bedeckt München 11°

Thomas-Mann-Festival in Bad Tölz:"Man trifft sich in einem Lied"

SERVICE

In Liedern würden alle Menschen Brüder, beruft sich Julian Prégardien auf Schiller und fühlt sich damit auch Thomas Mann verbrüdert.

(Foto: Marco Borggreve/oh)

Der Tenor Julian Prégardien eröffnet das Festival. Auf dem Programm steht Lieblingsmusik des großen deutschen Schriftstellers

Interview von Stephanie Schwaderer

Er ist einer der spannendsten jungen Tenöre Deutschlands: Julian Prégardien eröffnet am Sonntag das erste Thomas-Mann-Festival in Bad Tölz. Begleitet von Rudi Spring am Klavier präsentiert der 36-Jährige "Lieblingslieder Thomas Manns". Die Anreise fällt für den international renommierten Sänger denkbar kurz aus. Seit sieben Jahren lebt der gebürtige Frankfurter in der Gemeinde Königsdorf. Das Thomas-Mann-Festival soll künftig alle zwei Jahre Literaturliebhaber anlocken, heuer mit dem Schwerpunkt "Tod in Venedig".

SZ: Herr Prégardien, was haben Sie von Thomas Mann gelesen?

Julian Prégardien: Recht wenig, muss ich zu meiner Schande gestehen. Die Buddenbrooks und der Zauberberg liegen seit Jahren auf meinem Nachttisch - aber es ist ja nie zu spät. Immerhin habe ich die Novelle Mario und der Zauberer gelesen.

Tod in Venedig?

Kenne ich als Oper von Benjamin Britten und als Film von Luchino Visconti.

Woher wissen Sie, was Thomas Mann am liebsten gehört hat?

Unser Programm bezieht sich auf einen Zeit-Artikel von 1961, den Mann selbst geschrieben hat. Darin nennt er seine Lieblingsgedichte und erwähnt die Verbindung von Gedicht und Kunstlied. Einige der Lieder von Schubert, Schumann, Mahler haben wir ausgewählt und um sie herum ein ansprechendes Konzertprogramm gebastelt, das auch den Ort Venedig in den Blickpunkt rückt.

Mit wem haben Sie das Programm konzipiert?

Mit dem Münchner Pianisten Rudi Spring - ein ganz großartiger Partner. Er hat nicht nur eine unfassbare Repertoire-Kenntnis, sondern auch ein Gespür dafür, wie man Komponisten miteinander verknüpft, wie Werke nacheinander wirken. Wir beginnen mit dem Venezianischen Gondellied von Felix Mendelssohn Bartholdy und enden mit seinem Lied "Auf Flügeln des Gesanges". Auch die sechs Hölderlin-Fragmente von Benjamin Britten haben wir aufgenommen - die hätten Thomas Mann sicherlich gefallen.

Wo bleibt Richard Wagner?

Wagner hat ja nur wenige Lieder geschrieben. Und Manns Vorliebe galt seinen Opern, soviel ich weiß. Ich habe das für unseren Konzertabend nicht in Betracht gezogen.

Was waren Manns große Lieblingslieder?

Eines der bekanntesten ist wohl der Lindenbaum aus Schuberts Liederzyklus Winterreise. Damit endet ja der Zauberberg: Hans Castorp zieht in den Ersten Weltkrieg mit dem Lindenbaum auf den Lippen. Als Kunstliedsänger finde ich vor allem Manns Betrachtungen darüber spannend, inwieweit Text und Musik zusammenwirken. Er ist sich zum Beispiel nicht sicher, ob er Eichendorffs Zwielicht zu seinen Lieblingsgedichten zählen würde. Aber in Verbindung mit Schumanns Vertonung tut er das.

Was erzählen diese spätromantischen Lieder über den Menschen Mann?

Sie geben Einblick in seine Empfindsamkeit. Er hatte offenbar ein Gespür dafür, die Welt auf diese Weise zu betrachten, die Natur tönen zu hören und zu erkennen, wie der Mensch da hinein passt.

Eine Gabe, die Sie teilen?

Um Schiller zu zitieren: Da werden alle Menschen Brüder. In diesen Liedern fühle ich mich Mann verbunden, auch wenn er lange tot ist und in einer ganz anderen Zeit und unter ganz anderen gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen gelebt hat. Man trifft sich in einem Lied und fühlt sich verbrüdert.

Thomas Mann hat seinen Sommersitz nach Bad Tölz gelegt, Sie leben seit einigen Jahren in Königsdorf. Beeinflusst das Oberland Ihre künstlerische Arbeit?

Das Oberland ist nicht zu meiner Heimat geworden. Aber ich finde hier einen wunderbaren Ausgleich zu meinem künstlerischen Leben, das sich meistens in Großstädten abspielt und darin besteht, Musik zu machen und auf Bühnen zu stehen.

Tölz ist nicht unbedingt eine Metropole.

Es ist mir ein Bedürfnis, mich in die Gesellschaft einzubringen. In Königsdorf bin ich Vater, an der Musikhochschule München Lehrer, in Tölz werde ich als Künstler zu erleben sein. Ich habe dort auch schon ein Kirchenkonzert gegeben und bin im Rahmen der Konzertreihe aufgetreten, die von der Musikschule organisiert wird. Auf den Auftritt in Tölz freue ich mich genauso wie auf einen in der Wigmore Hall in London.

Sie melden sich auch politisch zu Wort, haben kürzlich zum Beispiel auf den von Andrea Fessmann organisierten Protest-Konzerten von Künstlerinnen und Künstlern auf dem Münchner Odeonsplatz gesungen. Wie stark trifft Sie Corona?

Sehr stark, sowohl finanziell als auch mental, wobei ich zu den wenigen Künstlern gehöre, die keine Existenzängste haben müssen. Darüber bin ich glücklich, und zugleich schäme ich mich fast dafür. Was die Kultur anbelangt, versagt unsere Politik derzeit. Das ist ein Skandal! Und ein Paradigmenwechsel, der mir wirklich Angst macht.

Was meinen Sie mit Paradigmenwechsel?

Was die Kulturstaatsministerin Monika Grütters zu Beginn der Corona-Krise gesagt hat - dass Künstler Leute seien, die sich mit wenig zufrieden geben und schlecht darin seien, Formulare auszufüllen und um Hilfe zu bitten - ist mir durch Mark und Bein gegangen. Außerdem sind Künstler und Musiker nicht Menschen, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Wir sind hochspezialisierte Arbeitskräfte, und ohne uns wäre die Gesellschaft verloren. Wir haben auch nicht die Wahl, in Festanstellung zu gehen oder selbständig zu arbeiten. Ich möchte, dass jeder Bürger gleich behandelt wird. Derzeit werden die Selbständigen wie schlechtere Bürger behandelt. Obwohl wir wie alle anderen Steuern und Abgaben bezahlen. Kennen Sie das Bilderbuch Frederick?

Die Maus, die für den Winter Sonnenstrahlen sammelt und Farben und Wörter statt Körner?

Genau. Als alle Vorräte aufgezehrt sind, bitten die anderen Mäuse ihn, seine Schätze mit ihnen zu teilen. Unsere Politik ist gerade dümmer als eine Gruppe Mäuse.

Eröffnung des Thomas-Mann-Festivals am Sonntag, 18. Oktober: "Thomas Mann und das Kunstlied", Vortrag von Ruprecht Wimmer, Konzert mit Julian Prégardien (lyrischer Tenor) und Rudi Spring (Klavier), Kurhaus, Beginn 19 Uhr, Karten zu 33 Euro über München Ticket. Das Festival dauert bis Donnerstag, 29. Oktober; Programm unter www.bad-toelz.de

© SZ vom 15.10.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite