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Bedrohter Rabbiner in Offenbach:Es geht nicht darum, ein Idyll vorzuspielen

Und es gibt so viele Fragen. Ein Schüler möchte wissen, warum er die Kipa trägt. Ein Mädchen fragt, ob er als Rabbi eine Art Pfarrer sei. "Ja. Aber der Rabbi ist kein Vermittler zwischen Mensch und Gott, mehr ein Ratgeber", erklärt Gurewitz. Als ein Schüler leise sagt, er habe gehört, dass angeblich die Juden Terroristen seien, schüttelt Gurewitz den Kopf. "Ich bin kein Terrorist. Ich versprech' es dir." Es ist, so eigenartig das auch klingt, ein heiterer Moment der Verständigung.

Der Rabbi trifft jüngere und ältere Schüler. In einem Politik-Kurs der Oberstufe berichten die Mädchen und Jungen von eigenen Erfahrungen. Ein Junge erzählt, auch er sei Jude und sei früher auf einer jüdischen Schule gewesen. "Als wir bei einem Fußballturnier waren, sind wir als Scheiß-Juden beschimpft worden."

Gurewitz lobt den Jungen dafür, dass er sich zum Judentum bekennt. Andere würden sich nicht trauen. Ein Mädchen meldet sich. An ihrem Kopftuch, so beginnt sie, könne jeder erkennen, dass sie Muslimin sei. Auch sie erlebt Belästigungen. "Wenn ich in den Bus steige, höre ich Sachen wie: Tuch runter!" Es gebe aber, sagt das Mädchen, viele positive Gegenbeispiele.

Es geht an diesem Morgen nicht darum, ein Idyll vorzuspielen, eher um die Frage, wie man Rassismus angeht. Die Schüler wollen wissen, wie es für Gurewitz weiterging, und wie man ihm hätte helfen können. Er berichtet, dass er die Burschen, die ihn belästigten, in die Synagoge einlud. Die jungen Muslime wollten sich entschuldigen. "Es war gut", sagt er. "Wir haben uns kennengelernt. Sie hatten keine Ahnung, was Juden sind."

Ja, es sei "ein Schock für sie gewesen zu erfahren, dass Juden und Muslime so viel Ähnlichkeit haben". Nein, er habe jetzt keine Angst mehr in der Stadt. Und die Zivilcourage? Damals standen viele dabei, niemand half. "Wünsche habe ich viele", sagt er, "aber keine Erwartungen. Es soll nicht jeder ein Held sein."

Als er sein Erlebnis bekannt machte, ahnte der Rabbi nicht, wohin das führen würde. Niemand in Offenbach habe ihm Vorwürfe gemacht, sagt er, im Gegenteil. Aus einer schlechten Sache sei Gutes entstanden.