Clan-Kriminalität in Nordrhein-Westfalen Raub, Brandstiftung, Erpressung

"Clan-Kriminalität ist keine Kleinkriminalität," sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) am Mittwoch. Die Clan-Mitglieder glaubten offenbar, sie müssten nichts und niemanden fürchten. Das müsse sich ändern. Im Bild eine Razzia in Bochum.

(Foto: dpa)
  • NRW-Innenminister Herbert Reul in Düsseldorf das dramatische und bundesweit bislang einzigartige "Lagebild Clankriminalität" präsentiert.
  • Demzufolge sind insgesamt 104 Großfamilien vor allem aus dem Ruhrgebiet in Nordrhein-Westfalen jedes Jahr für mehr als 4500 Straftaten verantwortlich.
  • Darunter sind vor allem "Roheitsdelikte" wie schwere Gewalt, Raub, Brandstiftung, versuchter Totschlag und sogar zwei Tötungen.
Von Christian Wernicke, Düsseldorf / Essen

Insgesamt 104 Großfamilien vor allem aus dem Ruhrgebiet sind in Nordrhein-Westfalen jedes Jahr für mehr als 4500 Straftaten verantwortlich - und davon wird wiederum jede fünfte Straftat von Angehörigen nur zweier mächtiger Clans ausgeführt. Ein Drittel aller 14225 Clan-Straftaten - darunter vor allem "Roheitsdelikte" wie schwere Gewalt, Raub, Brandstiftung, versuchter Totschlag und sogar zwei Tötungen - wurden in den vergangenen drei Jahren von einer Art Kerntruppe aggressiver "Mehrfachtäter" begangen, also von Personen, die jährlich mindestens fünfmal als Tatverdächtige erfasst werden. Sie sind zumeist kurdisch-libanesischer oder arabischer Herkunft.

Dieses dramatische - und bundesweit bislang einzigartige - "Lagebild Clankriminalität" hat am Mittwoch NRW-Innenminister Herbert Reul in Düsseldorf gezeichnet. Die 42 000 Polizisten in NRW würden gezielt und massiv gegen diese wachsende Form organisierter Kriminalität vorgehen, sagte der CDU-Politiker: "Clan-Kriminalität ist keine Kleinkriminalität." Die meist in den 80er-Jahren zugewanderten Großfamilien betrieben ihre illegalen Geschäfte vor allem mit Rauschgifthandel, aber auch mit Shisha-Bars, Wettbüros und Spielhallen oder im Autohandel und mit Schlüsseldiensten.

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Thomas Jungbluth, Abteilungsleiter für organisierte Kriminalität im nordrhein-westfälischen LKA, beschrieb am Mittwoch "zwei Grundprinzipien" im Denken und Handeln der Clans: "Die Ehre der Familie geht über alles" und "Es gilt das Recht des Stärkeren". Ersteres führe zu einer starken Geschlossenheit der kriminellen Verbände und erschwere die Polizeiarbeit etwa durch verdeckte Ermittler. Die zweite Regel erkläre, warum die Clans auch vor brutaler Gewalt nicht zurückschreckten. Grundnormen der deutschen Rechtsordnung würden "als Schwäche ausgelegt" und oft schlicht missachtet.

Reul warnte am Mittwoch davor, pauschal alle Menschen, die den Nachnamen eines Clans tragen, als Kriminelle zu brandmarken: "Viele von ihnen leben ohne Fehl und Tadel." Anonymisiert schildert das "Lagebild" jedoch, wie allein zwei Clans - O. und E. abgekürzt - das Milieu dominierten: Zusammen stellten sie von Januar 2016 bis Dezember 2018 1211 von insgesamt 6449 Tatverdächtigen und etwa jeden fünften Mehrfachtäter. Wohn- und Tatorte der Clans liegen vorrangig im verarmten Norden des Ruhrgebiets, also im Essener Norden sowie in Gelsenkirchen, Duisburg sowie im Kreis Recklinghausen.

Als Zeichen einer neuen "Machtdemonstration" der Clans deutete Minister Reul die Tatsache, dass Clanmitglieder kürzlich sogar mit vollem Namen den Berliner Publizisten und Clan-Experten Ralph Ghadban mit Schmähungen und Hassbotschaften in sozialen Medien bedrohten. Der Autor des 2018 veröffentlichten Buches "Arabische Clans - Die unterschätzte Gefahr" hatte sich Ende April in einem libanesischen Fernsehsender auf Arabisch geäußert - und sieht sich seither Todesdrohungen ausgesetzt: "Wir finden dich, egal wo du bist", heißt es in einem Video, "und wir werden auf deinen Kopf treten!" Ghadban steht seither unter Polizeischutz.

Für Aufsehen sorgte die Affäre vor allem in der Stadt Essen, laut "Lagebild" die erste Clan-Hochburg in NRW. Dort leben 12 000 bis 15 000 Angehörige libanesisch-kurdischstämmiger Großfamilien, die sogenannten "Mhallamiye-Kurden." Ins Fadenkreuz der Kritik geriet die Vereinigung "Familien-Union", in der sich seit 2008 zwei Dutzend Großfamilien organisiert haben und Ansprechpartner für Behörden sein wollten. Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) prangerte öffentlich an, der Verein habe die Drohungen gegen Ghadban "nicht nur geduldet, sondern offensichtlich befördert." Kufen hatte bereits Ende vorigen Jahres jegliche Zusammenarbeit mit dem Verein gestoppt. Auch die Arbeiterwohlfahrt, die lange eine Kooperation mit der Familienunion zum Zweck einer besseren Integration jugendlicher Mitglieder von Großfamilien versucht hatte, ging "wegen Unvereinbarkeit der Ziele" inzwischen auf Distanz.

Der Verein reagierte auf Kufens Kritik zwar mit einem Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung: "Deutschland ist unsere Heimat und nicht unsere Beutegesellschaft" (ein Begriff, mit dem Ghadban das Denken vieler Clanmitglieder beschreibt). Eine klare Verurteilung der Gewaltdrohungen findet sich in dem offenen Brief jedoch nicht. Vielmehr heißt es dort, Ghadbans Aussagen seien "reine Provokation" - und dies habe eben "bei vielen libanesisch-stämmigen Personen emotionale und aufbrausende Reaktionen in den sozialen Medien" ausgelöst.

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