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Berlin:Barfuß, ohne Geld und Papiere

Tim W. verschwindet Ende September von einem Moment auf den anderen am Berliner Hauptbahnhof. Familie, Freunde und Fahnder stehen vor einem Rätsel.

Von Verena Mayer, Berlin

Ein Hochzeitspaar. Die beiden sind von hinten zu sehen, wie sie sich an einer Waldlichtung an den Händen halten, ihre Gesichter sind nicht erkennbar, trotzdem ist es ein Bild großer Innigkeit. Die Frau, die auf dem Foto abgebildet ist, hat es auf Instagram gepostet, um zu verdeutlichen, was ihr Ehemann für ein Mensch ist: zugewandt, zuverlässig und vor allem niemand, der seine Frau und seine beiden kleinen Kinder ohne ein Lebenszeichen verlassen würde.

Vor fast einem Monat verschwand der 39-jährige Tim W. am Berliner Hauptbahnhof. Der Fall bewegt nicht nur Berlin, er hat inzwischen auch bundesweit Aufmerksamkeit erhalten. Prominente wie der Schauspieler Daniel Brühl oder die Band Die Toten Hosen haben Aufrufe geteilt, mit denen Familie und Freunde nach dem Vermissten suchen.

Tim W. war am 22. September im Krankenhaus Charité stationär aufgenommen worden, um Kopfschmerzen abklären zu lassen, unter denen er seit einiger Zeit litt. Am nächsten Morgen rief er um kurz vor acht Uhr seine Frau und seinen besten Freund an und bat sie, zu ihm ins Krankenhaus zu kommen. Als die beiden eintrafen, fanden sie ihn nicht, erhielten aber einen erneuten Anruf von Tim W., in dem er sagte, er sei am Hauptbahnhof. Er habe besorgt geklungen, erzählt Christian W., der beste Freund, der ihn seit mehr als 30 Jahren kennt. Sie seien zum Bahnhof gefahren, aber auch dort sei Tim nicht gewesen. Das Handy war mittlerweile abgeschaltet.

Ein Hinweis führt auf einen Golfplatz

Christian W. sagt auch, dass eine Fahrradfahrerin den Vermissten vor dem Bundeskanzleramt habe rennen sehen. Er trug demnach dunkle Jogginghosen und eine Strickjacke und war barfuß. Seither wird nach dem Familienvater gesucht. Die Polizei war mit Spürhunden unterwegs, hat die Aufnahmen von Überwachungskameras gesichtet, Hinweise ausgewertet. Einer führte vier Tage nach Tim W.s Verschwinden in den Norden von Berlin, auf einen Golfplatz. Dort fanden Mantrailer-Hund seine Spur. Was Tim W. dort gewollt haben könnte, ist vollkommen unklar.

11 500 Personen waren im März 2020 in der Vermisstendatei des Bundeskriminalamts gespeichert, jeden Tag werden mehrere Hundert Fahndungen erfasst. Die allermeisten Fälle erledigen sich schnell von selbst, weil die Leute wieder auftauchen oder gar nicht weg waren. Wenn aber jemand verschwunden bleibt, werde es bei der Suche nach Erwachsenen schwierig, sagt Dirk Peglow vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), der auf Vermisstenfälle spezialisiert ist. Denn wer volljährig ist, könne sich aufhalten, wo er wolle. Im Fall von Tim W. spreche aber alles für eine sofortige Fahndung: Er sei im Krankenhaus gewesen, man könne nicht wissen, in welchem gesundheitlichen Zustand er sei. Wichtig sei es immer, so schnell wie möglich zu handeln: "In allen Vermisstenfällen geht es um Stunden, da ist am meisten zu machen."

"Wir suchen Tim!"

Familie und Freunde haben mittlerweile alle Wege abgesucht, die Tim W. gegangen sein könnte, haben an zahlreichen Orten in Berlin Suchanzeigen geklebt und die Website "Wir suchen Tim!" aufgesetzt. Sie alle stünden vor einem Rätsel, sagt Christian W. Tim sei "zu 100 Prozent verlässlich, ein liebender Familienvater und nicht in Extremen zu Hause". Wenige Tage vor Tim W.s Verschwinden kam sein zweites Kind auf die Welt, auf das er sich sehr gefreut habe. Eine Art Doppelleben könne er ausschließen, sagt Christian W., Tim W. hatte bei seinem Verschwinden keine Papiere bei sich, kein Geld und keine Tasche, auf seinem Konto gab es keine Bewegungen.

Christian W. will aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht sagen, was genau an der Charité untersucht wurde. Nur, dass Tim W. keine Diagnose bekam, die relevant für die Suche wäre. Er kann sich am ehesten vorstellen, dass Tim W. unter dem Einfluss von Medikamenten stand, als er aus dem Krankenhaus ging - alles andere sei aber "eine riesige Blackbox".

© SZ/feko
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