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SZ-Kolumne "Alles Gute":Sehnsucht nach Currywurst

Corona und Alltag
(Foto: Steffen Mackert)

Nach viereinhalb Monaten Home-Office vermisst man selbst Dinge, von denen man nie gedacht hatte, dass sie einem je fehlen würden.

Von Oliver Klasen

Neulich, als ich genau um 11.55 Uhr auf die Uhr sah, dachte ich an meinen Kollegen M. Viereinhalb Monate ist es nun her, dass ich ihn zuletzt sah und, was in diesem Fall wichtiger ist: auf dem Flur rufen hörte. An jedem Arbeitstag, immer exakt um 11.55 Uhr, bat M. lautstark und enthusiastisch zum Gang in die Kantine, und oft genug ließ ich, der ich doch eigentlich ein Freund des späten Mittagessens bin, mich zum Mitgehen überreden.

Nun ruft niemand mehr. Im Home-Office gilt zügelloses Laissez-faire in Bezug auf die Essenszeiten. Zum Frühstück nur Kaffee, Müsli mit Früchten um elf, Mittag erst um halb vier mit den Resten des Tomatensalats von gestern und ein bisschen Baguette, und das Fleischragù für die Tagliatelle zum Abendessen darf ruhig drei, vier Stunden köcheln, ehe es irgendwann zwischen 21 und 22 Uhr auf den Tisch kommt.

Hat ja schon auch seine Vorteile, wenn man nicht von einer Durchschnittskantine in einer Durchschnittsfirma abhängig ist, die zudem noch in einem Durchschnittsgewerbegebiet liegt, in dem die kulinarischen Alternativen aus McDrive und Bäcker im nahe gelegenen Einkaufszentrum bestehen.

In solchen Kantinen, das hat jedenfalls die Auswertung eines großen Catering-Unternehmens in dieser Woche ergeben, ist die Currywurst mit Abstand das beliebteste Gericht in der Belegschaft. Seit inzwischen 28 Jahren führt sie die Kantinen-Charts an, und es ist nicht abzusehen, dass diese Ära in absehbarer Zeit zu Ende gehen könnte. Auf den Plätzen zwei und drei stehen Spaghetti Bolognese (allerdings oft nicht drei bis vier Stunden geköchelt) und der "Alaska-Seelachs mit Kräutersoße und Kartoffeln".

Kinder lieben vegetarische Linsensuppe?

In der Studie finden sich noch weitere, bahnbrechende Erkenntnisse. Man erfährt zum Beispiel, dass bei Senioren Rindsrouladen mit Apfelrotkohl besonders beliebt sind und in Kindergärten vegetarische Linsensuppe. Allerdings erfährt man nicht, was sie den Kindergartenkindern versprochen haben, damit sie diese Antwort geben.

Und überhaupt, ist die ganze Untersuchung in diesem Jahr nicht völlig verfälscht durch die Corona-Krise, deretwegen in den Kantinen, wenn sie überhaupt geöffnet sind, Menschen mit sterilen Latexhandschuhen vorgepackte Goodie Bags überreichen? Müsste die Wahl des beliebtesten Kantinenessens aus Gründen des fairen Wettbewerbs nicht auf 2021 verschoben werden, so wie die Olympischen Spiele?

Egal, denkt man, während man überlegt, ob zu Ceviche vom Saibling für heute Abend Mango oder Avocado besser passen würde: So eine mit dem Kollegen M. um 11.55 Uhr gegessene Currywurst in der Durchschnittskantine wäre auch mal wieder schön.

In dieser Kolumne schreiben SZ-Redakteure wöchentlich über die schönen, tröstlichen oder auch kuriosen kleinen Geschichten in diesen vom Coronavirus geplagten Zeiten. Alle Folgen unter sz.de/allesgute

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