Deutsche Touristen in Äthiopien getötet:Mit Soldaten durch die Wüste

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Bei einem blutigen Überfall auf eine internationale Reisegruppe sind im Nordosten Äthiopiens fünf Menschen getötet worden. Zwei Todesopfer stammen aus Deutschland, zwei aus Ungarn und eins aus Österreich. Zudem sind zwei deutsche Mitglieder der Reisegruppe sowie zwei Äthiopier verschleppt worden. In diesen Teil des Landes kann man nur mit Militärschutz reisen. Doch wer reist überhaupt in so eine entlegene Ecke der Welt?

Lars Langenau

Äthiopien ist ein reiches Land. Reich an Kultur, uralter christlicher Tradition und atemberaubenden Naturschönheiten. Doch ein Ziel für den Massentourismus wird es wohl nie, denn Reisen in Äthiopien ist beschwerlich. Viele Stunden im Jeep müssen die Urlauber über Schotterpisten, die sich auf die Hochebenen schlängeln, in Kauf nehmen.

Deutsche Touristen in Äthiopien getötet: Reisen unter Militärschutz: Die Region um den Vulkan Erta Ale in der Danakil-Senke ist wunderschön, birgt aber auch große Risiken

Reisen unter Militärschutz: Die Region um den Vulkan Erta Ale in der Danakil-Senke ist wunderschön, birgt aber auch große Risiken

(Foto: AFP)

Ein wirklich gutes Hotel ist nur in Addis Abeba zu finden. Die Übernachtungen in anderen Orten sind weit entfernt von europäischer Qualität. Es ist ein Ziel für eine Handvoll Kulturreisende und Individualisten. Denn hier gibt es Regionen, in denen die Zeit vor 1000 Jahren stehen blieb. Autos sind außerhalb von Addis Abeba noch immer eine Seltenheit, leere Wasserflaschen aus Plastik noch ein Gut, über das sich die Kinder auf dem Land freuen und Reisende aus dem Ausland danach höflich fragen.

Offizielle Zahlen gibt es nicht, doch laut Schätzungen des Deutschen Reiseverbandes steuern pro Jahr nicht mehr als 2000 Deutsche Äthiopien als touristisches Ziel an. Die Felsenkirchen von Lalibela, Axum mit seinen Steinstelen und verfallenen Palästen, Gondar mit seiner Kaiserpfalz und alten Kirchen gehören zu der üblichen Touren durch das Land - und die gelten als sicher. Große Veranstalter für Kultur- und Studienreisen wie Studiosus aus München oder Ikarus aus Königsstein haben diese Highlights im Programm. Mehrere hundert Deutsche besuchen jährlich mit diesen Unternehmen das Land.

Der blutige Überfall mit fünf toten Europäern und zwei verschleppten Deutschen hat sich hingegen in der Afar-Region im Nordosten Äthiopiens abgespielt. Dort brodelt ein riesiger Lava-See im Krater des Vulkans Erta Ale, glühende Fontänen bieten ein spektakuläres Bild. Die Gegend ist sehr abgeschieden, kann nur auf sehr schlechten Pisten mit Geländefahrzeugen erreicht werden. In der heißen Wüste gibt es kaum Handyempfang.

Doch die Region gilt als Wiege der Menschheit, seit dort in den siebziger Jahren die Knochen von Lucy, eines 3,5 Millionen Jahre alten Hominiden entdeckt wurden. Doch das Auswärtige Amt rät seit 2007 von Reisen in die abgelegene Danakil-Senke ab. Die etablierten Veranstalter befolgen diesen Ratschlag.

BKA und Krisenteam

Trotzdem gibt es diese Touren in die Wüste. Und eine endete jetzt tragisch: Bei einem Überfall auf eine internationale Reisegruppe in Äthiopien in der Nacht zum Mittwoch sind fünf Menschen getötet worden. Der äthiopischen Regierung zufolge stammen zwei Todesopfer aus Deutschland, zwei aus Ungarn und eines aus Österreich. Zudem seien zwei deutsche Mitglieder der Reisegruppe sowie und zwei Äthiopier verschleppt worden. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) bestätigte den Tod der zwei Deutschen und sagte, dass weitere Menschen gerettet worden seien.

Eine Rettungsmaßnahme wurde erfolgreich abgeschlossen", sagte Westerwelle. An Bord eines Hubschraubers seien zwölf Personen, unter ihnen eine Anzahl Deutscher, in Sicherheit gebracht worden. Doch sei das Schicksal weiterer Deutscher unklar. Ein neu eingerichteter Krisenstab und die Botschaft in Äthiopien seien um Aufklärung und Hilfe für die Betroffenen bemüht, sagte Westerwelle.

Bei dem Angriff erlitten zwei Belgier schwere Verletzungen, eine Person sei entkommen, teilte die äthiopische Regierung am Mittwoch in Addis Abeba mit. Äthiopiens Regierung beschuldigt von Eritrea finanzierte Rebellen, den Überfall geplant und die Touristen verschleppt zu haben. Deren Ziel sei es, dem Image Äthiopiens zu schaden und den Tourismus im Land zu stoppen, sagte Mulugeta Zewdie Michael, Äthiopiens Generalkonsul in Frankfurt, der SZ. Seine Regierung habe die politische Führung Eritreas zum Handeln aufgefordert, den Vorfall aufzuklären und sich für die Freilassung der verschleppten Personen einzusetzen.

In der kommenden Woche beginnt in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba der Gipfel der Afrikanischen Union. "Offensichtlich will die eritreische Regierung vor dem Treffen für Unruhe sorgen", sagte der äthiopische Regierungssprecher Bereket Simon. "Auch beim letzten Gipfel in Addis Abeba hatten sie einen Anschlag geplant, den wir vereiteln konnten." Eritreas Regierung äußerte sich zunächst nicht zur tödlichen Entführung. Das international isolierte Regime beschuldigt jedoch regelmäßig Äthiopiens Regierung, Vorwürfe gegen Eritrea zu erfinden, um dem kleinen Nachbarland zu schaden.

Laut Jörg Ziercke, Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), ist über die Täter bisher nichts bekannt. Jedoch gebe es die Vermutung, dass es sich um Rebellen handele. Das Bundeskriminalamt schickte mehrere Mitarbeiter nach Äthiopien. Auch der Verbindungsbeamte der Behörde in Kenia sei dorthin beordert worden. "Wir unterstützen dort die deutsche Botschaft, wir versuchen dort die Interessen der deutschen Staatsangehörigen wahrzunehmen, Kontakt zu den Behörden aufzubauen", sagte Ziercke. Auch zu den Angehörigen in Deutschland sei Kontakt aufgenommen worden.

"Leute, die sich für fremde Kulturen und Natur interessieren"

Veranstaltet wurde die Reise, die nun ein blutiges Ende fand, vom Dresdner Unternehmen Diamir. Trotz mehrerer Anfragen der SZ wollte sich das Unternehmen nicht zu den Umständen dieser Reise äußern und teilt auf seiner Website lediglich mit, dass man alle Trips in die Region abgesagt habe. Die betreffende Reise stehe seit 2006 im Programm und werde mehrmals pro Jahr durchgeführt. Weiter heißt es: "Bis zum gegenwärtigen Zwischenfall hatte Diamir keinerlei Hinweise darauf, dass die Sicherheit der Gäste in der Region in Frage stehen könnte."

Eine Einschätzung, die Gerhard Wiesenbauer, 49, teilt. Der Österreicher ist vor einer Woche zurückgekehrt und sagt, dass es dort in den vergangenen fünf Jahren keine Probleme gegeben habe. Er ist Reiseleiter im Summit-Club des Deutschen Alpenvereins (DAV), der die klassischen Ziele mit Trekkingtouren verbindet. Reisen in die Afar-Region sind allerdings nicht im offiziellen DAV-Katalog zu finden. Das sind "Sonderreisen", die über einen persönlichen Kontakt zum Reiseleiter ablaufen und dann über örtliche Agenturen abgewickelt werden.

Da die Touren mit bewaffnetem Begleitschutz und mit fachkundigen, örtlichen Führern in kleinen Gruppen stattfinden, sind sie nicht billig. Sie kosten etwa 200 Euro pro Person und Tag. Insgesamt muss man ungefähr 4000 Euro für so einen Trip hinblättern. Die auf maximal 15 Personen beschränkten Gruppen seiner Sonderreisen sind zwischen Mitte 30 und 60 Jahre alt, und "keiner von ihnen ist Millionär oder lebensmüde", sagt Wiesenbauer. "Das sind vielgereiste Leute, die sich für fremde Kulturen und Natur interessieren." Auch die sie begleitenden Soldaten hätten sich in der vergangenen Woche noch überflüssig gefühlt. Und dann sagt Wiesenbauer mit einen Anflug von Fatalismus: "Das kann einem doch fast überall passieren."

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