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Theater:Unter der Fitnessdiktatur

Ickinger Gymnasiasten bringen Julie Zehs "Corpus Delicti" auf die Bühne. Schwere Kost. Trotzdem gelingt ihnen ein spannender Blick auf eine Gesellschaft im Gesundheitswahn

Von Susanne Hauck, Icking

Vor Gericht steht Mia. Die Anklage: Sie hat ihre Ernährungs- und Fitnessprotokolle nicht pünktlich abgeliefert. Und dann wurde sie noch beim Zigarettenrauchen erwischt! Dabei will sich die junge Frau doch gar nicht mit dem totalitären System anlegen, sondern steckt in einer Sinnkrise. Ihr Bruder hat sich das Leben genommen, weil ihm ein Mord angehängt wurde. So gesund ist die Gesellschaft, dass sie schon wieder krank ist. Jeder läuft mit Mundschutz herum, wünscht sich "Santé" statt "Grüß Gott", schwarze Wächter kontrollieren das Verlassen des Hygienebereichs und Mia strampelt sich hoffnungslos auf dem Hometrainer ab, um die 600 Kilometer Rückstand in ihrem Pensum aufzuholen.

Dass sie es sich mit dem gesellschaftskritischen Schauspiel "Corpus Delicti" von Erfolgsautorin Julie Zeh nicht leicht machen würden war der Oberstufen-Theatergruppe vom Ickinger Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium bewusst. "Wir haben mit dem schwierigen Text sehr gerungen und uns reinbeißen müssen", berichtet Deutschlehrer und Regisseur Karl Haider. Doch für das mehr als 40-köpfige Ensemble und für die Zuschauer in der vollen Aula hat es sich gelohnt, mal nicht auf einen bewährten Klassiker zu setzen, sondern auf ein modernes Stück, das Staatsgewalt und Unterdrückung genauso hinterfragt wie Körperkult und Fitnesswahn.

Wächterinnen kontrollieren den Hygienebereich.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Mias Gegenspieler - die Hauptrolle teilen sich Katharina d'Huc und Lucia Eckel - sind der systemtreue Journalist Kramer (herrlich schmierig: Daniel Tonnar-Leyva), der undurchsichtige Verteidiger Rosentreter (Kristian Konrad) und die mütterlich-strenge Richterin Sophie (überzeugend energisch: Lena Dobuschinsky). Wenigstens stehen der angepassten Mia mit ihrem braven Pferdeschwanz zwei barfuß auf der Couch lümmelnde und auch gedanklich lässige Hippiemädels (Silvana Paxmann und Finja Suckfüll) zur Seite, die ihr der freiheitsliebende Bruder (Damian Groß) als eine Art personifiziertes politisches Gewissen hinterlassen hat.

Im ersten Teil müssen die Schüler nicht nur jede Menge Text, sondern wegen Rück- und Vorblenden auch viele Umbauten auf offener Bühne bewältigen. Das hinterlässt einen etwas unruhigen Eindruck. Nach der Pause nimmt das Stück dann gewaltig an Fahrt auf und konzentriert sich ganz auf die Verwandlung Mias von der Mitläuferin zur politischen Aktivistin, was die beiden Darstellerinnen glaubhaft verkörpern.

Das System schaut da nicht lange zu. Stroboskopblitze und hämmernde Krawallmusik symbolisieren die Vernichtung des Individuums. Mias seelische und körperliche Qualen in einer vom Kulissenbau toll gestalteten Isolationszelle führt Katharina d'Huc überzeugend vor Augen. Dass Richter Hutschneider (Paul Meisterjahn) in letzter Minute die Höchststrafe - das Einfrieren der Abtrünnigen - verhindert, ist kein Akt der Barmherzigkeit, sondern des Kalküls. Die Staatsfeindin soll nicht als Märtyrerin verklärt werden. Das Ende bleibt offen, auch wenn das Friedenslied "Imagine" von John Lennon (Gesang: Pauline Reschke, Gitarre: Philipp von Unold) Hoffnung andeuten soll.

Wächterinnen kontrollieren den Hygienebereich (oben), während Mia (unten rechts) sich freizustrampeln versucht.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Julie Zeh hat ihr in der nahen Zukunft angesiedeltes Stück "Corpus Delicti" vor mehr als zehn Jahren geschrieben. Ein Blick in die heutige Gesellschaft zeigt, dass dieses Bild eines alles kontrollierenden Gesundheitsstaats gar nicht so utopisch ist. Fitness-Apps mahnen zu mehr Bewegung, die Raucherpolizei kontrolliert amerikanische Bars, Krankenkassen belohnen gesundheitliches Wohlverhalten und junge Leute beugen sich dem Selbstoptimierungsdruck für die neueste Instagram-Story. Eine Aufführung, die viel zum Nachdenken anregt.

Wie viel Aufwand und Mühe hinter einer solchen Theatervorstellung stecken, hob Regisseur Haider nach der Premiere am Dienstagabend hervor. Er dankte nicht nur den jungen Schauspielern, sondern auch denjenigen, die nicht im Rampenlicht stehen: den Technikleuten und Bühnenhelfern, die manchmal freiwillig bis nachts um halb zwei Uhr arbeiteten, damit bei der Vorstellung alles reibungslos klappt. Großer Applaus.

Weitere Aufführungen in der alten Aula des Rainer-Maria-Rilke-Gymnasiums Icking am Donnerstag, 20. Februar, und Freitag, 21. Februar, Beginn jeweils 19 Uhr, Karten-Reservierung unter corpus-delicti@gym-icking.de

© SZ vom 20.02.2020

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