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Sammeln als Hobby:"Die ungestempelten Exemplare sind teuer"

Internationale Briefmarkenbörse in München, 2011

Normale Sondermarken wie für Olympia 1972 in München sind heute in der Regel kaum etwas wert.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Briefmarkensammeln war mal Nationalsport. Der Präsident des Bundesverbands erklärt, wie man den Wert einer alten Marke erkennt. Und ob das Hobby eine Zukunft hat.

An diesem Donnerstag beginnt in Sindelfingen die Internationale Briefmarken-Börse, sie ist eine der wichtigsten Treffpunkte für Philatelie-Freunde in Deutschland. Die Veranstalter bieten an, die privaten Sammlungen von Besuchern durch Fachleute schätzen zu lassen. Wolfgang Lang, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Briefmarkenhandels, erklärt, auf was man achten soll, wenn man alte Alben findet. Und warum die gute, alte Briefmarke längst nicht am Ende ist.

SZ: Herr Lang, liegen in den deutschen Speichern und Kellern geheime Schätze herum?

Wolfgang Lang: Selten. Häufig hat zum Beispiel der Opa alle zwischen 1960 und 1969 in West-Deutschland und West-Berlin ausgegebenen Briefmarken gekauft, das waren 460 Stück, und dafür am Postschalter umgerechnet gut 80 Euro bezahlt. Mehr ist das heute auch nicht wert, wenn überhaupt. Denn das haben damals sehr viele Leute gemacht. Und wenn alle das Gleiche kaufen, ist der Wiederverkaufswert klein.

Wann besteht der Verdacht, Opas Briefmarken könnten wertvoller als 80 Euro sein?

Meistens dann, wenn einzelne Stücke beim Erwerb schon teuer waren. Wer eine Sammlung findet, sollte zum Beispiel prüfen, ob Rechnungen beigelegt sind oder die Marken ersteigert wurden. Wenn jemand bei einer Versteigerung 1960 ein Einzelstück für 200 Mark gekauft hat, dann bringt dies heute einen vierstelligen Betrag ein. Wenn jemand aber lediglich gestempelte und abgelöste Briefmarken in einem Buch zusammensteckte, dann können Sie das vergessen.

Was macht eine Briefmarke wertvoll?

Die Auflagenhöhe ist ein Totschlagargument. Die Post druckte in den siebziger Jahren normale Sondermarken bis zu 30 Millionen Mal - das war mehr als der heutige Markt verträgt. Eine Marke muss einen gewissen Seltenheitswert haben, damit sie Geld bringt. Oder eine begehrte Eigenschaft. Zum Beispiel der sogenannte "Schwarze Einser", die erste Briefmarke Deutschlands aus dem Jahr 1849. Sie hatte zwar eine Massenauflage, trotzdem kostet ein gut erhaltenes Stück heute 800 bis 1000 Euro. Anderes Beispiel: In der Inflationszeit der 1920er Jahre ging es mit der Geldentwertung so schnell voran, dass manche Marken kaum mehr in den Verkehr kamen, weil sie schon wieder zu geringen Geldwert besaßen für einen Brief. Wenn die heute mit einem damaligen Stempel darauf auftauchen, können sie sehr selten und teuer sein. Oder die frühen Briefmarken in Westdeutschland nach der Währungsreform 1948, die konnte sich damals kaum jemand leisten. Ungestempelte Exemplare aus dieser Zeit sind deshalb teuer, schlichtweg weil es wenig gibt.

Ist die berühmte "Blaue Mauritius" die teuerste Marke der Welt?

Es gibt Marken, die seltener und wertvoller sind. Aber die ganz seltenen Stücke werden nie angeboten, weil sie in Museen oder Privatsammlungen liegen. Deshalb gibt es für die gar keinen Preis. Von der Blauen und Roten Mauritius existieren immerhin so viele, dass sie am Markt hin und wieder auftauchen. Die Marken sind nicht hübsch, der Drucker auf Mauritius hat sie 1847 mit seinen bescheidenen Mitteln hergestellt. Aber hinter den Marken verbirgt sich eben eine nette Geschichte rund um die Frau des britischen Gouverneurs, die sie für Einladungen zu einem Kostümball brauchte.

Wolfgang Lang, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Briefmarkenhandels

(Foto: privat)

Wer sich auf der Internetseite Ihres Bundesverbands umschaut, der kommt zu dem Schluss, dass Briefmarkensammler heute vor allem ältere Herren sind.

Das Markensammeln ist eine Sache für die zweite Lebenshälfte und es ist sehr überwiegend männlich besetzt. Vielleicht acht bis zehn Prozent sind Sammlerinnen. Die Männer haben vermutlich einen größeren Jagdtrieb. Die wollen Trophäen nach Hause bringen, das ist die archaische Seite des Sammelns.

Sind Briefmarkensammler eine aussterbende Spezies?

Das Freizeitverhalten hat sich verändert. Die jungen Leute wissen heute auch nicht mehr, was ein Fernsehprogramm ist, weil sie lieber streamen. Briefmarken wecken nicht mehr so viel Neugierde, weil man eh alles googeln kann. Für mich als Kind in den sechziger Jahren waren die Marken das Tor zur großen, weiten Welt. Wenn Post kam, hab ich geguckt: Ui, wo kommt die denn her? Aus Australien, da war ein Känguru drauf. Durch Marken aus Bulgarien oder Rumänien wusste ich, wie dort die Währungen heißen. Über eine Postkarte habe ich erfahren, dass es den Staat San Marino gibt. Das war für mich der Einstieg in Geografie und Kultur.

Gibt es eine Zukunft für die Briefmarke und ihre Sammler?

Seit Jahren rückt der Brief als Ganzes in den Fokus. Wer hat ihn geschrieben und wann? Welche Wege hat der Brief hinter sich, hat er eine zeit- oder kunstgeschichtliche Relevanz? Da wird die Philatelie eingebunden in historische und kulturelle Zusammenhänge. Der Opa, der mit der Lupe am Tisch sitzt und nachzählt, ob die Briefmarke noch alle Zähnchen hat - diese Generation stirbt nun aus. Wer heute einen Brief in die Hand kriegt, der hundert Jahre alt ist, der reißt nicht mehr die Briefmarke runter, klebt sie ins Album und wirft den Rest weg. Da war der Briefmarkensammler schon gnadenlos.

© SZ/sks
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