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Brasilien:Regenfälle in historischem Ausmaß

Eine Frau aus Minas Gerais in ihrem überschwemmten Restaurant.

(Foto: AFP)
  • Nach schweren Regenfällen sind im Südosten Brasiliens mehr als 40 Menschen bei Überschwemmungen ums Leben gekommen.
  • In einigen Regionen wurde der Notstand ausgerufen.
  • Ein Jahr nach einem verheerenden Dammbruch droht erneut ein solches Bauwerk zu kollabieren.

Das ganze Ausmaß der Katastrophe wurde erst am Sonntag deutlich. Die sturzbachartigen Regenfälle, die den Süden Brasiliens und vor allem den Bundesstaat Minas Gerais seit Tagen heimgesucht hatten, ließen kurzzeitig nach. Rettungskräfte konnten so auch in Viertel und Gebiete vordringen, die vorher durch Wasser- und Schlammmassen unzugänglich geworden waren. Sie stießen auf eingestürzte Wohnungen, von Tonnen roter Erde verschüttete Häuser, umgerissene Strommasten, zerstörte Straßen und Brücken.

In manchen Fällen konnten die Helfer nur noch Leichen bergen. Mindestens 45 Menschen starben laut Behördenangaben bislang durch die Unwetter in Minas Gerais, dazu gibt es neun weitere Todesopfer in den benachbarten Bundesstaaten Espírito Santo und Rio de Janeiro. Mehr als ein Dutzend Menschen werden noch vermisst und Zehntausende mussten ihre Häuser und Wohnungen verlassen.

Starke Regenfälle sind im Süden Brasiliens im Januar nicht ungewöhnlich. Allerdings hat der Niederschlag der vergangenen Tage historische Ausmaße angenommen: In der Hauptstadt von Minas Gerais, Belo Horizonte, fiel allein am Freitag so viel Wasser vom Himmel wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen - und diese reichen immerhin 110 Jahre zurück. Fast 172 Liter pro Quadratmeter wurden in nur 24 Stunden gemessen, das entspricht etwa der Hälfte des Regens, der sonst im ganzen Monat niedergeht. Bäche verwandelten sich in reißende Flüsse, Straßen und Häuser versanken. Die Erde ist vielerorts von den Wassermassen so aufgeweicht, dass ganze Hänge abbrechen.

Ursächlich für die heftigen Niederschläge ist unter anderem eine Kaltfront an der Atlantikküste. Sie verstärkt den im Januar üblichen Regen. Für die hohe Zahl der Opfer und die katastrophale Lage in manchen Gebieten des Bundesstaats gibt es laut der Lokalregierung von Minas Gerais aber noch eine weitere Ursache: Viele Menschen hätten in den vergangenen Jahren aus Geldmangel ihre Häuser in Risikozonen gebaut, sagte Gouverneur Romeu Zema. Einige Familien würden sogar auf regelrechten Klippen leben, berichtete der Politiker nach einem Rundflug über das Katastrophengebiet. Er versprach Hilfe und forderte bessere Wohnungsbauprogramme, räumte aber auch ein, dass dies Jahrzehnte in Anspruch nehmen könnte.

Drei Tage öffentliche Trauer

Für weiteren Unmut sorgt in Brasilien die Tatsache, dass die Starkregenfälle zusammenfallen mit dem ersten Jahrestag des Dammbruchs von Brumadihno. Mehrere Millionen Kubikmeter giftigen Schlammes aus einem Rückhaltebecken mit Bergbauabwässern ergossen sich damals über das Gelände einer Eisenerzmine und begruben danach Teile einer nahe gelegenen Kleinstadt. 270 Menschen kamen ums Leben, bis heute konnten nicht alle Opfer geborgen werden und auch die Ursache der Katastrophe ist immer noch nicht vollständig geklärt.

Erst am Dienstag vergangener Woche hatte die Staatsanwaltschaft von Minas Gerais wegen vielfachen Mordes Anklage erhoben. Sie richtet sich gegen die brasilianische Tochtergesellschaft des deutschen Prüfunternehmens TÜV Süd, dessen Mitarbeiter die Stabilität des Damms geprüft hatten, sowie gegen Vale, den Betreiber der Mine. Die brasilianische Firma gehört zu den größten Bergbauunternehmen weltweit. Am Wochenende musste Vale nun bekannt geben, dass durch die starken Regenfälle in Südbrasilien zumindest ein weiterer Damm einer Mine einsturzgefährdet sei. Man habe die Alarmstufe am Bergwerk nahe Barão de Cocais erhöht, so Vale. Der dortige Damm sei noch stabil, stehe aber unter erhöhtem Risiko, weil flussaufwärts ein weiterer Damm schon seit einem Jahr unter Kollapsgefahr stehe.

Aufgrund der heftigen Niederschläge wurde mittlerweile in mehr als 100 Städten und Gemeinden von Minas Gerais der Notstand ausgerufen. Dazu wurden noch drei Tage öffentliche Trauer verhängt. Nachdem am Sonntag und Montag der Regen kurzfristig nachgelassen hatte, haben Meteorologen für diesen Dienstag und den Rest der Woche abermals starke Regenfälle vorhergesagt.

© SZ vom 28.01.2020/jael/cat
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