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Brasilien:Spiel mit dem Feuer

Opfer des desolaten Brandschutzes: Helfer bringen einen Patienten aus dem brennenden Badim Krankenhaus in Rio de Janeiro in Sicherheit.

(Foto: Leo Correa/AP)

Erst brannte das Nationalmuseum, dann ein Trainingszentrum, dann starben 14 Menschen beim Feuer in einem Krankenhaus: Rio diskutiert über den zu laxen Brandschutz in öffentlichen Gebäuden.

Mehr als eine Woche nach der Tragödie hat sich der Rauch verzogen und keine Bettlaken baumeln mehr aus den Fenstern des Badim Krankenhauses in Rio de Janeiro. Patienten und Besucher in den oberen Stockwerken hatten sie in ihrer Verzweiflung zusammengeknüpft und dann als Seil benutzt. So wollten sie dem Feuer entkommen, das vor einigen Tagen im Untergeschoss des Gebäudes ausgebrochen war. Dichte Rauschwaden durchzogen die Gänge des Krankenhauses, Augenzeugen berichten von chaotischen Szenen, Panik sei ausgebrochen, Schwestern und Pfleger hätten versucht, die mehr als hundert Patienten in Sicherheit zu bringen, am Ende aber gab es dennoch 14 Tote.

Die Menschen in Rio fragen sich seitdem, was die Ursache für das Feuer war - und woran die Opfer starben. Man habe seine Mutter umgebracht, sagte ein Angehöriger der Zeitung O Globo: "War sie 88 Jahre alt? Ja. Wäre sie bald gestorben? Ja. Aber doch nicht so." Denn auch wenn die primäre Todesursache der Rauch und in einigen Fällen auch der fehlende Strom für den Betrieb medizinischer Gerätschaften war, so glauben dennoch die meisten Cariocas, dass der eigentliche Grund für die Katastrophe in der strukturellen Vernachlässigung von Infrastruktur und Brandschutzvorschriften liegt. Es wäre schließlich nicht das erste Mal.

Erst im Januar waren zehn Jugendliche gestorben, als im Schlafraum eines Trainingszentrums des populären Fußballklubs Flamengo ein Feuer ausbrach. Später wurde bekannt, dass das Gebäude vermutlich ohne Baugenehmigung errichtet worden war, auf einem Gelände, das eigentlich als Parkplatz geplant war. Es gab keine Brandschutzvorrichtungen, keine Rauchmelder oder Feuerlöscher. Ähnlich war es auch im September vergangenen Jahres, als das brasilianische Nationalmuseum in Rio bis auf seine Grundmauern niederbrannte. Die Feuerwehr rückte zwar umgehend an, die Hydranten aber führten kein Wasser, es musste erst mit Tankwagen geholt werden. Da war es aber schon zu spät, die Flammen hatten sich längst durch die Stockwerke des 200 Jahre alten Gebäudes gefressen. Der Brand vernichtete Tausende einzigartige Exponate aus 11 000 Jahren Menschheitsgeschichte, darunter Tonaufnahmen nicht mehr existenter indigener Gemeinschaften, Präparate seltenster Tierarten und unermesslich wertvolle historische Sammlungen.

Für viele Brasilianer war die Zerstörung dieses Kulturerbes ein Schock, auch, weil er das sichtbarste Symptom des Verfalls war, der seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten in weiten Teilen des öffentlichen Sektors in Brasilien herrscht. So mangelte es dem Museum seit Langem an Mitteln, Ressourcen waren gekürzt worden, Gelder für die Wartung oder den Feuerschutz wurden schlicht nie überwiesen, teilweise mussten die Ausstellungen sogar geschlossen werden, wegen Termitenbefall oder auch einfach, weil man Sicherheitspersonal und Reinigungskräfte nicht mehr bezahlen konnte.

Im größten Hospital gibt es weder Rauchmelder noch Sprinkleranlagen

Ähnlich ist die Situation im ganzen Bildungs- und Gesundheitssektor, Schulen und Universitäten vergammeln, in Krankenhäusern fehlt es oft an Medikamenten genauso wie auch an Maßnahmen für die Brandbekämpfung. Gerade erst wurde bekannt, dass im Hospital Federal de Bonsucesso, dem größten Krankenhaus von Rio de Janeiro, keine Rauchmelder installiert sind und dass es keine Sprinkleranlagen gibt. Ein von der Regierung in Auftrag gegebener Expertenbericht meldet kaputte Löschschläuche, abgestellte Hydranten und defekte Generatoren. Sie könnten explodieren, zumindest aber einen Kurzschluss verursachen.

Genau so, glaubt die Polizei, ist es am Ende wohl auch zu dem jüngsten Krankenhaus-Brand gekommen. Das Hospital hat zwar einen privaten Betreiber und dazu auch noch Sicherheitszertifikate der Feuerwehr, die ausreichenden Brandschutz belegen sollen. Als ein Generator im Keller Feuer fing, konnte sich der Rauch dennoch im ganzen Gebäude ausbreiten.

Rios Bürgermeister Marcelo Crivella sprach bei einem Besuch am Ort der Tragödie zunächst davon, dass Sabotage das Feuer ausgelöst haben könnte. Die darauf folgende öffentliche Empörung aber ließ ihn und seine Regierung offenbar einsehen, dass der Brand vor allem strukturelle Ursachen hatte. Nun sollen die Gesundheitseinrichtungen in Rio auf ihre Sicherheit untersucht werden, man will mehr Feuerlöscher installieren und Rauchmelder anbringen.

Derweil werden die Patienten des Badim Krankenhauses nach Hause geschickt. Sie waren nach dem Brand in benachbarte Einrichtungen gebracht worden, darunter in das nahe Hospital Gaffrée e Guinle. Nach dem Feueralarm hatten die Zuständigen dort sofort Opfer aufgenommen. Neben der Not und kollegialer Hilfe hatten die Verantwortlichen dabei eventuell noch andere Beweggründe: Erst ein paar Wochen zuvor war das Gaffrée e Guinle Krankenhaus selbst abgemahnt worden. Eine Untersuchung hatte festgestellt, dass auch hier selbst einfachste Vorsichtsmaßnahmen zur Brandbekämpfung nicht vorhanden waren.