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China: Bloggen gegen Kindesentführungen:"Schieß ein Foto und rette ein Kind"

Mit sozialen Medien auf Verbrecherjagd: Millionen Chinesen stellen Fotos bettelnder Kinder aus dem ganzen Land ins Netz. Blog-Betreiber wie Professor Yu aus Peking helfen betroffenen Familien bei der Suche nach ihren entführten Kindern.

"Schieß ein Foto und rette ein bettelndes Kind!" heißt die Aktion. Mehrere hunderttausend Menschen folgen täglich dem Internetaufruf einiger Aktivisten, die bislang mehr als 2000 Fotos von bettelnden Kindern veröffentlicht haben. Sie hoffen, die Kleinen so aus den Händen krimineller Banden retten zu können.

China Kindesentführung

Eines von Hunderttausenden Entführungsopfern in China: Ein Vater zeigt das Foto seines Sohnes Sun Zhuo, der 2007 entführt wurde.

(Foto: Archivbild: AFP)

In China werden jedes Jahr Tausende kleine Kinder zum Betteln gezwungen. Manche sind zuvor entführt worden, ein "netter Onkel" hat sie mit einem Spielzeugauto weggelockt, oder man hat sie einfach auf den Rücksitz eines Autos gezerrt. Oft brechen die Banden den Kindern die Beine oder verstümmeln sie auf andere Weise, um dann mit ihnen vor Bahnhöfen oder anderen stark frequentierten Orten das Mitleid der Passanten zu erregen. Manche Kinder werden auch von ihren verarmten Eltern verkauft.

"Die Polizei sollte hingehen und diese Kinder retten", sagt Yu Jianrong, Professor der Pekinger Akademie der Sozialwissenschaften, der die Blogs zur Rettung der Entführungsopfer gegründet hat. Twitter ist in China aus politischen Gründen von der Zensur blockiert, doch ähnliche Dienste wie t.sina.com.cn und t.qq.com haben bereits mehr als 75 Millionen Anhänger. Professor Yu hatte die Idee zu der Aktion, als er die E-Mail einer verzweifelten Mutter bekam. Hong Peiping hatte auf einem Foto im Internet ihren entführten Sohn Weixin wiedererkannt. Der Fünfjährige war im vergangenen Juli entführt worden, als die Großmutter in Quanzhou vor dem Haus der Familie auf ihn aufpasste.

Für die Eltern folgte das tränenreiche wie aussichtslose Spießrutenlaufen zu Polizei und Behörden. Hong Weiping kniet täglich vor dem Spielzeug und einem Stapel frischer Wäsche ihres Sohnes und betet für seine Rückkehr. Doch nur etwa ein Prozent der entführten Kinder wird überhaupt wiedergefunden. Schätzungen des Hongkonger Fernsehsenders Phoenix TV zufolge verschwinden in China jährlich bis zu 200000 Kinder. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Außer zum Betteln werden viele entführte Kinder an Familien verkauft, die kinderlos geblieben sind. Es ist ein in der Volksrepublik sehr florierender Handel. Ab und zu starten die Behörden eine Großaktion und befreien eigenen Angaben zufolge mehrere tausend Entführte, doch das kommt selten vor.

"Baby, komm nach Hause!"

Am 29. Januar dieses Jahres dann sah Hong Peiping plötzlich ein Foto im Internet - sie behauptet, es sei ganz sicher ein Foto ihres Sohnes Weixin. "Ich habe ihn sofort wiedererkannt", sagt die Mutter. Ein Amateurfotograf hatte eine Gruppe von drei Kindern geknipst, die offensichtlich eine Behinderung hatten und in der Stadt Xiamen auf der Straße bettelten. Das Foto war auf der Webseite "Baby, komm nach Hause!" erschienen, die sich entführten Kindern widmet.

Die Mutter reiste sofort nach Xiamen. Sie bemerkte, dass eine kriminelle Bande jeden Tag gegen vier oder fünf Uhr nachmittags mit den Kindern vor dem Hauptbahnhof der Stadt erschien, um sie dort betteln zu lassen. Zehn Tage und zehn Nächte suchte sie mit Hilfe ihrer ganzen Familie die Umgebung des Bahnhofs ab. Das Kind aber konnte bis heute nicht gefunden werden. "Das ist völlig gewissenlos!" schrieb der Soziologieprofessor Yu in seinem eigenen Mikroblog, als er das Foto des verstümmelten Weixin und der anderen zwei Kinder sah. Mit Hilfe einiger Freiwilliger begann er, die mehr als 450000 Anhänger seines Blogs zum Handeln zu bewegen. So wurde die Aktion "Schieß ein Foto und rette ein bettelndes Kind" geboren, Tausende Fotos gingen in den vergangenen drei Wochen ein.

Macht der sozialen Medien

Das enorme Interesse, auf das die Aktion gestoßen ist, zeigt auch, welche Macht die neuen sozialen Netzwerke in China inzwischen haben. Während die staatlichen Medien und selbst Internet-Blogs stark von der Regierung zensiert werden, haben die Mikroblogs vor allem dank ihrer Nutzung auf Handys eine Schnelligkeit und eine kritische Masse erreicht, die selbst im riesigen China in kürzester Zeit landesweite Aktionen wie diese ermöglichen. "Endlich haben wir einfachen Leute ein Sprachrohr gefunden", sagt der Journalist Deng Fei von der Zeitschrift Phoenix Weekly in Peking. Er hat selbst vor wenigen Tagen einem Vater geholfen, seinen entführten Sohn wiederzufinden, ebenfalls mit Hilfe eines Mikroblogs.

Der Einsatz von Professor Yu für die bettelnden Kinder hat jedoch nicht nur Beifall, sondern auch besorgte Kommentare ausgelöst. Einige Reporter wollen beobachtet haben, dass manche Banden mit verstümmelten Kindern nun plötzlich von der Straße verschwunden sind. Nun fürchten viele Chinesen um das Leben der Kleinen. Viele verarmte Familien schicken in China ihre Kinder selbst auf die Straße oder vermieten sie an Bettlerbanden, um Geld zum Überleben zu bekommen.

Seit dem 25. Januar läuft die Aktion. Bislang haben sich vier Elternpaare gemeldet, die auf den Bettlerfotos von Professor Yu ihre verlorenen Kinder entdeckt haben wollen. Gefunden werden konnte bislang noch keines der Kinder.

© SZ vom 21.02.2011/kat

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