor Jürgen Hanke sucht einen Weg aus dem Labyrinth. Er hat den Ernte-Dank-Gottesdienst den Flüchtlingen gewidmet, die Erntegaben wurden dann später ins Wohnheim geliefert. Die Kollekte hat er aber Brot für die Welt gespendet, er wollte "nicht übertreiben". Er hat die Panikmacher auf der einen Seite satt und die anstrengenden Rufretter für Wolgast auf der anderen. "Es geht mir auf den Keks, dass jetzt alle die besseren Wolgaster sein wollen", sagt er. Es gehe doch nicht um die Wolgaster. "Es geht um die Flüchtlinge."

Vielleicht dann doch die Geschichte von Sethy Gouraw. Er ist 28, mit seiner Frau Britti und seinem zweijährigen Sohn Roneg kam er aus Kabul über Pakistan nach Deutschland. Wo sie gelandet sind, erfuhren sie, als sie ihre zwei Taschen im Büro von Heimleiter Wojciechowski abstellten. Sein Bruder, der mit ihnen aus Kabul geflohen war, ging in Pakistan verloren. Seit zwei Monaten wissen sie nicht, wo der andere steckt. Sethy und Britti haben keine Fotos, keine Andenken an ihr bisheriges Leben dabei. Sie hätten jahrelang als Hindus in einem Tempel gelebt, sich aus Angst vor den Taliban nicht raus getraut. "Es war kein Leben in Kabul", sagt Sethy Gouraw. Dass Menschen neidisch auf ihn sein könnten, kann er nicht fassen.

© SZ vom 17.10.2012/mkoh
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