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Coronavirus in Deutschland:Zahl der Infizierten in Heinsberg steigt deutlich an

  • Das neuartige Coronavirus breitet sich in Deutschland weiter aus, bislang gibt es 72 bekannte Infektionen. Der Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass sich "wahrscheinlich 60 bis 70 Prozent" infizieren werden.
  • Besonderes Augenmerk liegt auf der NRW-Gemeinde Heinsberg, wo mitlerweile 37 Menschen infiziert sind. Kitas und Schulen blieben in der kommenden Woche geschlossen.
  • Die Zahl der Infizierten in Baden-Württemberg ist auf 14 gestiegen.
  • Die Bundesregierung hat einen Krisenstab eingerichtet. Gesundheitsminister Spahn spricht vom "Beginn einer Epidemie".

Wie in anderen Ländern breitet sich auch in Deutschland das neuartige Coronavirus weiter aus. Das Virus mit dem Namen Sars-CoV-2 löst die Lungenerkrankung Covid-19 aus. Bislang sind in Deutschland den Gesundheitsbehörden zufolge 72 Infizierte registriert worden. Diese Übersicht fasst die wichtigsten Entwicklungen zusammen.

In Deutschland sind nach Ansicht eines Experten hohe Infektionszahlen mit dem neuen Coronavirus zu erwarten. "Es werden sich wahrscheinlich 60 bis 70 Prozent infizieren, aber wir wissen nicht, in welcher Zeit", sagte der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité. "Das kann durchaus zwei Jahre dauern oder sogar noch länger." Problematisch werde das Infektionsgeschehen nur, wenn es in komprimierter, kurzer Zeit auftrete. "Darum sind die Behörden dabei, alles zu tun, um beginnende Ausbrüche zu erkennen und zu verlangsamen."

Die ersten Fälle des Virus in Deutschland hatte es ab Ende Januar in Bayern gegeben. Insgesamt wurden dort schließlich 14 Fälle registriert. Bei zwei weiteren Menschen, die aus China eingeflogen wurden, wurde das Virus ebenfalls entdeckt. Zu diesen 16 älteren Fällen, die fast alle wieder genesen sind, kommen bundesweit derzeit 49 neue Fälle hinzu. Am Donnerstagabend wurde der Fall eines Mannes aus Mittelfranken bekannt, wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in München am Donnerstagabend mitteilte. Dabei handelt es sich um einen Hautarzt, der sich bei einem Kongress in München bei einem italienischen Kollegen angesteckt habe, wie die Erlanger Nachrichten berichten. Alle Informationen zu dem Fall finden Sie in unserem Newsblog zu den Coronavirus-Fällen in Bayern.

Aktuell liegt das Hauptaugenmerk auf Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Viele bislang bekannten Infizierten in Nordrhein-Westfalen hatten nach Erkenntnissen der Behörden Kontakt mit einem Ehepaar (ein 47-jähriger Mann und seine 46-jährige Frau) aus Gangelt im Kreis Heinsberg, das im Moment an der Uniklinik Düsseldorf behandelt wird. Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hatte zuvor im WDR gesagt, dass er davon ausgehe, dass der schwer erkrankte 47-Jährige der erste Infizierte in der aktuellen Kette sei. Beim wem er sich wiederum angesteckt habe, sei aber noch unklar.

Am Freitag stieg die Zahl der bekannten Infektionen in NRW sprunghaft an. Der Kreis Heinsberg teilte am Abend mit, dass mittlerweile insgesamt 37 Personen nachweislich infiziert sind. Alle Erkrankten müssen vorsorglich zu Hause bleiben.

Zahlreiche Verbindungen deuten zum Gangelter Karneval. Bei der im Fokus stehenden Karnevalsveranstaltung "Kappensitzung" im Gangelter Ortsteil Langbroich-Harzelt am 15. Februar könnte es einem Sprecher des Kreises zufolge etwa 400 Kontaktpersonen gegeben haben. Rechnet man deren Partner und Kinder dazu, dürften sich derzeit etwa 1000 Personen in häuslicher Quarantäne befinden, so der Sprecher.

In dem Landkreis kämpft ein etwa 100-köpfiger Krisenstab gegen die Ausbreitung des neuartigen Virus. Schulen und Kindergärten im Kreis sind vorsorglich vorerst geschlossen - bis einschließlich 6. März. Auch alle Kreisbehörden und Gerichte sind für den Publikumsverkehr dicht. Im Kreis Heinsberg leben rund 252 000 Menschen.

Zuletzt meldeten auch Hessen und Schleswig-Holstein je einen Fall. Der schleswig-holsteinische Infizierte ist Mitarbeiter der Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Der Mann war am Sonntag aus dem italienischen Trentino zurückgekehrt. Offenbar bemerkte er die Symptome erst am Dienstag, als er bereits an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt war. Alle Kinder und Eltern sowie Kollegen, die engen Kontakt mit dem Mitarbeiter hatten, gehen nun 14 Tage in Quarantäne - je nach Gesundheitszustand im UKE oder zu Hause. Er soll Kontakt mit etwa 50 Personen gehabt haben.

Unter den Betroffenen seien 16 Kinder, die zusammen mit je einem Elternteil auf Station isoliert worden seien, und 12 ärztliche Mitarbeiter, die in ihrem Zuhause in Isolation seien. Auf der betroffenen Station finden keine Neuaufnahmen statt. Dem Mann gehe es so weit gut, er sei in häuslicher Isolation in seinem Wohnort Henstedt-Ulzburg, sagte eine UKE-Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur am Freitagmorgen. Der Mann habe das UKE nicht von der Schweigepflicht entbunden, deshalb könne sie zunächst nicht mehr über ihn sagen, erklärte die Sprecherin.

In Henstedt-Ulzburg wird es keine Einschränkungen des öffentlichen Lebens geben. Dem Bürgermeister der Stadt, Stefan Bauer, zufolge handele es sich bei dem Infizierten "um einen Einzelfall". Bauer rief die Bewohner der Stadt im Kreis Segeberg auf, besonnen und ruhig zu bleiben und die Verhaltensregeln des Robert-Koch-Instituts zu befolgen.

Die Zahl der bestätigten Coronavirus-Fälle in Baden-Württemberg ist am Freitagabend auf 14 gestiegen. Wie das Gesundheitsministerium am frühen Freitagabend mitteilte, handelt es sich bei dem jüngsten bekannt gewordenen Fall um einen 32-jährigen Mann aus dem Landkreis Heilbronn, der sich vergangene Woche in Mailand aufgehalten hatte. Nachdem er Symptome entwickelt hatte, sei am Donnerstag ein Abstrich erfolgt - dieser sei in einem Labor positiv getestet worden. Die stationäre Aufnahme des Patienten in eine Klinik sei veranlasst worden, hieß es. Im Laufe des Freitags hatten die Behörden bereits vier weitere neue Fälle vermeldet, darunter ein Mann aus Ludwigsburg. Zudem wurde das Virus Sars-CoV-2 bei einem Mann aus dem Rhein-Neckar-Kreis nachgewiesen, der zuvor in Südtirol war. Ein Mann aus Nürnberg, der sich geschäftlich in Karlsruhe aufhielt, wird im dortigen Klinikum behandelt. Zudem wurde ein Mann aus dem Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald positiv auf das neuartige Virus getestet, der zuvor in Italien war. Bereits am Vormittag hatte das Ministerium zwei neue Fälle gemeldet, darunter ist auch ein Mann aus dem Landkreis Ludwigsburg. Er sei bei der sogenannten Influenza-Überwachung "herausgefischt" worden. Das bedeutet, dass Proben im Labor des Landesgesundheitsamtes, die auf Influenza getestet wurden, automatisch auch auf das Coronavirus hin untersucht werden. Dies ist der erste Fall, der auf diese Art ermittelt wurde.

Auch bei zwei Menschen in Rheinland-Pfalz ist das Virus festgestellt worden. Bei dem 32-jährigen Betroffenen war das Virus am Donnerstag nachgewiesen worden. Ihm geht es nach Angaben des behandelnden Westpfalz-Klinikums gesundheitlich gut. "Der Patient hat wenig Beschwerden - Husten, Schnupfen und etwas Heiserkeit. Das Fieber konnte gesenkt werden." Der Mann iranischer Abstammung war in seiner Heimat gewesen und reiste am 19. Februar über den Frankfurter Flughafen nach Deutschland ein, mit dem Bus fuhr er nach Kaiserslautern. Er war am Donnerstag selbst ins Westpfalz-Klinikum gekommen. Vor ihm war schon bei einem 41-jährigen Soldaten im Bundeswehrzentralkrankenhaus in Koblenz das neuartige Coronavirus festgestellt worden.

Krankenhäuser gut vorbereitet

Das Innen- und das Gesundheitsministerium haben einen gemeinsamen Krisenstab eingerichtet. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte, Flugreisende, die aus China, Südkorea, Japan, Iran und Italien nach Deutschland zurückkehren, sollten den Behörden ihren Aufenthaltsort melden. Innenminister Horst Seehofer sagte, der Krisenstab solle auch Empfehlungen abgeben, ob Messen wie die Internationale Tourismusbörse ITB abgesagt werden sollten. Es müsse abgewogen werden zwischen Gesundheitsschutz und wirtschaftlichen Interessen. Spahn sagte, Entscheidungen dazu müssten letztlich Länder und kommunale Behörden treffen. "Wir befinden uns am Beginn einer Corona-Epidemie in Deutschland", betonte Spahn wiederholt.

Nach den bisher bekannten Zahlen ist das neue Virus dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge tödlicher als die Grippe. Wie viel höher die Sterberate sei, sehe man erst nach dem Ende der Epidemie, sagte Institutspräsident Lothar Wieler. Die Krankenhäuser sind nach Einschätzung des Marburger Bundes jedoch auf eine Ausbreitung des Erregers gut vorbereitet. Die Kliniken verfügten über klare Strukturen dazu, was im Fall von Infektionen zu tun sei, sagte die Vorsitzende des Ärzteverbands, Susanne Johna, in Berlin. "Wir sind in Deutschland gut aufgestellt, aber wenn das Infektionsgeschehen außer Kontrolle gerät und Infektionsketten nicht sicher nachvollzogen werden können, wird es schwerer, die Krankheit einzudämmen", sagte Johna.

Laut dem Virologen Christian Drosten deuten Zahlen aus China darauf hin, dass es so kommen könnte wie bei den großen Grippe-Pandemien 1957 und 1968. "Dass es so wird wie die Spanische Grippe 1918, glaube ich nicht." Das Muster mit einem Rückgang der Zahlen im Sommer und einem Wiederauftreten danach könne aber ähnlich sein. Deutschland sei hervorragend auf die Lungenkrankheit Covid-19 vorbereitet. "Wenn das ganze Pandemiegeschehen, bevor das Virus zu einem landläufigen Erkältungsvirus wird und nicht mehr weiter auffällt, sich so in zwei Jahren abspielt, da können wir damit umgehen", sagte Drosten.

Die deutschen Kommunen warnen angesichts der Ausbreitung des Coronavirus vor Panik. "Deutschland ist nicht erst seit Bekanntwerden des neuen Virus sehr gut auf einen möglichen Ausbruch von Pandemien vorbereitet", sagte Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Derzeit besteht in Deutschland trotz der jetzt aufgetretenen Infektionsfälle mit dem Coronavirus kein Grund zur Panik."

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt wegen der steigenden Coronavirus-Zahlen das Risiko einer weltweiten Verbreitung der Lungenkrankheit nun als sehr hoch ein. "Wir haben die aktuelle Risikobewertung auf sehr hoch von zuvor hoch angehoben", sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus in Genf. Es bestehe aber immer noch die Chance, die Ausbreitung des neuartigen Virus Sars-CoV-2 einzudämmen.

Zum Schutz vor diesem wie auch anderen Viren empfehlen Experten gewöhnliche Hygienemaßnahmen: regelmäßiges Händewaschen, Desinfektionsmittel und Abstand zu Erkrankten. Den Nutzen von normalen Atemmasken - wie derzeit in China und anderen Ländern überall auf den Straßen zu sehen - schätzen Experten als eher gering ein. Helfen kann es, Umarmungen und Händeschütteln einzuschränken und von vielen Menschen berührte Oberflächen wie Türklinken, Haltegriffe und Aufzugknöpfe nicht anzufassen. Wer aus Gebieten zurückkehrt, in denen Covid-19-Fälle vorkommen und innerhalb von 14 Tagen nach der Rückkehr Fieber, Husten oder Atemnot entwickelt, soll nach Möglichkeit zu Hause bleiben, sich telefonisch bei einem Arzt melden und das weitere Vorgehen abklären.

In einer früheren Version des Textes wurde der Coronavirus-Patient aus dem Landkreis Rottweil fälschlicherweise als 32-jährige Frau bezeichnet. Richtig ist, dass es sich um einen Mann handelt. In einer früheren Version hieß es außerdem, der Coronavirus-Patient aus Hamburg sei in der Lombardei gewesen und halte sich im Krankenhaus auf. Richtig ist, dass er im Trentino war und sich in häuslicher Isolation befindet. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, diesen zu entschuldigen.

© SZ.de/dpa/REUTERS/jael/bix/muth/thba
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