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Was in der Corona-Krise nottäte:Mehr als schöne Worte

"Ich bin ja Historikerin und mache ernsthafte wissenschaftliche Forschung", sagt Miriam Gebhardt. Ein Buch dauere da schon mal zwei Jahre.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Autorin und Historikerin Miriam Gebhardt fordert staatliche Hilfen für Kulturschaffende

Von Marie Hesslinger, Schäftlarn

Ende Juni ist es so weit: Nach wochenlanger Corona-Pause kann Miriam Gebhardt ins Deutsche Tagebucharchiv. Dort, im baden-württembergischen Emmendingen, kann die Historikerin und Journalistin mit den Recherchen für ihr neues Buch loslegen. Doch ihre Zukunft ist ungewiss. "Ich glaube, niemandem ist von vornherein klar gewesen, dass Corona so mittel- und langfristige Effekte haben wird", sagt die 58-Jährige.

Dass ihre Vortragsveranstaltungen im Frühjahr ausgefallen seien, sei das eine. "Aber mir wird jetzt erst klar, dass der Herbst schwierig wird." Eine wichtige Nebeneinnahme für die Buchautorin sind Vorträge. Vergangenes Jahr erschien im DVA-Verlag ihr Buch "Wir Kinder der Gewalt. Wie Frauen und Familien bis heute unter den Folgen der Massenvergewaltigungen bei Kriegsende leiden". Kindererziehung, Vergewaltigungen nach dem Zweiten Weltkrieg, Geschichte der Frauenbewegung, "das ist so der Bauchladen, mit dem ich unterwegs bin", sagt Gebhardt.

Anfragen für Vorträge bekommt sie von Kirchen, Frauenverbänden, Volkshochschulen. Um die 60 Zuhörer kommen dann meist, rund 600 Euro verdient Gebhardt dafür, und das ungefähr zehnmal im Jahr - normalerweise. Nun fehlt den Veranstaltern wegen der Corona-Pandemie Planungssicherheit. Die Angst vor Super-Spreader-Events geht um. "Die wissenschaftliche Unsicherheit über die genauen Übertragungswege hindert viele." Gebhardts Vorträge im Frühjahr wurden abgesagt, für Herbst kamen keine neuen Anfragen. Und im Sommer ist immer Sommerpause. Ihre Tätigkeit als außerplanmäßige Professorin an der Universität Konstanz ist unbezahlt. "Das ist die sogenannte Titelehre", sagt sie.

Neben den Einnahmen durch Vorträge lebt die Autorin von den Vorschüssen ihres Verlags: "Ich bin ja Historikerin und mache ernsthafte wissenschaftliche Forschung", sagt Gebhardt. "Bei mir dauert es ungefähr zwei Jahre, bis ein Buch fertig ist." In dieser Zeit lebt sie vom Verlagsvorschuss, der in drei Raten gezahlt wird. "Allein nur vom Verkauf der Bücher zu leben ist nur wenigen Bestsellerautoren möglich", sagt sie. "Ich verdiene vielleicht so viel wie eine Frühstückskraft im Hotel, wie ein Zimmermädchen." Deshalb brauche sie immer einen Vertrag im Voraus. Noch bevor sie mit einem Buch fertig sei, schließe sie einen neuen Vertrag ab. Normalerweise. Doch auch das Buchgeschäft leide unter Corona. "Die Verlage haben Bücher auf Halde, die verschoben werden", sagt Gebhardt. "Ich kann nicht davon ausgehen, dass das Erscheinungsdatum noch eingehalten werden kann. Dadurch entfallen auch die Raten", befürchtet sie. "Die große Gretchenfrage wird sein, ob ich die Höhe meiner Vorschüsse noch halten kann." Schon die letzten Jahre sei dies ein Kampf gewesen. "Ich fürchte, dass die Corona-Krise jetzt auch nochmal eine Zäsur bedeuten kann."

Es habe gedauert, bis sie all dies realisiert habe. Anders als viele ihrer Künstlerkolleginnen und Kollegen beantragte sie nicht gleich zu Beginn der Krise die Künstler-Soforthilfe. Berechtigt wäre sie dafür ohnehin nicht gewesen, denn sie galt nur für jene mit Betriebskosten, wie einige von Gebhardts Kollegen im Nachhinein feststellten. "Das an die Betriebskosten zu koppeln, das war eine große Gedankenlosigkeit", kritisiert Gebhardt die Politik. Für viele Künstler habe die Soforthilfe wegen dieser Regelung nicht gegolten.

Die bayerische Staatsregierung hat mittlerweile ein zweites Hilfspaket nachgelegt, das "Modell KSK Plus." Gebhardt stellte einen Antrag. Dazu berechtigt sind jene, die in der Künstlersozialkasse (KSK) versichert sind oder anderweitig nachweisen können, dass sie ihren Lebensunterhalt mit künstlerischer Tätigkeit verdienen. Über drei Monate können sie bis zu 1000 Euro monatlich damit erhalten.

In Anbetracht der großen finanziellen Unsicherheit, die viele Künstler nun beschäftigt, sei dies jedoch wenig, findet die Autorin. "Am Anfang gab es ja noch einen politischen Überschwang, aber jetzt wird gekämpft um die Gelder." Auch bis man das von Ministerpräsident Markus Söder angekündigte Paket habe beantragen können, sei sehr viel Zeit verstrichen. Mehr als einen Monat habe das gedauert. "Das hat mich schon ein bisschen angefressen."

Was die Corona-Hilfen angehe, sei sie hin- und hergerissen. "Auf der einen Seite bin ich wütend, dass es die trifft, die ohnehin wenig haben", sagt sie. "Auf der anderen Seite verstehe ich, wenn der Staat sagt, jetzt müssen erstmal die unterstützt werden, die Arbeitnehmer haben." Hartz IV zu beantragen ist für Gebhardt keine Option. Unter anderem, weil sie dafür zuerst ihre Altersvorsorge aufbrauchen müsste. Für viele freischaffende Künstler sei Hartz IV aber auch eine Frage des Stolzes. Und der ist in der Corona-Krise ohnehin angegriffen. "Ich kenne viele, die es unglaublich persönlich nehmen", sagt Gebhardt.

Von der Politik kämen zwar schöne Worte für die Kulturschaffenden. Doch sie fürchtet, dass es bei schönen Worten bleibt. "Wie schaffen wir es als Gesellschaft jene wertzuschätzen, die sich für Dinge einsetzen, die nicht materieller Art sind?", fragt Gebhardt. Konsum mache kurzfristig glücklich. "Das, was ich schaffe, sind keine materiellen Werte, sondern das ist Bildung und Aufklärung über die deutsche Geschichte." Während die AfD Wahlplakate mit Sophie Scholl drucke, trage Gebhardt beispielsweise zur Aufklärung über die weiße Rose bei. "Das ist etwas, das man schwer umrechnen kann in Euros und Cents."

Oft werde sie gefragt: "Ach und von sowas kann man leben?", erzählt sie. "Weil es für die Leute fast schon selbstverständlich ist, dass man das umsonst macht." Das Selbstbild der Künstler verstärke dies. "Dann muss ich meinen Gürtel noch ein bisschen enger schnallen", sagten sich viele. Künstler seien oft "Menschen, die mit sehr großem Idealismus und mit sehr großen Investitionen an Zeit und Mühe etwas machen für die Gesellschaft."

In ihrem neuen Buch wird sich Gebhardt mit dem "Familiengedächtnis der Deutschen" beschäftigen, mit der Entwicklung von Liebe, Familie und Ehe über mehrere Generationen hinweg. Wahrscheinlich wird es statt wie ursprünglich geplant im Herbst kommenden Jahres erst im Frühjahr 2022 erscheinen. "Die Frage des Grundeinkommens für Kulturschaffende", sagt Miriam Gebhardt, "jetzt wäre ein günstiger Zeitpunkt, das mal zu diskutieren."

© SZ vom 13.06.2020

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