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Zielfahnder in München:Auf der Suche nach Menschen, die nicht gefunden werden wollen

Mörder, Vergewaltiger, Drogendealer: Zielfahnder sind Personen auf der Spur, die plötzlich untergetaucht sind. Dafür greifen sie stets auf die gleichen Mittel zurück - und erreichen ihr Ziel fast immer.

Abbas-Ali Rahat-Farimani ist auf der Flucht. Seit gut einem Monat. Der Mann soll Anfang August in der Messestadt seine Frau getötet haben und mit den beiden Kindern verschwunden sein. Der 62-Jährige kommt aus der Sicherheitsbranche und scheint den Mord und sein Verschwinden minutiös geplant zu haben. Und trotzdem: Die Münchner Zielfahnder sind ihm auf den Fersen. "Wir sind ziemlich nah an ihm dran", sagt Kriminaldirektor Armin Aumüller. Mehr nicht. Die Erfolgsquote seines Teams liegt bei nahezu 100 Prozent. "Wir haben einen langen Atem", erklärt Aumüller, "wir können auch jahrelang fahnden. Wir geben nicht auf."

In München haben die zwölf Kriminaler der Zielfahndung momentan gut zu tun. Sie folgen den Spuren des mutmaßlichen Mörders Rahat-Farimani; sie suchen nach den beiden Obdachlosen, die Ende August am Flaucher einen 50-Jährigen totgeprügelt haben sollen; und sie spüren dem Mann nach, der zwei Bekannte angestiftet haben soll, im April in Sendling eine Frau zu überfallen, mit Elektroschockern zu traktieren und auszurauben.

Nur: Wie sucht man einen Menschen, der plötzlich verschwindet? Einen, der nicht gefunden werden will? "Mit ganz normalen polizeilichen Mitteln", behauptet Kriminaldirektor Bernhard Egger vom Landeskriminalamt (LKA). Gut, räumt der Leiter der Fahndung ein, man habe natürlich die nötige Manpower. Seine Männer haben die Zeit und Geduld, sich an eine Person zu heften. Wenn irgendwo in Bayern eine Polizeidienststelle bei der Suche nach einem Verbrecher nicht weiterkommt, übernehmen die Zielfahnder des LKA. Natürlich nicht bei der Suche nach einem untergetauchten Schwarzfahrer. Wenn Eggers Ermittler loslegen, geht es um Mord oder Vergewaltigung, noch öfter aber um Drogendealerei oder Anlagebetrug.

Nackt ausziehen und das Leben durchleuchten

Das Vorgehen ist immer gleich: Der Gesuchte werde quasi nackt ausgezogen, sagt Egger, sein Leben durchleuchtet. Personagramm nennen das die Fahnder. An der Pinnwand klebt sein Konterfei, Pfeile zeigen in alle Richtungen und entblättern seine Existenz. Familie, Freunde, Feinde, Arbeitsplatz, Schulzeit, Jugend. Was kann der alles, wo war er in den vergangenen Jahren in Urlaub, welche Vorlieben hat er, welche Sprachen spricht er? Welche Stammkneipen, Gewohnheiten, Zigarettenmarke, Schuhgröße hat er? Bis ins kleinste Detail wird der Gesuchte analysiert und irgendein "Anfasser", wie Egger es nennt, finde sich immer. Denn kaum einer flüchte in ein Land, zu dem er überhaupt keinen Bezug habe. Natürlich seien sozial stark vernetzte Menschen leichter zu finden.

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Profiler bei der Polizei

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Das könnte bei dem Tötungsdelikt am Flaucher zum Problem werden. Obdachlose verfügen meist über weniger Ankerpunkte als Menschen mit Wohnsitz. "Obdachlose sind auch Menschen, die in der öffentlichen Wahrnehmung nicht so auffallen. Die meisten Menschen schauen weg und haben dann auch kein Bild mehr von der Person im Kopf", sagt Aumüller. Andererseits habe ein Obdachloser finanziell gesehen auch nicht die Möglichkeit, sich ins ferne Ausland abzusetzen. Vergangenen Mittwoch war der Fall Thema in der Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst". Die Hinweise der Zuschauer seien "etwas diffus" gewesen: Die Täter seien irgendwo in Deutschland gesehen worden, in München und im benachbarten Ausland. Aumüllers Fahnder glauben, dass einer von ihnen sich noch in München aufhält.

Weltweites Netz an Zielfahndern

Bereits vor 20 Jahren installierten die Münchner in ihrem Präsidium ein Kommissariat mit Zielfahndern. Der Vorteil ist, dass sie sofort eingeschaltet werden können, zum Beispiel mit in einer Soko sitzen und den Tatort in Augenschein nehmen können. "Da ergeben sich Hinweise, die für die Kollegen von der Mordkommission vielleicht nicht so relevant sind, für uns aber", erklärt Aumüller. Hinweise etwa, die "über die Bewegungen, Kontakte oder Gepflogenheiten eines Flüchtigen Aufschluss geben. Und sei es auch nur der Pfandbeleg aus einem bestimmten Einkaufsmarkt".

Wenn klar ist, dass sich ein Täter ins Ausland abgesetzt hat, können die Ermittler auf ein weltweites Netz an Zielfahnder-Kollegen zurückgreifen. Und auf alle verfügbaren technischen Mittel. Im Auftrag der Regensburger Staatsanwaltschaft fahndete das LKA zum Beispiel zwei Jahre nach einem Millionenbetrüger, halb Asien suchten sie nach ihm ab, am Ende nahmen sie ihn "auf der hintersten Insel der Philippinen" fest, sagt Egger. Gerade zu den Kollegen in der Dominikanischen Republik und in Thailand habe man ein gutes Verhältnis. Weil man oft miteinander zu tun habe.

Irgendwann, so Egger, fliegen Flüchtige immer auf. Kaum einer schaffe es, persönliche Kontakte komplett für immer abzubrechen. Ein Betrüger etwa kroch aus seinem Versteck, weil eine Erbschaft anstand, ein Drogendealer meldete sich nach zweitägiger Flucht bei Mama, um zu sagen, dass es ihm gut gehe. Allerding stoßen auch Zielfahnder an Grenzen: Wenn der Flüchtige sich in einem Land befindet, das Verdächtige nicht ausliefert. "Dann wissen wir, wo er ist, aber können nichts tun", so Egger.

Rahat-Farimani etwa, der in München seine Frau getötet haben soll, stammt aus Iran. Das Land hat mit Deutschland kein Auslieferungsabkommen.