Bedrohte Tiere Kosenamen gegen das Aussterben

Lonesome George zu Lebzeiten im Galápagos National Park in Ecuador.

(Foto: Tui De Ro/dpa)

Eine Schildkröte namens George: Um auf das Artensterben aufmerksam zu machen, geben Wissenschaftler bedrohten Tieren Namen. Der Idee, Tiere zu vermenschlichen, liegt ein psychologischer Trick zugrunde.

Von Martin Zips

George starb am Neujahrstag, im, da sollte man nicht klagen, für Schnecken durchaus gesegneten Alter von 14 Jahren. Für den ein oder anderen Salatbeetbesitzer mag das jetzt keine besondere Nachricht sein. Was tut man nicht alles, um diese ungeliebten Viecher mit Lockmittelfallen, Salz und Bier zu vernichten? Doch George war schon etwas Besonderes. Das letzte überlebende Exemplar der Baumschneckenart Achatinella apexfulva auf der einst so molluskenreichen hawaiianischen Insel Oahu.

George starb im warmen Terrarium, direkt neben seiner Lieblingsspeise - einem Baumpilz, den seine offenbar durch einen unbekannten Erreger ausgerotteten Vorfahren noch von den Blättern abkratzen mussten. Seine menschlichen Betreuer wollten George diese Mühe in seinen letzten Stunden freilich ersparen. Dass sein Schneckentod nun weltweit Beachtung findet, erklärt sich sein Betreuer Michael G. Hadfield von der Universität in Manoa so: "Die Schnecke hatte einen Namen."

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Um Menschen für das Thema Artensterben stärker zu sensibilisieren, könnte es durchaus hilfreich sein, wenn Wissenschaftler bedrohten Tieren Namen geben, wird der Biologe Hadfield in US-Medien zitiert. George war nach "Lonesome George" benannt worden, dem wohl letzten Individuum einer Unterart der Galapagos-Riesenschildkröte. Und Lonesome George starb 2012 im - für Schnecken völlig unerreichbaren - Alter von geschätzten hundert Jahren.

Doch nicht nur um hawaiianische Schneckenbestände und ecuadorianische Riesenschildkröten ist es derzeit schlecht bestellt. Der World Wide Fund For Nature meldet einen Rückgang der Tierpopulationsbestände um fast 60 Prozent - in den vergangenen 40 Jahren. Naturschützer sprechen gar vom "größten globalen Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier". Warum also nicht den letzten Vertretern ihrer Art noch schnell ein paar Namen geben, bevor sie verblichen sind? Spätestens seit Micky Maus dürfte bekannt sein, dass sich der Mensch vor allem für jene Lebewesen interessiert, die in ihm Beschützerinstinkte wachrufen.

Sogar Autos ("K.I.T.T." in "Knight Rider"), Pflanzen ("Audrey II" in "Der kleine Horrorladen") und Bücherregale ("Billy") versieht der Mensch gerne mit Namen. Anderen Gegenständen hingegen, wie beispielsweise seinem Wecker, unterstellt er gelegentlich böswillige Eigenschaften, wie ein Experiment von Forschern der McGill-Universität im kanadischen Montreal mit besonders einsamen Menschen jüngst ergab.

Das Nördliche Breitmaulnashorn Sudan starb im vergangenen Jahr. Er war der letzte bekannte Bulle seiner Art. Seine Enkelin Fatu und seine Tochter Najin leben noch.

(Foto: Tony Karumba/AFP)

Die immer mehr um sich greifende Anthropomorphisierung (noch so eine Namensgeschichte: das Hoch Angela drückt dieser Tage auf das Tief Donald) könne tatsächlich zur Intensivierung der Beziehung des Menschen zu bestimmten Tierarten beitragen, meint der Philosoph Hans Werner Ingensiep von der Universität Duisburg-Essen - aber nur unter bestimmten Voraussetzungen. So hätten etwa die "vermenschlichenden Tierschilderungen" in "Brehms Tierleben" historisch gesehen das Verhältnis zwischen Menschen und Vögeln - und damit letztlich den Vogelschutz - gestärkt. Als höchst kritisch zu bewerten sei aus biowissenschaftlicher Sicht jedoch "jede Art von Übertragung menschlicher Begriffe auf eine Tierpsyche", so Buchautor Ingensiep ("Der kultivierte Affe").

Ergreifender Nachruf auf Nashorn Sudan

Eine Schneckenfalle gewissermaßen, in die jeder Tierfreund tappen kann. In den Fabeln von Aesop und den Märchen der Brüder Grimm ist der Hahn jedenfalls meist nur ein Hahn und der Esel nur ein Esel - so bewahrten der antike Tierdichter und die deutschen Märchensammler bei allem tierischen Anthropomorphismus noch eine gewisse Distanz.

Doch ist diese Distanz in Zeiten von Medienstars wie Bär Bruno, Opossum Heidi, Krake Paul, Eisbär Knut und allen anderen fantastischen Tierwesen (egal wo sie zu finden sind) überhaupt noch zeitgemäß?

Vor wenigen Monaten erst widmete die Zeit dem Nördlichen Breitmaulnashorn "Sudan" ("Er war der letzte Bulle seiner Art") einen ergreifenden Nachruf. Zurück blieben nach seinem Ableben, so stand dort geschrieben, nur noch zwei Kühe: "Seine Tochter Najin und seine Enkelin Fatu". "Sumo" wiederum, der Hund von Frankreichs Ex-Präsident Jacques Chirac, soll nach Ende von dessen Amtszeit vom Veterinär mit Antidepressiva behandelt worden sein, weil er die Schmach, dass nun ein anderer Hund in den Élysée eingezogen war, einfach nicht aushielt.

Sollten wir Lebewesen - gerade angesichts des drohenden Endes der Welt - nicht tatsächlich etwas enger zusammenrücken? Indem wir uns herzige Kosenamen geben? Anthropomorphismus sei doch schließlich nur der Ausdruck unserer einzigartigen Intelligenz, wie Verhaltensforscher Nicholas Epley von der Universität Chicago kürzlich der Webseite Quartz sagte: ein "Nebenprodukt unserer sozialen Erkenntnis". Und der Berliner Philosoph Wolfgang Welsch ("Homo mundanus") meint: "Alles ist gut, was uns sensibilisiert und alarmiert für die eigentlichen Probleme: Denn sind wir nicht gerade dabei, uns unsere Lebensgrundlagen abzugraben?" Er sei allerdings der Meinung: "Artensterben, zumindest das jenseits menschlicher Einwirkung, ist etwas ganz Normales."

Vielleicht sollte man jetzt nicht unbedingt damit anfangen, jeder Landschnecke und jedem Wildtier einen Namen sowie armen französischen Palast-Hunden Glückspillen in den Napf zu geben .

Ein bisschen sensibler für die Probleme der Welt zu werden aber, das wäre schon ganz gut.

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