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SZ-Serie "Ein Anruf bei":"Kaugummiautomaten sind ein Kulturgut"

Pressebilder: Kaugummi-Automaten-Restaurateur Sebastian Everding.

Sebastian Everding verkauft statt Kaugummis ziemlich erfolgreich Bienenfutter.

(Foto: PR)

Blumenzwiebeln statt Zuckerbällchen: Wie der Dortmunder Tüftler Sebastian Everding Bienen und Münzgeräte gleichermaßen retten will.

Von Martin Zips

Der Dortmunder Informationstechniker Sebastian Everding, 38, befüllt in seinem Heizungskeller alte Kaugummiautomaten mit Bienenfutter. Das bundesweite Interesse ist groß, mittlerweile wurde der 108. Bienenfutter-Automat aufgehängt.

SZ: Herr Everding, geht es Ihnen primär um die Rettung des Kaugummiautomaten oder um die Rettung der Wildbiene?

Sebastian Everding: Meine Lebensgefährtin hat mich darauf gebracht, beides zu verbinden.

Ach was.

Ich interessiere mich schon seit längerer Zeit für alte Kaugummiautomaten. Betrieben werden sie meist von alten Männern jenseits der 65. Manche dieser meist recht ungepflegten Automaten setzen nicht mehr als zehn, 20 Euro pro Jahr um. Da braucht man schon ein paar Tausend, dass man überhaupt noch was verdient. Als ich einmal von einem Tüftler in Nürnberg las, der ausrangierte Automaten restauriert und mit Witzen befüllt, habe ich sofort zu ihm Kontakt aufgenommen.

Auch Ihr erster, 2019 in Dortmund aufgestellter Automat, beinhaltete Plastikkapseln mit Witzen to go?

Richtig. Und als ich ständig Interviews dazu gab, drohte mir meine Lebensgefährtin: "Wenn du schon alte Automaten füllst, dann doch bitte mit etwas Sinnvollem! Saatgut gegen das Insektensterben zum Beispiel." So kam ich auf die Idee, Wildbienen-Lobbyist zu werden. Ich betone: Wildbienen-Lobbyist, denn um die Honigbiene muss man sich keine großen Sorgen machen.

Hat sich die Beziehung zu Ihrer Lebensgefährtin seitdem als stabil erwiesen?

Und ob! Wir arbeiten mit dem Frankfurter Projekt "Bienenretter" zusammen. Die Kapseln lassen wir in einer integrativen Werkstatt mit Blumenzwiebeln beziehungsweise ein- oder mehrjährigen Saatgutmischungen füllen - als kleine Antwort auf Flächenversiegelung, Monokulturen und Pestizide. Eine Kapsel gibt es für 50 Cent, überschüssiges Geld bekommt das Bienenretter-Projekt.

Wer bestellt die Automaten?

Die ersten Besteller waren ein Heimatverein, eine Schule, eine Privatperson und eine Arzneimittelfirma. Mittlerweile rufen vor allem Bürgermeister bei mir an. Aber auch Bestattungsunternehmen. Auf meiner Warteliste stehen 64 Automaten, die Bestellerliste ist bunt.

Erhalten Sie vereinzelt auch Protestnoten von Allergikern?

Zehn Prozent der Menschen üben immer Kritik. Zum Beispiel wird kritisiert, dass in den Automaten kein Kaugummi mehr ist. Und klar, wir werden mit der Aktion nicht das Insektensterben komplett stoppen. Aber es könnte ein weiterer Baustein zum gesellschaftlichen Umdenken sein.

Wie kommen Sie an die Automaten?

Zum Teil über das Internet, zum Teil über die Betreiber. Einige Automaten stammen noch aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Manchmal werden sie einfach von Hausbesitzern abgehängt, zum Beispiel nach einer Gebäudesanierung. Ebenso wie die Telefonzelle halte ich den Kaugummiautomaten für ein schützenswertes Kulturgut.

Haben Sie als Kind die Dinger auch immer heimlich geplündert?

Nein. Ich war ein braves Kind und habe für eine Handvoll Erdnüsse im Foyer des Hallenbades selbstverständlich auch bezahlt. Was mich als Techniker fasziniert, das ist das mechanische Innenleben. So ein Automat, das ist ja auch Theater - und ich bin über einige Ecken mit dem Münchner Theatermann August Everding verwandt.

© SZ/lot/odg
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