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Dresden:Zucker für die Augen

Pegida? Ach. An diesem Wochenende eröffnet im Schloss Moritzburg in der Nähe von Dresden eine wahrhaft zauberhafte Ausstellung, die beweisen wird: Niemand hier hat mehr Anhänger als Aschenbrödel.

Von Verena Mayer

Schon erstaunlich, welche Uralt-Dinge aus der DDR es zu gesamtdeutschen Phänomenen gebracht haben. Das Ampelmännchen, das Sandmännchen, Rotkäppchen-Sekt. Und der Märchenfilm "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel": Jede Generation seit den Siebzigern ist mit diesem Aschenputtel aufgewachsen, das sich aus Nüssen Ballkleider zaubern kann und so lange durch eine Winterlandschaft reitet, bis es das Herz eines Prinzen erweicht. Der Film läuft jedes Jahr von Dezember an in Endlosschleife im Fernsehen und gehört mit seinem vielen Schnee und der zuckerigen Musik zur Heiligabend-Routine der Deutschen. Weihnachtsbäckerei für die Augen gewissermaßen.

Gedreht wurde der Film unter anderem in Moritzburg in der Nähe von Dresden. Dort steht ein schönes Schloss, dunkelgelb, mit Türmen, Kuppeln und einem riesigen Park rundherum. Der ist, anders als im Film, zwar die meiste Zeit des Jahres vollkommen unverschneit, dennoch wurde Schloss Moritzburg über die Jahre zur Pilgerstätte für Filmfans. Und die gibt es auf der ganzen Welt. Als das norwegische Fernsehen den Film einmal an Weihnachten nicht zeigte, hagelte es Protest. In Tschechien wiederum, wo "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" zu ČSSR-Zeiten co-produziert wurde, ist der Film eine Art Nationalheiligtum. Die tschechische Darstellerin des Aschenbrödel wird bis heute mit Staatspreisen überhäuft.

In Dresden ist man ebenfalls entschlossen, etwas aus dem Phänomen zu machen. Und zwar im oberen Stockwerk von Schloss Moritzburg, wo es von diesem Wochenende an eine dauerhafte Ausstellung zum Film gibt. Zehn Räume mit Schneelandschaften und Requisiten wie dem verlorenen Schuh. Dazwischen ein Kinosaal und ein Schneideraum, in dem man auf Deutsch und Tschechisch Interviews mit den Beteiligten abspulen kann, über den Schnee etwa. Weil in Sachsen bei den Dreharbeiten 1972 keiner lag, hängt manchmal ganz schön viel Plastik an den Bäumen.

"Kult" steht fett und in Rot auf einem Bildschirm. Welche Folgen der haben würde, ahnte nicht mal Christian Striefler, Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser in Sachsen. Als er vor fünf Jahren begann, hin und wieder ein paar Sachen aus dem Film auszustellen, hätten ihm die Massen stets die Türen eingerannt, "selbst bei den kältesten Temperaturen". 600 000 Leute waren es insgesamt. Man kann über Dresden derzeit sagen, was man will - die Zahl der Anhänger von Aschenbrödel übersteigt die von Pegida bei Weitem.

600 000

Besucher wollten in den vergangenen fünf Jahren eine der kleinen Einzelausstellungen zu "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" auf Schloss Moritzburg sehen. Geschäftsführer Christian Striefler sagt, ihm sei noch nie jemand untergekommen, der den Film nicht kannte.

Dennoch liegt das Thema in Dresden an diesem sonnigen Novembertag in der Luft. Sobald man mit Leuten ins Gespräch kommt, fühlt man sich abgetastet, wo man steht. Auf Seite derer, die jeden Montag zu Tausenden vor die Semperoper ziehen, oder derjenigen, die diese mit Transparenten wie "Wir sind keine Kulisse für Intoleranz" verhängen. Aus einer Kindertagesstätte ist zu hören, dass ein Fest, bei dem alle Spezialitäten aus ihrer Heimat mitbringen sollten, abgesagt wurde. Aus Rücksicht auf die Eltern, die bei Pegida sind und etwas gegen ausländisches Essen haben könnten. Und da ist noch die junge Event-Managerin, die gerade durch Schloss Moritzburg läuft, weil das ein guter Ort für ihre Veranstaltungen sein könnte. Sie hat gerade eine Mail einer Firma aus Hannover erhalten, die ihr Firmenwochenende nun doch nicht in Dresden abhalten will, wegen Pegida. Nicht nur, dass die Stadt zutiefst gespalten wirkt, im Tourismus müssen die Ersten um ihre Existenz fürchten. Kein Wunder, dass ständig einer jenes Heine-Gedicht zitiert, in dem es um den Patriotismus "mit all seinen Geschwüren" geht. Es ist aus dem Buch "Deutschland. Ein Wintermärchen".

Auf Schloss Moritzburg ist die Welt noch in Ordnung. Hier zeigen die Ausstellungsmacher mit einem verkleideten Aschenbrödel im Schlepptau ihre Schätze. Echte Baumstämme, Hunderte Kilogramm Haselnüsse, Kostüme wie jenes Kleid, das nach den Dreharbeiten erst am Theater und dann im Besitz einer jungen Frau landete. Als sie es dann einmal trug, wurde es sofort erkannt.

Und warum ist der Film so erfolgreich? Kuratorin Carina Primpke sagt, diese Frage höre sie ständig. Sie glaubt, dass es "am Drehbuch, den Schauspielern, der Musik, dem Witz und der Gleichberechtigung" liege. Gut, Letzteres könnte stimmen. Nicht nur, dass die Könige und Prinzen ziemlich seltsam wirken mit ihren riesigen Samtmützen und den Beinkleidern, die an Ski-Unterhosen erinnern. Aschenbrödel ist für eine Märchenprinzessin auch ganz schön emanzipiert und kommt selbst zur Hochzeit hoch zu Ross.

Das weiße Brautkleid ist dann auch der Höhepunkt der Ausstellung. Es steht in einem weißen Raum, und über einen weißen Vorhang flimmert die Szene, in der sich Aschenbrödel und der Prinz schließlich kriegen. Im Schnee. Ein echtes Dresdner Wintermärchen eben.

© SZ vom 07.11.2015
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