Wutraum eröffnet:Hau drauf

Wutraum. Den kann man mieten und die Einrichtung kaputt hauen.

Geburtstage, Junggesellenabschiede oder Scheidungspartys: Der Wutraum wird für verschiedene Anlässe gemietet.

(Foto: Florian Peljak)

"Es ist krass, in was für einen Rausch man gerät": In Hartmut Merschs Wutraum in einem Pasinger Hinterhof zertrümmern die Kunden Möbel, schlagen mit Baseballschlägern auf Kopierer und Computer ein - und zahlen dafür.

Von Wiebke Harms

Zwei junge Frauen stapfen durch die Trümmer des Büros, das Hartmut Mersch erst am Morgen eingerichtet hat. Sie halten Baseballschläger in den Händen, beide schwitzen. Ihre Blicke schweifen über die zerborstene Platte des Schreibtischs, den in zwei Teile gebrochenen Kopierer und den zersplitterten Computerbildschirm. Die beiden sind zufrieden mit dem, was sie angerichtet haben.

Eine Dreiviertelstunde zuvor haben zwei Frauen das Gebäude in einem Pasinger Hinterhof betreten, die nicht aussahen, als könnten sie einen Raum dermaßen verwüsten. Patrizia Azzarello, 20, und Sina Wächter, 19, kennen sich aus der Schule. Frauen, die freundlich lachen und enge Jeanshosen tragen. Typische Kundschaft für Hartmut Mersch.

Wutraum. Den kann man mieten und die Einrichtung kaputt hauen.

Dort zerstören die Besucher alles, was sie in die Finger bekommen...

(Foto: Florian Peljak)

Geschäftsidee in den USA abgeschaut

Er verdient Geld mit der Zerstörungslust anderer. Anfang März hat er Münchens ersten Wutraum eröffnet. Sein Werbespruch: "Zerstörung aus Leidenschaft". Die Geschäftsidee hat er sich in den USA abgeschaut. Damit, dass vor allem Kundinnen kommen, hat er nicht gerechnet. Etwa 70 Prozent der Wutraum-Besucher sind weiblich. "Die meisten Frauen hauen ohne Hemmungen drauf", sagt der 35-jährige Gründer. "Meine Kunden kommen, um etwas zu erleben." Darum vermietet Mersch seinen Wutraum auch über Internetplattformen, die abgefahrene Geschenke und Erlebnisse wie Bungeesprünge und Panzerfahrten vermitteln.

Patrizia Azzarello und Sina Wächter feiern Azzarellos Geburtstag im Wutraum. Andere Zerstörungswütige kommen für Junggesellenabschiede oder Firmenfeiern. Auch Scheidungspartys laufen besonders gut, sagt Mersch. "Das Vergangene zerstören, einen Neuanfang starten", steht über dem zugehörigen Angebot auf seiner Webseite. Auf Wunsch dekoriert der Besitzer das Wut-Wohnzimmer mit Bildern vom Ex. Kürzlich zerriss eine Dame zur Musik von Robbie Williams das Fußballtrikot ihres ehemaligen Gatten, erzählt Mersch.

Weiße Maleranzüge und Schutzbrillen

Ein Monitor im Flur zeigt, wie Azzarello und Wächter im Wutraum mit den ersten Takten der Musik loslegen. Sie tragen weiße Maleranzüge und Schutzbrillen. Die Szene wirkt, als würde die Spurensicherung aus dem "Tatort" durchdrehen. Im Wechsel krachen die Baseballschläger auf den Schreibtisch. Gemeinsam kippen die Frauen das Wandregal um. Azzarello zerschlägt erst die Computertastatur, dann fegt sie den Ventilator vom Tisch. Von ihm bleiben nur Plastiktrümmer. Mit dem großen Kopierdrucker kämpft sie etwas länger.

Wutraum. Den kann man mieten und die Einrichtung kaputt hauen.

Zwei Stunden dauert es anschließend, bis die Trümmer weggeräumt sind.

(Foto: Florian Peljak)

Draußen im Hof warten schon die nächsten Kopierer auf ihr Ende. Unternehmen geben ihre ausgemusterten Geräte bei Mersch ab, sie bezahlen sogar dafür. Mersch hat Lagerräume angemietet, weil er so viele Computer und Kopierer bekommt. Schreibtische, Regale und Stühle holt er meist von Wohnungsauflösungen.

Weil der Kopierer dem Baseballschläger noch immer standhält, greift Azzarello im Wutraum zum Vorschlaghammer. Obwohl ihre Arme unter seinem Gewicht schnell müde werden, hebt sie den Hammer immer wieder über den Kopf und lässt ihn auf Plastik und Glas des Kopierers niedersausen, solange bis der Stil abbricht. "Hätte ich noch einen Hammer gehabt, hätte ich noch länger auf den blöden Kopierer eingehauen", wird Azzarello später sagen.

Am Bürostuhl gescheitert

Die Frauen haben sich vorgenommen, alles zu zerlegen. Schließlich zahlen sie 139 Euro dafür. Den widerspenstigen Kopierer brechen sie immerhin noch in zwei Teile, doch am Bürostuhl scheitern Azzarello und Wächter. Immer wieder werfen sie ihn im Wechsel gegen die Wand.

Am Ende liegt der blau gepolsterte Stuhl in der Ecke - noch immer nicht in Stücke zerbrochen. "Ich frage mich, warum die Leute immer den Stuhl werfen. Vielleicht haben sie das in einem Video gesehen", sagt Mersch. Zum gleichen Preis hätten Azzarello und Wächter auch das Wohnzimmer im Nebenraum verwüsten können, eingerichtet mit Sofa, Porzellan und Fernseher. "Auf Elektrogeräte einzuschlagen, macht mehr Spaß", sagt Azzarello. "Wann kann man das sonst machen?"

Aggressiver Sound

Wünschen seine Gäste keine spezielle Musik, bestimmt Mersch die Lieder. Hauptauswahlkriterium: aggressiver Sound. Während Azzarello und Wächter die Baseballschläger zu den letzten kraftlosen Schlägen schwingen, dröhnt Motörhead aus den Boxen. "Die Musik hätte noch lauter seien können", sagt Azzarello anschließend. Die lauten Schläge ihres Baseballschlägers hallen in den Ohren der Frauen nach, während sie ihr Werk begutachten. Wut ist ein lautes Gefühl, entsprechend dröhnt der Wutraum. "Es war schwierig, Räume zu finden", sagt Mersch. Schließlich könnten die lauten Schläge Nachbarn stören. Bislang habe sich jedoch noch keiner beschwert. Auch Vermietern ist das Geschäftsmodell nicht ganz geheuer: Mersch musste die Miete für das ganze Jahr im Voraus zahlen. Sein Startkapital hat so fast sechsstellige Höhe erreicht.

Nach rund 25 Minuten sind Azzarello, Wächter und die Büroeinrichtung am Ende. "Es ist krass, in was für einen Rausch man gerät", sagt Azzarello. Etwa zwei Stunden brauchen Mersch und seine Mitarbeiter, um die Trümmer in Müllcontainer zu schaffen und ein neues Büro aufzubauen. Auch das wird nur so lange stehen, bis der nächste Kunde ausrastet.

© SZ vom 28.05.2015
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