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SZ-Kolumne "Alles Gute":Wenn Herr Fujita kocht

Homeoffice und Corona: Warum es nervt und trotzdem lustig ist

Illustration: Steffen Mackert

Unser Autor isst fast jeden Tag im japanischen Bistro gegenüber seiner Wohnung. Es ist die maximale Dosis an Zwischenmenschlichkeit, die momentan abseits von praktischen Besorgungen möglich ist.

Herr Fujita würde sich niemals darüber beklagen, dass diese Tage schwierig sind, gerade für jemanden wie ihn. Er ist Japaner und zeichnet sich durch höfliche Zurückhaltung aus. Gut, vielleicht beschwert er sich im privaten Raum, aber wenn man ihm in seinem Imbisslokal begegnet: kein Wort des Jammerns. Höchstens vielleicht, dass es gerade etwas "langweilig" ist, womit er meint, dass weniger Gäste kommen und infolgedessen der Umsatz ausbleibt.

Sein Bistro Sakura (japanisch für Kirschblüte) in München-Sendling ist ein kleines, charmantes Lokal, das vorher ein Thai-Imbiss war und davor eine urbayerische Kneipe. Als Anwohner im Haus direkt gegenüber konnte man alle Entwicklungsstufen der vergangenen fünf Jahre mitverfolgen. In der Kneipe habe ich mir zum Einzug Schafkopfkarten ausgeliehen, beim Thai-Imbiss an freien Tagen hin und wieder was zum Abholen bestellt, und bei Herrn Fujita esse ich mittlerweile fast jeden Tag. Ich war immer etwas neidisch, wenn meine Freunde aus anderen Stadtvierteln von dem kleinen Lebensmittelhändler an der Ecke geschwärmt haben, bei dem sie am liebsten einkaufen, und von ihm erzählt haben, als wäre er ein alter Bekannter. Seit ein paar Monaten und besonders seit ich die Wohnung aus aktuellen Gründen nicht mehr so häufig verlasse, tue ich das auch.

Bei Herrn Fujita gibt es zwar keine gefüllten Warenregale, aber die Versorgung ist exzellent, und wenn schon nicht besonders gesprächig, so ist er doch meistens für ein herzhaftes Lachen zu haben. Er kocht allein, sechs Tage die Woche, mittags und abends, es gibt Ramen-Suppen, Fleischgerichte, Vegetarisches und experimentelles Sushi wie Mango-Lachs-Röllchen, alles frisch zubereitet. Mit seinem Bistro scheint eine Konstante an wechselvoller Stelle gefunden zu sein, und die Nachbarschaft nimmt das Angebot an. In normalen Zeiten, vor Corona, haben sich immer wieder Anwohner an die kleinen Tische gesetzt, um in Ruhe zu essen. Gerade kommen sie, wie in allen Gaststätten, die derzeit geöffnet sind, nur noch zum Abholen vorbei.

Manchmal, wenn die Zeit es zulässt, steht Herr Fujita selbst im Laden, in roter Schürze, unter künstlichen Kirschblüten, und entschuldigt sich, dass das Festnetz nicht funktioniert, oder wünscht einen schönen Tag. Es ist die maximale Dosis an zwischenmenschlichem Außenkontakt, die momentan abseits von praktischen Besorgungen möglich ist, und sie gibt einem ein gutes Gefühl. Wenn Herr Fujita mit Haltung und einem Lächeln durch diese Krise kommt, dann schaffen wir das auch.

In jeder Krise passiert auch Gutes, selbst wenn man es nicht immer auf den ersten Blick erkennen kann. In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

© SZ/olkl
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