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SZ-Kolumne "Alles Gute":Aus die Laus

Corona und Alltag
(Foto: Steffen Mackert)

Der strenge Lockdown in Israel hält die Teenager davon ab, für Selfies ihre Köpfe zusammenzustecken. Das mag schade für die Jugendlichen sein, hat aber einen positiven Nebeneffekt.

Von Alexandra Föderl-Schmid

Irgendwie ahnte man doch schon immer, dass Selfies eine Plage sind. An den schönsten Orten der Erde versperrt einem viel zu oft ein Mensch oder ein Menschenpaar die Sicht, die Lippen gekräuselt, versonnener Blick, einen Arm teleskopartig schräg nach oben ausgefahren. Und die schönsten Orte der Welt verkommen zum Hintergrund. Die lästige, aber doch harmlose Selfie-Plage kann aber auch eine echte Plage nach sich ziehen: Israelische Forscher haben herausgefunden, dass mindestens 15 Prozent der Dreizehnjährigen im Land von Kopfläusen befallen sind. Schuld am großen Krabbeln sollen unter anderem die Selfies sein. Wenn die Teenager die Köpfe zusammenstecken, damit sie zu zweit oder gar als Gruppe auf ein Hochformat passen, haben die Läuse leichtes Spiel.

Nun aber sind in Israel lausige Zeiten angebrochen für die Selfie-Kids - und für die Läuse. Zwei Monate waren die Schulen geschlossen, die Kinder und Jugendlichen mussten zu Hause bleiben und konnten nicht mehr dicht an dicht für Fotos posieren. Die Viecher mussten also auf ihren angestammten Köpfen bleiben, Infektionsketten wurden unterbrochen, natürlich nicht nur bei Teenies, sondern auch bei Kindergarten- und jüngeren Schulkindern. Insgesamt sind - oder besser: waren vor Corona - zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen in Israel von Läusen befallen, die Parasiten sind wahrlich eine große Plage. Es ist das schwül-heiße Klima, das die Vermehrung von Pediculus humanus fördert.

Nicht nur in ihrem Wanderverhalten wurde die gemeine Kopflaus durch die Pandemie gestoppt. Auch in den Schöpfen, in denen sie schon eine Weile herumwuselten, bekamen die Biester es vermehrt mit Gift- und Spezialshampoo-Attacken und Nissenkämmen zu tun. Kosta Mumcuoglu, Parasitologe von der Hebrew University in Jerusalem, vermutet, dass manche Eltern durch das dauernde Zusammensein mit ihren Kindern erst gemerkt haben, dass diese Läuse haben. Nachdem die erste Laus sich auf einen Kopf hinübergehangelt hat, dauert es noch etwa einen Monat, bis die Kinder sich zu kratzen beginnen. Und bis aus einem Läuseei eine erwachsene Laus wird, die ihrerseits Eier ablegt, dauert es in der Regel drei Wochen.

Selbstversuch mit Läusen

Die Experten in Israel gehen von einem wohltuenden Langzeiteffekt für Eltern und Kinder aus - mindestens 18 Monate wird die Population dezimiert sein. Aus die Laus. Mumcuoglu verbreitet sogar Hoffnung auf eine noch längere Schonzeit: Zwei Jahre, so schätzt er, dürfte der Parasitenbefall niedrig bleiben. Sein Wort hat Gewicht: Mumcuoglu ist der bekannteste Lausforscher des Landes, er nutzt seinen eigenen Kopf für Tests und Experimente.

Vielleicht sollte man den Zwei-Meter-Sicherheitsabstand, den die israelische Regierung empfiehlt, einfach zum für immer gültigen Selfie-Sicherheitsabstand machen. Das würde auch ganz neue Geschäftsfelder eröffnen: für ultralange Selfie-Sticks.

In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure wöchentlich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

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