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Logbuch: Folge 1:"Wir segeln Tag und Nacht"

Logbuch Telefonica Black

"Ein Leben in 40 Grad Schräglage": die Crew auf der "Telefonica Black".

(Foto: privat)

Der Deutsche Johannes Bravidor saß wegen Corona in der Karibik fest. Nun hat er sich mit anderen Seglern zusammengetan, um den Atlantik zu überqueren. In Folge 1 des Logbuchs erzählt er von fünf Meter hohen Wellen und der Sorge um den Proviant.

Wie viele andere Touristen saß der deutsche Segler Johannes Bravidor in der Karibik fest. Flüge nach Hause gibt es derzeit keine, die Versorgungslage wird schlechter. Deshalb ist er mit elf anderen Seglern auf der Telefonica Black, eine etwa 21 mal 5 Meter große Hochseeregattenyacht, nach Europa aufgebrochen. Quer über den Atlantik, 3500 Seemeilen Luftlinie bis nach Portsmouth in England. Sorgen gibt es viele: Häfen unterwegs können nicht angesteuert werden, das Wetter ist rau, und was, wenn einer an Bord Corona bekommt? In der SZ berichtet Bravidor von der gewagten Überfahrt.

5. Tag auf See

Position: 28°38'N, 59°4'W, 1200 Seemeilen östlich von Florida

Durchschnittsgeschwindigkeit: acht Knoten

Heute ist ein guter Tag, um sich zu erholen. Nach vier Tagen Zickzack-Kurs gegen den Wind ist es heute zum ersten Mal etwas ruhiger. Wir segeln Tag und Nacht. Das bedeutet: Schichtsystem mit jeweils drei Stunden segeln und sechs Stunden Ruhe. Ein Leben in 40 Grad Schräglage bei Wellen zwischen drei und fünf Metern Höhe, dabei schlafen und essen im Regen wie unter der Dusche. Heute können wir nasse Sachen trocknen und Segel reparieren.

Unsere Crew besteht aus Deutschen, Schweizern, Polen, Franzosen, Slowaken, Holländern, Briten und einer Kanadierin. Vom absoluten Neuling bis zum Profi ist alles dabei. Viele sind mit der Atlantic Rally for Cruisers, einem Bootsrennen, im November/Dezember über den Atlantik in die Karibik gekommen und wollten während der Segelsaison dort arbeiten. Durch Covid-19 fällt das aus. Regatten sind alle abgesagt worden, Hotels und Restaurants geschlossen. Zuletzt durfte die Insel Antigua weder angelaufen noch verlassen werden. Boote dürfen ohne Genehmigung der Küstenwache nicht mehr bewegt werden. An Land kann man nur noch, um das Nötigste zu besorgen. Es gibt eine strenge Maskenpflicht. Die Strafen bei Zuwiderhandlungen liegen bei 2000 US-Dollar oder sechs Monaten Gefängnis, und es gab auch schon Verhaftungen. Strom und Wasser wurden zwischendurch abgestellt. Die Supermärkte waren zuletzt nur noch wenige Stunden geöffnet, vieles war ausverkauft.

Johannes Bravidor, 41, hat zuletzt in London gelebt. Er erfuhr erst nach seiner Ankunft auf Antigua, dass das Coronavirus die Welt verändert hat.

(Foto: privat)

Deshalb wollen wir zurück nach Europa. Doch der vorerst letzte Flug, um Deutsche aus der Karibik heimzubringen, ging am 9. April. Seitdem ist der Seeweg die einzige Möglichkeit heimzukommen. Aber auch der ist erschwert, denn die übliche Zwischenstation Bermuda kann wegen Covid-19 nicht angelaufen werden. Die Azoren zu betreten ist auch verboten, aber man darf davor ankern, um sich mit Proviant, Wasser oder Diesel einzudecken - zumindest galt das noch, als wir losgefahren sind.

Wir haben jetzt geplant, uns nach Norden durchzuschlagen und 3500 Seemeilen direkt bis nach Portsmouth in England zu fahren - im Zweifel ohne die Azoren anzulaufen. Doch durch die Turbulenzen der letzten Tage ist ein Teil unseres Proviants draufgegangen und wir sind eventuell doch gezwungen, einen Zwischenstopp auf den Azoren zu machen.

Wir sind eines der ersten Boote, die sich auf den Weg nach Europa gemacht haben. Es sind noch einige deutschsprachige Segler in der Karibik. Viele warten noch ab und werden erst Ende April bis Mitte Mai losfahren - manche in kleinen Verbänden, andere allein - bevor dann im Juni die Hurrikansaison beginnt.

Um das Risiko von Covid-19 zu verringern, haben wir uns, bevor wir losgefahren sind, alle freiwillig 14 Tage in Quarantäne begeben und jeden Tag Fieber gemessen. Zwar versuchen wir an Bord, soweit es geht, Abstand zu halten, aber das ist auf so einem engen Boot nur bedingt möglich. Sollte einer krank werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir uns alle anstecken. Im Extremfall besteht die Gefahr, dass wir das Boot nicht mehr aktiv steuern können. Bislang sind wir aber alle topfit. Die Stimmung ist gut, auch wenn man die Sorgen auf den Gesichtern sieht. Westlich von uns zieht ein Sturmtief auf, das uns in zwei bis drei Tagen erreichen wird.

© SZ

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