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SZ-Kolumne "Alles Gute":Verschollenes Gebiss

Corona und Alltag
(Foto: Steffen Mackert)

In der Pandemie den Bruder zu beerdigen und die demente Mutter zu pflegen, ist anstrengend. Schließlich ist es der Zahnersatz, der die Freude ins Familienleben zurückbringt.

Von Lars Langenau

Man nennt das gemeinhin eine schwere Zeit: Der ältere Bruder stirbt an einem Herzinfarkt. Die Mutter, um die er sich gekümmert hat, ist plötzlich mit 89 Jahren allein. Sie lebt in einer Mietwohnung in der Heimatstadt und ist dement. Neben der Beerdigung geht es zunächst also auch noch darum, eine Notversorgung zu organisieren.

Vielleicht hätte man außerdem darauf verzichten sollen, sich den großen Bruder im Sarg noch einmal anzuschauen, aber die Mutter wollte es so. Nur hat sie lediglich noch ein Erinnerungsvermögen von 20 Sekunden und den nicht so schönen Anblick umgehend wieder vergessen, der nun in mir klebt. Die Nachricht vom Tod ihres Sohnes führte in den ersten zwei Wochen wieder zu neuen Weinkrämpfen und Fast-Zusammenbrüchen. Alle paar Minuten aufs Neue.

Wo ist der Bruder?

Die Beerdigung war pandemiegemäß auf zehn Personen begrenzt, Ende März war das. Die Zeit hilft gewissermaßen im Kampf gegen den Verlustschmerz. Schulterzucken folgt nach sechs Wochen auf die sich ständig wiederholende Frage: Wo ist dein Bruder? Eigentlich bräuchte die Mutter dringend stationäre Betreuung, schwierig in Corona-Zeiten, viele Heime sind zu. Hinzu kommt ihr fester Wille, sowieso zu Hause bleiben zu wollen, bis zum Ende.

Jetzt kommt die örtliche Diakonie dreimal am Tag. Nach komplizierten und emotionalen Wochen zwischen Beerdigung, Verwirrung und Pandemie der erste Lichtblick am Ende eines dunklen Tunnels: Irgendwie geht es mit Tablettengabe, Einkauf, Saubermachen und Körperpflege.

Wo ist das Gebiss?

Und dann zeigt die Sache mit dem Gebiss, dass sich manches auch in Wochen wie diesen nicht ändert. Die kleinen Kuriositäten und Absurditäten des Alltags sind immer hilfreich auf der Suche nach wenigstens Kurzzeit-Erleichterung, Corona hin oder her. Das Gebiss nämlich ist ständig verschollen. Die Mutter weiß sich zwar zu helfen, eine Bratwurst kann man ja auch auf die gleiche Weise zu sich nehmen wie eine echte bayerische Weißwurst (ohne beißen).

Gesucht wird trotzdem ständig, einmal wurde die Enkelin unterm Bett fündig. Ein andermal dann, kurze Zeit später nur, ist die Beißhilfe schon wieder weg. Bis sie schließlich, fast wie in einem Karl-Valentin-Stück, da wieder auftaucht, wo sie hingehört, in Mutters Mund. Seit Wochen passiert da zum ersten Mal wieder etwas, das zuletzt so schwierig war und doch so wichtig ist: Wir freuen uns. Und lachen gemeinsam.

In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure täglich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute.

© SZ/min
Wittis Mutti

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