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Wackersberg:Tierschutz statt Gucci

  • Kenzo, Ralph Lauren, Escada: Früher war Michele Calabros Welt die der Mode.
  • Heute aber scheint dieses Leben weit weg. Sie hat einen Verein gegründet, der regelmäßig Hunde nach Deutschland bringt, die in Ungarn keiner mehr haben will.

Von Alexandra Vecchiato, Wackersberg

Wer Einlass in diesen Bilderbuch-Hof begehrt, muss erst an Strolch, Oskar, Pumi, Mucki, Papaya und wie sie alle heißen vorbei. Vor allem Amy, eine Bordeaux-Doggen-Dame, lässt Fremde zögern. "Ach, die macht gar nichts", sagt Michele Calabro. "Nur hereinspaziert." Mit ihrem Mann Olaf Schimmel lebt sie in einem liebevoll hergerichteten Bauernhof, der auf einem Hügel in Wackersberg liegt. Wer die Geschichte der gebürtigen US-Amerikanerin erzählen möchte, muss gleichzeitig die vom Leid vieler ungarischer Straßenhunde erzählen. Wie viele Hunde sie schon gerettet hat? Die 48-Jährige zuckt mit den Schultern. "Etwa 1000", antwortet sie. Aber das sind ihr noch lange nicht genug.

Schon das Empfangskomitee ist unüberschaubar, es wuselt nur so von großen und kleinen Hunden, ein Streichler hier, ein Schwanzwedeln da. Ganz ohne Abschlabbern, Schmusen und feuchte Nasen im Gesicht lässt sich der Weg bis zur Terrasse nicht hinter sich bringen. Jeder will den Gast beschnuppern. Michele Calabro deckt schnell den Tisch, der Kaffee duftet. Wo die 48-Jährige ist, da ist auch die Meute. Oder wie es ihr Landsmann Cesar Millan, der amerikanische "Hundeflüsterer", nennen würde: "The leader of the pack." Ja, das müsse man schon sein, sagt Calabro. Gerade, aufrecht und selbstbewusst. Den Umgang mit teils schwierigen Hunden musste auch sie erst lernen.

Eigentlich wollte Calabro nur acht Wochen in Deutschland bleiben

Michele Calabro

Michele Calabro hat ihre Lebensaufgabe gefunden. In Wackersdorf betreut die gebürtige US-Amerikanerin Straßenhunde und sucht ihnen ein Zuhause.

(Foto: Privat)

Im Oktober 1967 geboren, Tochter einer deutschen Mutter und eines Süditalieners, wuchs Calabro auf Long Island im US-Bundesstaat New York auf, lebte in Manhattan. Tiere habe sie immer geliebt, erzählt sie. Doch mit 15 hatte sie vor allem Designerjeans im Kopf. Ihre Eltern hätten sie "sehr bescheiden" erzogen. Sie gaben der Tochter mit: "Wenn du teure Klamotten willst, musst du sie dir selbst kaufen." Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Sie gab an, schon 16 Jahre alt zu sein, um einen Job in einer Gap-Filiale zu bekommen. Dort zeigte sich, dass sie ein Händchen fürs Dekorieren und die Präsentation von Waren hatte. "Ich habe bis Mitternacht gearbeitet, um den Laden schön zu machen." Für sie war klar: Merchandising war ihr Ding, die Modebranche ihre Welt. Sie absolvierte das Fashion Institute of Technology in New York.

Im Dezember 1989 kam sie nach Murnau, wo ihre Großmutter lebte, um am Goethe-Institut Deutsch zu lernen. Acht Wochen sollte ihr Aufenthalt dauern. "Ich bin geblieben", sagt Calabro. Ihren Traumjob konnte sie auch in München suchen. Sie arbeitete zunächst ein Jahr bei der Luxusmodemarke Ralph Lauren im Verkauf, wechselte zum Label Kenzo, absolvierte verschiedene Zwischenstationen, darunter Escada, um 1995 wieder zu Ralph Lauren zurückzukehren. "Ich habe damals die Sportlinie herausgebracht und die Flagshipstores eingerichtet." Ein hektischer Job: 250 Tage im Jahr nicht zu Hause. Sie sei ein Workaholic gewesen.

Im Jahr 2000 heiratete sie Olaf Schimmel. "Der hatte nie ein Tier in seinem Leben", lacht sie. Er war es, der ihr vorschlug, eine Auszeit zu nehmen. Diese dauerte exakt vier Wochen. "Mir ist zu Hause die Decke auf den Kopf gefallen", erzählt sie. Damals lebte das Ehepaar in Straßlach. "Tu was mit Tieren", dachte sie sich und ging zur Hundepension Kufner-Palm. Von da an sollte sich ihr Leben von Grund auf ändern. Sie arbeitete ehrenamtlich, kam mit Tierschützern in Kontakt, half bei der Vermittlung, übernahm Transporte und Übergaben. Die Schicksale der Hunde seien ihr sehr an die Nieren gegangen, sagt sie. Oft sei sie heulend nach Hause gekommen.

Dann sah sie Oskar - eine schicksalhafte Begegnung. Oskar wurde ihr erster Hund. "Ich habe bei ihm alles falsch gemacht, was man falsch machen kann." Sie holte sich professionelle Hilfe von Hundetrainern, las Bücher. Oskar griff ihren Mann an. Der Schock saß tief, aber für sie stand fest: "Aufgeben geht nicht. Ich hatte diesem Hund ein Versprechen gegeben, als ich ihn zu mir nahm."

Cooler Hund

Das Tierheim in Püspökladany in Ungarn steht auf staatlichem Grund, der Pachtvertrag könnte jederzeit gekündigt werden. Deshalb hat Tierheimleiterin Eta aus eigener Tasche einen alten Bauernhof am Ortsrand gekauft. Der Verein "Cooler Hund" plant auf diesem Gelände den Bau eines neuen Tierheims, in dem Straßenhunde artgerecht leben sollen. Nach ersten Schätzungen wird er 140 000 Euro kosten. Noch sind bürokratische Hürden zu nehmen. Straßenhunde in Ungarn werden von staatlich bezahlten Hundefängern in Tötungsstationen gebracht. Das schafft Arbeitsplätze und ist leicht verdientes Geld. Tierschützer gehen davon aus, dass jährlich mehr als 300 000 Hunde in Ungarn getötet werden. Der Verein stellt sich im Internet unter www.coolerhund.info vor. veca

Ihre neue Lebensaufgabe, der Tierschutz, führt sie 2011 nach Ungarn. Dort lernt sie Joó Attiláné und deren Mutter Eta kennen. Zurück in Deutschland gründet sie den Verein "Cooler Hund", sammelt Sach- und Geldspenden und unterstützt mit ihren Mitstreitern ein Tierheim in Püspökladany, etwa 50 Kilometer vor der rumänischen Grenze gelegen, das von Eta geleitet wird. Und mehr noch: Der Verein bringt regelmäßig Hunde, die in Ungarn keiner mehr haben will, nach Deutschland. Erste Station: Das Haus in Wackersberg. Olaf Schimmel hat das Anwesen gekauft, damit seine Frau ihre Tierschutzarbeit aufbauen konnte. Da tummeln sich schon mal gut zehn bis 15 Hunde auf dem Gelände. Vorübergehend, bis sie an Pflegestellen weitervermittelt sind.

Inzwischen verfügt der Verein über einen klimatisierten Transporter für die Tiere. In Ungarn werden mit den Geldspenden Hunde kastriert und versorgt. Genau diese Arbeit in Ungarn möchte Calabro ausbauen. Ihr Ziel sei es nicht, jeden Hund nach Deutschland zu bringen. "Ich kann nicht jedes Tier retten." Sie möchte mit ihrem Verein Aufklärungsarbeit leisten, vor allem Kindern deutlich machen, dass Tiere keine Wegwerfware sind. Aus diesem Grund plant der Verein, ein neues Tierheim zu bauen. "Wir wollen Praktika anbieten. Solche müssen die ungarischen Kinder in den Schulferien machen." Ein Grundstück ist vorhanden, jetzt fehlt noch das Geld für den Bau der Zwinger, einer Welpenauffangstation und eines OP-Raums.

Ein Workaholic - das ist Michele Calabro noch immer. Aber keiner, der in Designerschuhen durch die Gegend stöckelt. "Mein Mann sagt immer, ich bin von Gucci zu Baywa gewechselt, weil ich mir da meine Gummistiefel kaufe." Escada, Armani, das werde doch alles überbewertet - sagt die Wackersbergerin, die einst in der Glitzerwelt Manhattans zu Hause war.

© SZ vom 02.09.2015/ratz

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