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Argentiniens Präsidentin in China:Kirchner und die hohe Kunst der Völkerveräppelung

Argentinian President Fernandez de Kirchner on China visit

Cristina Kirchner bei ihrem Besuch in Peking mit dem chinesischen Premier Li Keqiang.

(Foto: dpa)
  • Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner witzelt bei ihrem Besuch in China über die vermeintliche Aussprache der Chinesen.
  • Die Gastgeber reagieren mit Humor - in ihrer Heimat ist die Empörung groß.
  • Kirchner ist nicht die Erste, die sich in China einen derartigen Fauxpas leistet.

Von Kai Strittmatter, Peking

Die Kunst der eleganten Völkerveräppelung ist nur Wenigen gegeben. Monty Python waren einst nah dran mit ihrem Lied "I like Chinese" ("They're cute and they're cuddly and they're ready to please"). In den Versen der Briten schwang genug Selbstironie mit, so dass sich nicht wirklich irgendein Chinese beleidigt fühlen brauchte.

Außerdem machte das Lied dankenswerterweise einen Bogen um all die anderen Klischees, darunter die folgenden: Wenn der gemeine Chinese einen nicht gerade totlächelt, bittet er zum Kung-Fu in den Bambuswald. Tagein, tagaus trinkt er grünen Tee und ernährt sich abwechselnd von Reis aus feinen Porzellanschälchen und dem süßsauer geschmortem Hündchen der Nachbarsfrau. Beim Essen kommen ihm die besten Ideen, wie er das "iPhone 7" schon sechs Monate vor Apple auf den Markt bringt. Dabei hat der Chinese noch Glück, dass er Chinesisch spricht, weil "Reis" könnte er gar nicht sagen, das hört sich bei ihm an wie "Leis".

Blödsinn. Alles. Obwohl ... Als Student in der alten Kaiserstadt Xi'an besuchten wir einst einen bunten Abend der Universitäten. Nach der Halbzeitpause trat eine elegant gekleidete Studentin auf die Bühne und hob zu einer Hommage an Doris Day an: "When I was just a little girl ..." Wir ausländischen Studenten lauschten andächtig. Bis der Refrain kam, und die Dame aus voller Brust schmetterte: "Que se-la, se-laaaaa". Da war es dann nicht mehr weit her mit der Andacht.

Chinesenwitze mit "r" sind so lustig wie Deutschenwitze mit Nazigebell

Trotzdem und gerade deshalb sei hier festgehalten: Der Mythos, die Chinesen könnten kein "r" aussprechen, ist Unsinn. Es gibt vielmehr Chinesen, die rollen das "r" in "Horst" so, dass auch der Seehofer in Deckung geht. Wahr ist allerdings, dass es das "r" in ihrer Sprache nicht gibt, weswegen chinesische Fremdsprachenanfänger manchmal beim "l"-Laut landen.

Chinesenwitze, die "r" und "l" vertauschen, sind also ungefähr so lustig wie Deutschenwitze mit Nazigebell. Bloß Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner hat das noch keiner gesagt. "Waren die etwa alle hier wegen dem Leis und dem Petloleum?", twitterte sie ihren mehr als 3,5 Millionen Followern während ihres Staatsbesuches in Peking nach einem Forum mit 1000 Geschäftsleuten.

"Wir wissen gar nicht, was Twitter ist"

Die Gastgeber nahmen den Affront gefasst. Im Netz zeigten sich überwiegend die Argentinier fassungslos, die Chinesen reagierten eher souverän. Was auch daran gelegen haben mag, dass Twitter in China gesperrt ist. "Wir ärgern uns schon deshalb nicht", schrieb ein Nutzer auf dem chinesischen Twitter-Pendant Weibo, "weil wir gar nicht wissen, was Twitter ist."

Das wiederum zeugt von genau jenem Grad an Ironie, der Kirchner abgeht. Die Tatsache, dass Kirchner - Präsidentin einer krisengeschüttelten Volkswirtschaft - quasi auf Betteltour in Peking war, trug dazu bei, dass aus vielen Kommentaren eher abfälliges Mitleid sprach. "Immerhin hat China sein Chinesisch", schrieb ein Weibo-Nutzer: "Ihr habt ja nicht einmal eine eigene Sprache."

Kirchners prominente Vorgänger

Kirchner hat prominente Vorgänger. Großbritanniens Prinz Philip etwa leistete sich im Jahr 1986 gleich zwei Fehltritte in China. Zuerst riet er britischen Austauschschülern in Xi'an, sie sollten bloß aufpassen, sonst bekämen sie selbst noch "Schlitzaugen". Dann informierte der Prinz ein Umweltschützer-Forum in Südchina gutgelaunt: "Wenn es vier Beine hat und kein Stuhl ist, wenn es Flügel hat und kein Flugzeug ist, wenn es schwimmt und kein U-Boot ist - dann werden es die Kantonesen essen."

Was übrigens ein Spruch ist, der seinen Ursprung in China selbst hat. Das heißt aber noch lange nicht, dass man ihn sich von einem britischen Prinzen anhören mag.

Cristina Kirchner schickte nach dem ersten Aufschrei noch einen Tweet hinterher. "Sorry. Aber wisst Ihr was? Das Ausmaß an Lächerlichkeit und Absurdität ist so groß, dass man es nur mit Humor verarbeiten kann. Sonst ist das sehr, sehr giftig." Möglicherweise hielt sie das für eine Entschuldigung.

© Süddeutsche.de/ebri/jobr
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