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Morde an Verwandten:"Es gab fast immer massive Gewalt"

Christian Pfeiffer

Christian Pfeiffer, 75, leitete das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen und war niedersächsischer Justizminister. Gerade ist sein Buch "Gegen die Gewalt" erschienen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Gewalttaten in der Familie machen immer wieder fassungslos. Der Kriminologe Christian Pfeiffer erklärt, wie es zum Äußersten kommt.

Noch ist nicht bekannt, warum Mutter, Vater, Onkel, Tante und zwei Stiefgeschwister von Adrian S. am Freitag in Rot am See sterben mussten. Der 26-Jährige erschoss in dem kleinen Ort in Baden-Württemberg seine Verwandten und stellte sich danach der Polizei.In der Kleinstadt Güglingen, keine 100 Kilometer entfernt, wurde wenige Stunden später ein Jugendlicher erstochen, Vater und Bruder sind schwer verletzt. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war vermutlich der Bruder der Täter.

Christian Pfeiffer leitete mehr als 20 Jahre lang das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen und hat sich wissenschaftlich mit dem Thema Gewalt in der Familie beschäftigt.

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SZ: Herr Pfeiffer, wie kommt es zu solchen Gewalttaten innerhalb von Familien?

Christian Pfeiffer: In den konkreten Fällen kann man, solange die Polizei nichts zum Motiv sagt, nur mutmaßen. Aber generell gibt es ein Grundmuster: Wenn Männer ihre Frauen töten, dann um sie für immer zu behalten. In den extrem seltenen Fällen, in denen Frauen Männer töten, tun sie das, um sich zu befreien. In 90 Prozent der Fälle sind es Männer, die Familientragödien auslösen, ganz selten kommt es vor, dass eine psychisch kranke Frau sich und ihre Kinder tötet. Wenn Väter aus der Familie heraus getötet werden, sind die Täter zu etwa 35 Prozent eigene Kinder und nur zu zehn Prozent die Ehefrauen. Gerade bei Vätern ist es oft der Sohn, der zum Täter wird.

In Rot am See hat ein Sohn gleich sechs Verwandte getötet.

Solche Konflikte rühren fast immer daher, dass es massive Gewalt in der Familie gab. Der Entschluss, eine Gewalttat zu verüben, liegt dann oft näher. Wenn jemand schon einmal beim Töten ist, dann werden manchmal scheinbar Unbeteiligte zu Opfern. Verwandte, die vielleicht gar nicht so viel damit zu tun haben. Oft geht es dann um erlittene Gewalt, um Ohnmachtsgefühle. Und dann kommt ein Konflikt über Ungerechtigkeit in der Familie hinzu, etwa das Thema Erbe. Oder man ist enthemmt durch Alkohol.

Ist es nicht auch möglich, dass der junge Mann psychisch krank war?

Natürlich ist das möglich. Aber solche Erkrankungen, in denen sich Menschen extrem gewalttätig verhalten, sind sehr selten. Oft gibt es eine Vorgeschichte. Gestützt wird diese Vermutung durch unsere wiederholten Schülerbefragungen, bei denen wir seit den neunziger Jahren Zehntausende Kinder befragen.

Was kam dabei heraus?

Bei den 15-Jährigen, die liebevoll und gewaltfrei erzogen wurden, wurden nur zwei Prozent gewalttätig gegen die eigenen Eltern. Bei denjenigen, die Ohrfeigen abbekommen, steigt das auf knapp zehn Prozent. Bei denen, die massiv geprügelt werden, auch noch mit 15, erhöht sich die Täterschaft auf 37 Prozent. Das heißt, Gewalt gegen Eltern gibt es umso häufiger, je häufiger die Kinder selbst geschlagen wurden. Man kriegt es sozusagen zurück.

Das klingt in diesem Fall etwas zynisch.

Ja natürlich. Wir haben einmal 7500 alte Menschen gefragt nach ihrem Leben. Und fünf Prozent hatten die Hölle auf Erden, die lebten bei ihren Kindern und da kam heraus: Diejenigen, die ihre Kinder massiv geschlagen hatten, wurden im Alter geprügelt, angebrüllt, beklaut und erpresst, hatten richtig Angst. Damit meine ich natürlich nicht Mord und Totschlag, aber zurückzahlen, was man in der Kindheit erlebt hat, das ist ein Grundmuster. In der Kindheit hat sich gewaltige Wut angestaut und irgendwann, wenn sich die Machtverhältnisse geändert haben, bricht das heraus.

In Ihrem Buch schreiben Sie, gewaltfreie Erziehung führe zu weniger Tätern.

Wir haben in Deutschland einen drastischen Rückgang von vollendeten Morden. Seit der Wiedervereinigung sind diese Taten um 63 Prozent zurückgegangen. Seit den fünfziger Jahren ist zugleich das massive Verprügeln von Kindern von 20 Prozent auf vier Prozent gesunken. Menschen, die in ihrer Familie ständig geschlagen wurden, werden im Schnitt sechsmal so oft mehrfache Gewalttäter wie diejenigen, die gewaltfrei und liebevoll erzogen wurden.

Für die Gewalt kann es doch auch andere Gründe als die Erziehung geben?

Die Menschen werden nicht als Täter geboren, Menschen werden zu Tätern gemacht. Generell hat sich die Erziehungskultur in Deutschland inzwischen gewandelt: mehr Liebe, weniger Hiebe. Und das ist gut so, denn dadurch gibt es auch einen drastischen Rückgang an Morden. Auch in den Familien. Nur die Zahl der weiblichen Opfer bleibt erstaunlich hoch. Das Töten von Frauen hat nur um zehn Prozent abgenommen. Solche Femizide muss man gesondert betrachten. Wir möchten gerade ein Forschungsprojekt dazu in Gang bringen.

© SZ vom 28.01.2020
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