Alternatives Wohnen:Kleine Ideen für große Brachen

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Alternatives Wohnen: Haus fertig, Grundstück fehlt: Thorsten Thane hofft auf Eigentümer, deren Flächen brachliegen.

Haus fertig, Grundstück fehlt: Thorsten Thane hofft auf Eigentümer, deren Flächen brachliegen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Tiny-House-Verein rund um Thorsten Thane geht gezielt auf Grundstücksakquise. Die Unterstützung durch den Wolfratshauser Stadtrat nennt der Vorsitzende "mutlos".

Wenn Thorsten Thane durch den Landkreis fährt, sieht er immer wieder Möglichkeiten, seinen Traum von einer Tiny-House-Siedlung zu verwirklichen: ungenutzte Grundstücke, die brachliegen, weil die Besitzer sie für ihre Nachkommen aufheben wollen oder darauf spekulieren, irgendwann im großen Stil nachverdichten zu können. "Wir haben hier im Umkreis überall Lückengrundstücke", sagt der Filmproduzent und Regisseur aus Wolfratshausen, der seit Jahren einen Ort für sein eigenes mobiles Häuschen sucht. "In Wolfratshausen, Achmühle, Eurasburg ... Und die stehen seit Jahren leer."

Als Vorsitzender des Vereins "Einfach gemeinsam leben" hat Thane im Mai einen Bürgerantrag für Tiny Houses initiiert, der zu einem Grundsatzbeschluss im Wolfratshauser Stadtrat geführt hat: Man sehe "in mobilen Kleinwohnformen eine Möglichkeit, um in bestimmten Bereichen entsprechend den jeweils gültigen Bauvorschriften zusätzlichen Wohnraum zu schaffen", stellte das Gremium einstimmig fest.

Alternatives Wohnen: Bei der katholischen Kirche, der das Areal hinter dem Weidacher Kindergarten gehört, hatte die Initiative keinen Erfolg

Bei der katholischen Kirche, der das Areal hinter dem Weidacher Kindergarten gehört, hatte die Initiative keinen Erfolg

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Beschluss sollte laut der von 288 Bürgern unterzeichneten Forderung eigentlich auch enthalten, dass die Stadt Eigentümer aktiv dazu ermutigt, ihre Grundstücke temporär für diese Wohnform zur Verfügung zu stellen. Dazu konnte sich der Stadtrat aber nicht durchringen. Man dürfe sich nicht in "privatrechtliche Angelegenheiten einmischen", hieß es. Auch könne die Verwaltung nicht als Makler auftreten.

Thane nennt das auf der Facebook-Seite seines Vereins eine "mutlose Entscheidung des Stadtrats", mit der er sich nicht zufrieden gebe. Nun will er selbst gemeinsam mit anderen Vereinsmitgliedern die Grundstückseigner überzeugen. Dazu hat er Flyer drucken lassen: "Sie haben das Grundstück. Wir kennen uns aus", ist darauf zu lesen.

Sie sollen einer zwölfseitigen Broschüre beigelegt werden, die Grundstücksbesitzer über die Möglichkeiten mit Tiny Houses aufklärt. "Wir wollen sie umfassend informieren", sagt Thane. "Über die Wohnform, aber auch darüber, welche baurechtlichen Voraussetzungen es braucht und wie viel Pacht sie generieren können." Die Broschüren sollen sich auch an Kommunen richten. Thane will sie in den kommenden Tagen an Mitglieder des Vereins verteilen und dann bei in Frage kommenden Eigentümern einwerfen. "Ich werde immer ein paar dabei haben", sagt er. Wenn er dann ein brachliegendes Grundstück sehe, müsse er erst einmal den Besitzer ausfindig machen - was oft gar nicht so einfach sei, wie er betont. Dann werde er diesem das Informationsmaterial zuschicken - und auf Rückmeldung hoffen. "Wir wollen niemanden bedrängen", sagt Thane. "Aber wir wollen zeigen, dass sich die Wohnform auch für die Besitzer lohnt." Schließlich müssten diese sich dann nicht mehr um ihr Grundstück kümmern und bekämen auch noch Geld.

Der Vereinsvorsitzende sieht in den Tiny Houses eine "Win-win-Situation" für beide Seiten: Sie schafften temporär günstigen Wohnraum, ohne den Boden zu versiegeln, und die Eigentümer bekämen für die Zwischennutzung des Areals, für das ja Grundsteuer anfalle, Pacht. Je nach Bereitschaft könnten die Flächen auch vermietet oder in Erbpacht für zehn bis 15 Jahre vergeben werden, sagt er. "Es gibt viele Möglichkeiten." Man müsse die Eigentümer nur überzeugen - davon, dass Tiny Houses nichts mit einem "Trailerpark" zu tun hätten, sondern mit engagierten Bewohnern, die sich bewusst für ein reduziertes Leben entscheiden. Und auch vom alternativen Konzept eines temporären Wohnens, das viele nicht einordnen könnten, wie Thane sagt. So habe er etwa auch die katholische Kirche kontaktiert, der eine ungenutzte Fläche hinter dem Kindergarten in Weidach gehöre. "Ich habe gefragt: Wollt ihr uns das für 15 Jahre verpachten?", berichtet Thane. "Die Antwort war: Wir machen nichts unter 75 Jahren."

Dass die Mini-Häuser kein alleiniges Heilmittel gegen die Wohnungsnot sind, hat Thane schon beim Bürgerantrag betont. "Ein Tiny House macht nicht überall Sinn", sagt er. So sei es etwa an der Sauerlacher Straße, wo ein Mehrgenerationenwohnprojekt entsteht und die Flächen ohnehin versiegelt seien, kontraproduktiv, im Kleinformat zu denken. Anders sei es aber bei sogenannten Enkelgrundstücken in Privatbesitz, die in den kommenden Jahren ohnehin nicht bebaut würden. Oder bei den zahlreichen Bauernhöfen, die ihre Landwirtschaft aufgeben. "Da wäre die Infrastruktur da", sagt Thane. "Aber man darf nicht, weil es Außenbereich ist und man eine Privilegierung braucht." Auch gebe es in Wolfratshausen viele ungenutzte große Gärten. Die aber hätten meist kein Baurecht, das man für die kleinen Häuschen immer noch brauche.

"Die Politik und das Amtswesen müssen sich bewegen", findet Thane, der als Tiny-House-Bewohner in spe zwar schon ein fertiges Häuschen hat, aber bei der Suche nach einem Standort bislang nur frustrierende Erfahrungen gemacht hat. Mit seinem Verein kämpft er auch für eine Anpassung der Gesetzgebung. Dass sich Kommunen unter Berufung auf das komplizierte Baurecht aus der Affäre ziehen, will er nicht gelten lassen. "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg", sagt er. "Ich habe etliche positive Beispiele in Deutschland, die zeigen, dass Tiny Houses auch auf der aktuellen Grundlage der Baugesetze mit entsprechenden Ausnahmegenehmigungen entstehen können."

"Einfach gemeinsam leben", von Thane und Mitstreitern im Oktober 2018 gegründet, sei einer der ersten Tiny-House-Vereine in Deutschland gewesen, sagt der Vorsitzende. Aber die anderen, die später kamen, seien inzwischen schon viel weiter. Thane führt das auf mangelnden politischen Willen im Landkreis zurück. Sein Frust jedenfalls ist unüberhörbar. Auf der Facebook-Seite des Vereins hat er kürzlich einen Text über Dortmund gepostet, wo 2024 ein "Tiny-House-Village" mit 40 Parteien entstehen soll. Im Text darüber wendet er sich direkt an die Bürgermeister von Wolfratshausen und Geretsried, Klaus Heilinglechner (Bürgervereinigung) und Michael Müller (CSU) sowie an Landrat Josef Niedermaier (Freie Wähler). "Sehr geehrte Stadt- und Landkreisoberen", schreibt er, "auch hier bei uns gibt es eine ganze Menge Menschen, die so leben möchten. Und Sie als die Vertreter dieser Menschen sollten das ernst nehmen."

Mithilfe der Broschüren will Thane nun endlich auch Grundstückseigner finden, die seiner Idee vom kleinen Wohnen einen Platz einräumen wollen. Angesichts des Grundsatzbeschlusses im Stadtrat hofft er, dass dann der Verwirklichung seines Traums nichts mehr im Wege steht. Potenzielle Bewohner gebe es genug, sagt er. Sein Verein zähle 70 Mitglieder, zahlreiche von ihnen würden sofort mit dem Bau ihrer Häuschen loslegen, wenn sie einen Platz dafür hätten. "Die stehen in den Startlöchern."

www.einfach-gemeinsam-leben.info und ARD-Mediathek: "Schmidt Max testet Tiny Houses"

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