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Corona-Virus:Warum wir uns ins Gesicht fassen

400 bis 800 Mal fasst sich der durchschnittliche Mensch pro Tag spontan ins Gesicht - sollte er in Zeiten von Corona aber nicht.

(Foto: Ayo Ounseinde/Unsplash)

Nicht ständig mit der Hand an den Kopf fahren, raten Experten. Doch so einfach ist das nicht. Warum eigentlich?

Selbstberührungen tun gut. Sehr gut. Blöd, dass man sie in Corona-Zeiten plötzlich unterlassen soll. Und gar nicht so einfach. Aber wieso fahren wir uns überhaupt ständig mit den Händen ins Gesicht, in die Augen, ins Ohr und - ja - in die Nase?

"Selbstberührungen beeinflussen die elektrischen Strömungen im Gehirn", erklärt Martin Grunwald, Gründer und Leiter des Haptik-Labors am Paul-Flechsig-Institut für Brainresearch der Universität Leipzig. "So wird das Arbeitsgedächtnis wieder funktionsfähig gemacht." Wenn man also mal einen Hänger hat, das Denken oder Reden stockt, hilft die Kopfberührung. "Auf diese Weise gelangt der Mensch wieder ins innere Gleichgewicht", so der Psychologe und Autor des Buches "Homo hapticus".

Auch die sogenannte "Merkel-Raute" der Bundeskanzlerin sei nichts anderes als "Selbstberührung, um den gesellschaftlich nicht besonders geschätzten Griff ins Gesicht zu vermeiden".

Doch warum durfte man sich öffentlich schon vor Corona nicht ständig an die Nase greifen? "Da geht es um den Umgang mit Sekreten und Affekten", erklärt Ruth Ayaß, Soziologin an der Uni Bielefeld. Dem Mitmenschen solle signalisiert werden: "Von mir geht keine Gefahr aus. Ich habe mich im Griff." Das Virus allerdings habe den Begriff der sozialen Distanz ganz neu definiert: "Nun sollen wir plötzlich auch Abstand von denen halten, die uns eigentlich nahe sind." Das führe zu Unwohlsein.

Warum Menschen gesichtsfingern

400 bis 800 Mal fasst sich der durchschnittliche Mensch pro Tag spontan ins Gesicht. Durch Hautreizungen ausgelöste Berührungen sind nicht mit eingerechnet. Schon Embryonen beruhigen sich in dem Moment, da die Mutter unter Stress gerät, indem sie sich mit der Hand zum Mund fahren. Auch bei Tieren gibt es ähnliche Reflexe.

Beim Gesichtsfingern gehe es einerseits um eine "Stabilisierung des emotionalen Prozesses", erklärt Martin Grunwald, der zuletzt 2019 eine Studie zum Thema veröffentlicht hat. Andererseits würden so Kurzzeitinformationen "neuronal restauriert". Für das Gegenüber kann das durchaus interessant sein: Lügt jemand, etwa bei der Befragung durch die Polizei? Sucht er nach Worten? So wie, noch einmal, die Bundeskanzlerin, als ihr während einer Rede einmal das Wort "Festnetz" nicht einfiel? (Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, da sie sich endlich am Kopf kratzte.)

Wenn nun von verschiedener Seite darauf hingewiesen wird, auf Selbstberührungen in Corona-Zeiten besser zu verzichten, so ist das leichter gesagt als getan. Um seine Hände in den Griff zu bekommen, raten einige Experten zur Faustbildung oder dazu, Extremitäten in Jacken- oder Hosentaschen zu stopfen, wie dies etwa beim deutschen Außenminister Heiko Maas beobachtet werden kann.

Es gibt sogar die Möglichkeit, sich mithilfe einer Webcam vor dem PC warnen zu lassen, sobald die Finger wieder Richtung Gesicht wandern. Doch von alldem hält Forscher Grunwald nichts: "Wer dazu neigt, sollte dieser Tage vielleicht einfach Gummihandschuhe anziehen." Doch das dürfte zumindest in Deutschland gesellschaftlich ebenso verpönt sein, wie es (derzeit noch) der Mundschutz ist. "Ich sehe kaum jemanden, der Mundschutz trägt", wundert sich Soziologin Ayaß. "Offensichtlich ist es uns wichtig, dem anderen das ganze Gesicht zu zeigen."

© SZ/moge

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