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Corona-Folgen:"Die Laus ist separiert"

Laus, 2005

Juckt es Sie auch am Kopf, sobald Sie sich dieses Bild anschauen? Eine Kopflaus unter dem Elektronenmikroskop.

(Foto: Imago)

Kitas, Kindergärten und Grundschulen sind seit Wochen weitgehend geschlossen. Könnte das das Ende der Kopflaus bedeuten?

Interview von Mareen Linnartz

Sie ist harmlos, nervt aber gewaltig: "Pediculus humanus capitis", die gemeine Kopflaus, lebt vor allem in Kinderhaaren. Mehr in denen von Mädchen als von Jungen, am allerhäufigsten bei Schülern und Schülerinnen zwischen sieben und neun Jahren. Diese Kinder aber sitzen nun in Corona-Zeiten nicht mehr gemeinsam im Klassenzimmer und sollen auch sonst Abstand voneinander halten, was schlecht für Kopfläuse ist, die darauf angewiesen sind, dass sich Köpfe zusammenstecken. Brechen für die Tierchen also nun lausige Zeiten an? Ein Gespräch mit dem Parasitologen Heinz Mehlhorn, 75, der sich seit mehr als 40 Jahren mit ihnen beschäftigt.

Läuse sind das ganze Jahr über ein Übel, aber nach den Sommerferien meist ganz besonders. Das wird jetzt nach den sogenannten "Corona-Ferien" vermutlich anders sein, oder?

Die Laus ist jetzt separiert. Läuse werden ja durch Haar-zu-Haar-Kontakt übertragen. Aber nun spielen die Kinder nicht mehr miteinander, sie schauen sich im Kindergarten kein Bilderbuch zusammen an, sie haben überhaupt wenig Kontakt. Und in den Klassen, in denen wieder unterrichtet wird, muss so ein großer Abstand eingehalten werden, da hat eine Laus keine Chance. Sie kann ja weder springen noch fliegen, ist also in ihrer Bewegung sehr eingeschränkt.

Das heißt: Es besteht nun die einmalige Chance, dass es diesen Plagegeistern endlich an den Kragen geht?

Die Kopflaus ist seit fünf Millionen Jahren unser Begleiter, die wird auch eine Corona-Quarantäne nicht kleinkriegen. Nur ist die Anzahl der Läuse jetzt eben auf die Personen beschränkt, die zusammen zu Hause hocken, das betrifft also vor allem Familien. Aber wenn dort nichts gemacht wird, können sie sich munter weiter ausbreiten.

Aber dann könnte man doch nun die große Kampagne starten: Liebe Familien, kontrolliert alle eure Mitglieder auf Läuse!

Erstens merkt man ein, zwei Läuse oft gar nicht. Und zweitens wird das nicht flächendeckend durchzuführen sein. Sie müssen ja auch bedenken, dass gerade in Deutschland ein Läusebefall immer noch den Rochus des Asozialen hat. Damit setzt man sich nicht gerne auseinander, auch wenn das wirklich Quatsch ist. Läuse bekommen nicht asoziale Kinder, sondern kommunikative, das hat überhaupt nichts mit der Körperhygiene zu tun.

Sie haben mal gesagt, Läuse seien Gewinner der Globalisierung. Sie werden also nach Ihrer Einschätzung kein weiterer Verlierer der Corona-Krise sein?

Nein. Sie werden ein paar Monate deutlich weniger verbreitet sein, das schon. Aber wenn die Kitas, Kindergärten, Schulen wieder weitgehend geöffnet sind, reicht ein infiziertes Kind, und schon geht es wieder los. Die vermehren sich ja recht schnell.

Heinz Mehlhorn, 75, ist emeritierter Professor für Parasitologie. Zuletzt lehrte er an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Sein Spezialgebiet: die Entwicklung von Medikamenten gegen Parasiten.

(Foto: privat)

Aber nicht exponentiell?

Ein Weibchen legt jeden Tag fünf bis sechs Eier, da schlüpft jeweils eine Larve raus, die nach 15 Tagen ausgewachsen ist. Das ist eine unglaubliche Energieleistung der Weibchen, deswegen müssen sie auch alle paar Stunden Blut saugen. Bildlich gesprochen: Es ist so, als wenn Sie als Frau jeden Tag sechs Kinder auf die Welt bringen, von denen jeweils eines so groß wie Ihr Bein ist.

Puh!

Kopfläuse, das muss man auch mal sagen, übertragen keine gefährlichen Krankheiten, es gibt ganze Kulturen, die mit ihnen leben. In Ländern wie beispielsweise Ägypten, in denen ich viel dazu geforscht habe, hatten viele Kinder 40 oder sogar noch mehr adulte Läuse! Und gleichzeitig hatten die auch wenig Symptome, wenig Jucken, faktisch nie geschwollene Lymphknoten.

Wenn Corona es nicht schafft: Was wäre dann eine Möglichkeit, dass Läuse von Menschenköpfen für immer verschwinden?

Es gibt keine. Die Laus ist nicht das beliebteste, aber eines der häufigsten "Haustiere" des Menschen, und sie wird erst verschwinden, wenn wir auch verschwinden.

Gut, dann die allgegenwärtige Frage aus Elternsicht an Sie als Experten: Was ist die wirksamste Methode, sie wenigstens temporär zu beseitigen? Es gibt unüberschaubar viele Mittel.

Da bin ich ein wenig befangen, ich habe selbst ein Läuseshampoo entwickelt, das enthält unter anderem Extrakte aus Neemsamen und wirkt erstickend. Das ist aus meiner Sicht sehr wirksam. Bei den Läusemitteln muss man wirklich sehr vorsichtig sein, da gibt es viele, die richtig giftig sind. Mittel mit Silikonen zum Beispiel sind bei falscher Anwendung nicht gut für die Lunge. Und eine Reihe ist zusätzlich leicht entflammbar.

Leicht entflammbar?

Ja. Ich kenne die Geschichte einer holländischen Mutter, die sich das Gesicht deswegen vollkommen verbrannt hat. Sie hat ein Silikonprodukt in ihre Haare einmassiert und ist dann an einem Gas-Boiler vorbeigegangen, bei dem aus einer Öffnung gerade eine Flamme herausflackerte. Ihre Haare haben Feuer gefangen, und als sie in der Dusche versuchte, die Haare mit Wasser abzulöschen, ist ihre Gesichtshaut verbrannt. Vielleicht muss ich das noch einmal deutlich sagen: Kopfläuse sind, im Gegensatz zu Kleiderläusen, harmlos. Aber die Mittel zu ihrer Bekämpfung sind es nicht unbedingt.

© SZ/nas
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