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Tassilo:Bühne frei für die Kunst

Stefanie von Quast (links) und Gabriele Hüttl haben eine Online-Galerie gegründet, um Kunst und Künstler in der Region sichtbar zu machen. Per Mausklick lassen sich Entdeckungen machen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Weil es an Ausstellungsmöglichkeiten fehlt, haben Gabriele Hüttl und Stefanie von Quast vor einem Jahr die Online-Galerie "Das Kunst Werk" gegründet.

Von Susanne Hauck

Kunst muss aus ihrer Nische hinaus. Mit einer Online-Galerie haben die Freundinnen Gabriele Hüttl und Stefanie von Quast frischen Wind in die heimische Kunstszene gebracht. Mag der unmittelbare Anlass der Gründung die Corona-Pandemie gewesen sein - längst ist klar, dass die virtuelle Schau eine strukturelle Lücke schließt. Denn in Sachen Präsentationsmöglichkeiten und Kunsthandel hinkt der Landkreis zum Bedauern der Wolfratshauser Fotografin Gabriele Hüttl anderen Regionen weit hinterher. "Wir haben zum Beispiel keinen einzigen Galeristen, der Künstler aufbaut und fördert", bedauert sie. "Es gibt fantastische Kunstschaffende hier, die aber keiner kennt."

Die lockdownbedingte Absage der wichtigen Kunstmessen und Ausstellungen rund ums Jahr hat die Misere vollendet. "Uns ist alles weggebrochen", sagt Hüttl, "es ist schrecklich." Fast alle Kollegen und Kolleginnen hätten Projekte und Aufträge verloren, zweien flatterte sogar die Kündigung fürs Atelier ins Haus. Hüttl und die Neufahrner Bildhauerin von Quast wollten nicht länger tatenlos zusehen und beschlossen: "Wir machen jetzt eine Webseite, damit wir Künstler nicht völlig in Vergessenheit geraten."

Vor gut einem Jahr ist die Kunstgalerie www.das-kunst-werk.net online gegangen, auch mit Hilfe etlicher Kommunen im Landkreis, die mit einem kleinen Beitrag die technische Einrichtung unterstützt haben. Mittlerweile sind es stattliche 80 Maler, Bildhauerinnen und Fotografen, die ihre Werke auf der für sie kostenlosen Plattform zeigen und verkaufen. Sie sind der Satzung entsprechend "zwischen Isar und Loisach" ansässig, kommen vereinzelt aber auch aus angrenzenden Kommunen wie Berg am Starnberger See. Hobbykünstler werden nicht aufgenommen.

In der Sparte Malerei sind beispielsweise Namen wie Ernst Grünwald, Juschi Bannaski und Petra Jakob dabei, in der Fotografie Petra Bauer-Wolfram und Jan Greune, in der Bildhauerei das Ehepaar Marianne und Otto Süßbauer, Sebastian Heinsdorff und Birgit Berends-Wöhrl. Das Ganze funktioniert wie eine Produzentengalerie, die Teilnehmer laden die Bilder selber hoch und bestimmen die Preise, die von einigen hundert bis zu mehreren tausend Euro reichen.

Die Online-Kunstgalerie soll ihnen eine gewisse Unterstützung und vor allem mehr Sichtbarkeit bringen. Denn freischaffende bildende Künstler haben es schwer. So wird es oft als selbstverständlich betrachtet, dass sie ihre Werke in Ausstellungen umsonst zeigen, abgespeist mit dem Hinweis auf mögliche Verkaufschancen. "Aber wir sind doch keine Dekorateure", ärgert sich Hüttl, die sich mehr Anerkennung für den Beruf wünscht. "Das ist nicht irgendeine Liebhaberei von Leuten, die einen vermögenden Partner oder ein eigenes Haus haben", unterstreicht sie. "Die meisten von uns müssen mit den Einnahmen aus unserer Kunst die Miete zahlen und unseren Lebensunterhalt bestreiten."

Die virtuelle Kunstgalerie ist eine neue Erfahrung, aber keine schlechte. Zu den Vorteilen zählt, dass neben dem Werk nicht nur der Link zum Urheber steht, sondern auch der Preis - damit fällt eine gewaltige Hemmschwelle weg. Schön ist außerdem, dass man sich einen tollen Überblick über die Kunstszene im Landkreis verschaffen und viele spannende Entdeckungen machen kann. Auch für kunstinteressierte Touristen sei es laut Hüttl einfacher geworden, Kontakte zu hiesigen Kreativen zu knüpfen, um sich bei einem Atelierbesuch vielleicht ein Kunstwerk auszusuchen.

Der Nachteil ist, dass die virtuelle Präsentation eine analoge Ausstellung natürlich nicht ersetzen kann. "Bildende Kunst geht vor allem über die sinnliche Wahrnehmung. Man kauft eher etwas, wenn man davorsteht und es persönlich erlebt", weiß Hüttl, die aber hofft, insgesamt mehr ins Rollen bringen zu können. Es gibt schon erste Ideen, im Herbst zusammen mit dem Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen eine gemeinschaftliche Ausstellung zu verwirklichen.

Einerseits hat die Initiative die Vielfalt der Kunstschaffenden im Landkreis gebündelt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Darüber hinaus ist mehr Kontakt untereinander entstanden. Das freut die beiden Gründerinnen mit am meisten. "Ich lebe seit fast 20 Jahren in Wolfratshausen, aber manche Kollegen habe ich jetzt zum ersten Mal kennengelernt", erzählt Hüttl. Ein engeres Netzwerk sei für die oft in der Abgeschiedenheit ihrer Ateliers arbeitenden Künstler und Künstlerinnen enorm wichtig. Denn: "Gemeinsam ist man stärker."

© SZ vom 15.05.2021
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