Flüchtlinge in Berlin:"Ich bitte um mein Leben"

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Gedenken an erstochenen Flüchtling

Bekannte des erstochenen Flüchtlings Anwar stehen am 28.04.2014 im Flüchtlingsquartier in der Gerhart-Hauptmann-Schule in Berlin an einer Gedenktafel.

(Foto: Hannibal Hanschke/dpa)

Schlägereien, Messerstechereien, Drogen: Die etwa 200 Flüchtlinge, die in der Berliner Gerhart-Hauptmann-Schule untergebracht sind, leben in einem Klima der Gewalt. Die Zustände sind symbolisch für das Versagen des Senats.

Von Verena Mayer, Berlin

Ein Mann wurde getötet, ein weiterer lebensgefährlich verletzt. Es gibt Schlägereien, Messerstechereien. Man findet Drogen, immer wieder muss die Polizei kommen oder die Rettung. So leben etwa 200 Flüchtlinge mitten in Berlin, die meisten sind aus Afrika. In einer leer stehenden Schule in Kreuzberg, die sie nach einem Protestmarsch besetzten. Geduldet von den Behörden, ansonsten mehr oder weniger sich selbst überlassen. Mit einer einzigen Dusche. An der gerieten, wie berichtet, Ende April zwei Bewohner in Streit. Der 29 Jahre alte Anwar R. aus Marokko überlebte ihn nicht.

Und nun?

Nun soll alles anders werden an der Gerhart-Hauptmann-Schule, die seit Monaten die Hauptstadt beschäftigt. Eine legale Einrichtung soll sie werden, um genau zu sein, das "Internationale Flüchtlingszentrum". Eine erste Aufnahmestelle für Flüchtlinge mit ungeklärtem Status, mit insgesamt 70 Plätzen zum Wohnen und einer Etage nur für Frauen. Das hat der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg soeben beschlossen. Das Gebäude soll einem Betreiber übergeben werden, etwa dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband.

Die frühere Schule soll schnell um- und ausgebaut werden, mit der Hilfe von 35 Männern, die derzeit in der Unterkunft leben. Was mit den anderen Bewohnern passiert, ist noch unklar. Senat und Bezirk suchen seit Wochen nach einer Lösung, genau wie für jene Flüchtlinge, die am Oranienplatz ein Camp aufgeschlagen hatten, das im Frühjahr geräumt worden war. Sie und einige Bewohner aus der Schule bringt nun das Land Berlin unter.

Doch etwa 160 Bewohner der Schule wissen nach wie vor nicht, wohin. Einige wollen bleiben, wo sie sind, andere befürchten ihre Abschiebung, wenn sie sich bei den Behörden registrieren lassen. Viele haben keine Papiere, Flüchtlinge aus Syrien etwa, die sich über die Türkei nach Berlin durchgeschlagen haben, und von denen es im Heim heißt, sie könnten Nächte lang nicht schlafen.

Kriegsflüchtlinge neben Obdachlosen und Junkies

Und dann sind da noch die Roma-Familien, noch mal 50 Leute, aus Rumänien und Bulgarien, und etliche Obdachlose. Sie alle leben hier, in leeren Klassenzimmern, mit Matratzen und Möbeln, die sie auf der Straße gefunden haben. Der Hof ist noch der alte Sportplatz der Schule, im Erdgeschoss ist eine Einrichtung für Heroinabhängige, der Verein Fixpunkt. Sonst gibt es eine Art Café, ein paar Tische und wackelige Stühle. Einige Männer stehen herum. Reden wollen sie nicht, es ist zu viel passiert.

Mehr erfährt man derzeit am Landgericht Berlin. Saal 704, auf der Anklagebank sitzt ein junger Mann, klein und schmal, Mahamat N., und hört der Gerichtsdolmetscherin zu. Er ist 19, aus Tschad und kann kein Deutsch. Er kam nach Berlin, landete in der Gerhart-Hauptmann-Schule, und vor sechs Monaten geriet er dort mit einem Bewohner in Streit und soll versucht haben, ihn zu ermorden. Davon ist jedenfalls die Staatsanwaltschaft überzeugt.

"Sein Mund klapperte und war voll Schaum"

Wie die Stimmung war, fragt der Richter einen Zeugen. Der ist 44, wohnt ebenfalls in der Schule. "Nicht entspannt", sagt der Mann. Es würden Tabletten konsumiert an der Schule, die von Vereinen gespendet würden, zusammen mit Alkohol, auch Crack. Er spricht es "Krach" aus. Der junge Angeklagte habe Drogen genommen, "sein Mund klapperte und war voll Schaum, wie bei einem Tollwütigen".

Der Zeuge half in der Küche, er wollte am Tag der Tat für alle Nudeln kochen. Es war zu wenig, es gab Streit. Mahamat N. ging mit dem anderen hinaus. Der wiederum sei wohl psychisch krank, glaubt der Zeuge. Er habe viel getrunken und oft Streit gehabt. Einmal sei er von einer Gruppe Männer in den nahe gelegenen Kanal geworfen worden. Irgendwann kam er an diesem Tag zurück, Blut lief von der Seite, und er sagte: "Ich bitte um mein Leben."

Das Opfer wurde schwer verletzt, überlebte aber im Krankenhaus. Das Gericht wird nun die Frage klären müssen, was an jenem Abend passiert ist. Ob Mahamat N. tatsächlich hinterrücks zugestochen habe, wie es die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft. Oder ob ein Streit aus dem Ruder gelaufen ist, wie so oft an der Gerhart-Hauptmann-Schule. Der Richter hält ein Besteckmesser in die Höhe. Ob das Opfer mit so etwas gestochen worden sei? Der Zeuge verneint. In der Küche habe es seit geraumer Zeit nur noch Plastikmesser gegeben. Aus Sicherheitsgründen.

Mahamat N. runzelt die Stirn, als ihm die Dolmetscherin zuflüstert, was gesagt wird. Er selbst schweigt. Ein weiterer Streit wird wohl auch bald vor Gericht landen. Der allerdings ging tödlich aus. Dann wird der Mann, der Anwar R. erstochen hat, auf der Anklagebank sitzen. Er ist 40 Jahre alt, aus Gambia, und er wurde kurz nach der Tat verhaftet. Die Freunde des Opfers sagten im Rahmen einer Gedenkfeier an der Schule, Anwar habe nur sein Duschzeug holen wollen, und der andere habe sofort zugestochen. Der Vorfall gilt vielen als Symbol für das Versagen des Berliner Senats und Bezirks.

Ob die Situation an der Gerhart-Hauptmann-Schule geklärt sein wird, wenn der nächste Prozess beginnt, steht in den Sternen. Der Bezirk Kreuzberg hat inzwischen angekündigt, zwei weitere Duschen in der Schule installieren zu lassen.

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