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Vogelstimmen gesucht:Morgenkonzert zum Mitschneiden

Das Rotkehlchen gehört zu den Sängern, die beim Projekt "Dawn Chorus" gewürdigt werden.

(Foto: Wolfgang Forstmeier/oh)

Beim globalen Projekt "Dawn Chorus" geht es um Naturgenuss, Kunst, Wissenschaft - und einen Alarmruf

Zwei Jahre ist es her, dass der amerikanische Musiker und Bioakustiker Bernie Krause rund um das Gut Nantesbuch seine Mikrofone zum "Soundscaping" ausrichtete. Durch die Dokumentation von Naturlauten, so seine Überzeugung, ließen sich erstaunliche Erkenntnisse über die Biodiversität eines Lebensraumes gewinnen. Mittlerweile hat sich aus der interdisziplinären Meisterklasse, zu der 2019 die Stiftung Kunst und Natur eingeladen hatte, ein weltumspannendes Projekt entwickelt. In diesen Tagen geht "Dawn Chorus" in die zweite Runde.

Menschen in aller Welt sind noch bis Ende Mai aufgerufen, den morgendlichen Vogelgesang vor ihrer Haustür aufzunehmen - und zu teilen. Dazu gibt es eine App, die man sich kostenlos aufs Handy laden kann. Alle Beiträge werden auf eine Soundmap geladen und nicht nur wissenschaftlich ausgewertet; zudem fließen sie ein in künstlerische Aktivitäten wie visuelle Darstellungen, Vertonungen oder Arbeiten der bildenden Kunst. "Künstler aller Disziplinen arbeiten daran, die Naturerfahrung rund um die Vogelstimmen um zusätzliche Dimensionen zu erweitern", heißt es in einer Pressemitteilung der Stiftung.

Ideal für die Aufnahmen ist die Zeit vor dem Sonnenaufgang, wenn viele Vogelarten am lautesten singen. Im Wald und auf der Wiese, aber auch mitten in der Stadt, auf dem Balkon oder vor dem Fenster. "Dawn Chorus ist ein Projekt, das Menschen dazu einlädt, innezuhalten und zuzuhören und dabei über das Medium Klang mit der lokalen Artenvielfalt in Kontakt zu treten", erklärt Michael John Gorman, Gründungsdirektor des Biotopia Naturkundemuseums Bayern. Biotopia und die Stiftung Kunst und Natur sind Kooperationspartner bei diesem "globalen Citizen Science- und Kunstprojekt".

Das Morgenkonzert der Vögel eigne sich aus verschiedenen Gründen besonders gut für die bio-akustische Forschung, erklärt Gorman. Zum einen steche der Vogelgesang angenehm und eindringlich aus den Klanglandschaften hervor. Zum anderen gelten Vögel als wichtige "Biodiversitätsindikatoren". Keine andere Tiergruppe werde global so stark erforscht und spiegele so genau den "Gesundheitszustand" eines Habitats, also den Zustand auch der anderen in einem Ökosystem vorkommenden Arten. "Wir möchten, dass dieses Projekt ein Alarmruf ist und die Menschen sensibilisiert, gefährdete Habitate zu schützen und unsere Umgebung für die Vogelwelt freundlicher zu gestalten", so Gorman. Die Erde befinde sich "in einer Biodiversitätskrise gewaltigen Ausmaßes". Durch den Menschen verursacht sterben nach Auskunft der Initiatoren jedes Jahr 100 bis 1000 mal mehr Arten aus als unter natürlichen Bedingungen. Die Landwirbeltierbestände, Vogelbestände eingeschlossen, sind seit 1970 um 60 Prozent zurückgegangen. 13 Prozent der 11 000 bekannten Vogelarten weltweit sind vom Aussterben bedroht. Auch in Deutschland und Europa gehen die Bestände so massiv zurück, dass von einem "alarmierenden Vogelschwund" die Rede ist.

Auch in den gezwitscherten Morgenkonzerten, so schön diese klingen mögen, spiegelt sich diese Entwicklung. "Dawn Chorus" soll die entsprechenden Daten sammeln und nutzbar machen. Im Mai 2020 fand die erste Erhebung statt. Mehr als 3500 Aufnahmen aus aller Welt wurden erfasst und in einer globalen Soundmap kartiert. Sie gehen ein in eine Datenbank zur Biodiversitätsforschung. Auch künftig soll jedes Jahr im Frühjahr eine konzentrierte Sammlung erfolgen und somit Vergleichsdaten liefern.

Infos unter https://dawn-chorus.org

© SZ vom 06.05.2021 / stsw
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