bedeckt München
vgwortpixel

SZ-Serie: Winterwerk, Teil 1:Der Winter im Schaufenster

Beate Morbach (rechts) und Cleo Bambuch (links) haben ein Händchen für Dekoration - derzeit natürlich winterliche Motive.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Beate Morbach hat früher beim Film gearbeitet, jetzt lebt sie ihre kreative Ader beim Dekorieren ihres Wolfratshauser Geschäfts aus. Als Ladenschmuck hat sie in manchen Jahren schon einen Pferdeschlitten herangekarrt, 120 alte DDR-Skier - und sogar mal einen halben Wald

Beate Morbach erzählt gerne Geschichten. Am liebsten in Bildern, statt mit Worten. "Candy Christmas" hat sie ihre Winterwunderwelt zu Weihnachten getauft. Rot-weiß war ihr Laden da eingerichtet. Überall tummelte sich die namensgebende Zuckerstange, mal spazierstockgroß am Arm einer Schaufensterpuppe und mal puppenhaft klein als Anhänger, der einen Christbaum schmückt. Popcorntüten und Zuckerwerk dekorierten eine im Raum stehende Festtagstafel - und die Krönung war ein fast schon originalgroßer US-Süßwaren-Wagen im Fünfzigerjahre-Look. Kaum einer der Passanten ging achtlos vorbei, alle warfen einen Blick in das fantasievoll gestaltete Schaufenster, wo sich gläserne Bonbonnieren türmten.

"Für mich ist das Dekorieren ein Riesenspaß", erzählt die Inhaberin der Boutique max.Leben im Wolfratshauser Untermarkt. Beate Morbach würde es nie einfallen, Jahr für Jahr die gleichen schnöden Plastikschneeflocken oder Glitzerkugeln aufzuhängen. Die zierliche, quicklebendige Dunkelhaarige sagt von sich, dass sie bei der Ideenfindung ein sehr visueller Mensch sei. Diesmal habe sie das Bedürfnis nach einer traditionellen und kräftigen Farbe wie Rot gehabt. "Und dann sah ich irgendwo die nostalgische Zuckerstange und wusste: Die ist es." Sind erst einmal die Farben gefunden und das Winterthema ausformuliert, beginnt das Recherchieren nach passenden Accessoires. Das Candy-Car aufzutreiben stellte sie vor keine größeren Probleme, das kaufte sie im Großhandel für Dekorationsbedarf.

Aber da gab es andere Jahre, die jede Menge Spürsinn und handwerkliches Geschick erforderten, um die perfekte Kulisse erstehen zu lassen. Mit ihrem Mann Carli hat sie schon gebohrt, gestrichen, tapeziert, Zwischenwände eingezogen und einmal eine ganze Terrasse samt Säulen im Raum verbaut. Morbach lässt die Themen Revue passieren: "Weihnachten in Paris", da gab es eine Boudoirszene und verschwenderische schwarze Spitze vor französischem Tapeten, für "Weihnachten in Sankt Petersburg" hieß es, die passenden Requisiten in zarengrün aufzutreiben, das "Alpenchalet" erforderte viel Fell und Holz. Zum Motto "Winterwald" schleppte sie einen halben Tann in den Laden, dafür hatte sie Dutzende von Baumstämmen beim Bauern bestellt. Und das Prunkstück war ein alter Pferdeschlitten mit dunkelrotem Samtbezug. Ihn hatte sie online entdeckt. "Teuer war er nicht, aber in total schlechtem Zustand", erzählt sie. Es habe gedauert, die verschlissenen Polster wieder herzurichten.

Solche Sammlerstücke sind es, denen Morbach nicht widerstehen kann. Ein anderes Mal stieß sie im Internet auf einen Fundus an DDR-Skiern aus den Siebzigerjahren. Auch die wurden gekauft, selbst wenn sie dem Händler alle 120 Stück auf einmal abnehmen und erst einmal tagelang putzen musste, bevor sie schön nach Farben sortiert den Laden zieren konnten: die roten Ski draußen und die blauen und gelben drinnen.

Darüber dürfe man nicht nachdenken, antwortet Beate Morbach gut gelaunt auf die Frage, was sie der ganze Spaß so kostet. "Viele unterschätzen, was es an Geld und Zeit braucht, um glaubwürdig zu sein." Aber ihr sei es das wert. "Es ist meine Liebe und meine Leidenschaft." Schon als Jugendliche habe sie ihre Eltern verrückt gemacht, weil sie es nicht lassen konnte, die Möbel umzustellen. Professionell gelernt habe sie das Dekorieren nicht, "aber ein Händchen habe ich schon dafür".

Klare Formen und Farben, dazu ein Fell: Die Dekorationen im Wolfratshauser Geschäft "max.Leben" zeugen von visuellem Feingefühl, Spürsinn und Geschick. Schließlich sollen sie die perfekte Kulisse bilden für die Waren. Und ein Hauch von Frühlingssehnsucht und -erwachen darf bei den derzeit noch winterlichen Themen auch schon mal einen Kontrapunkt setzen, wie hier die Schneeglöckchen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Welche Wirkung man mit Farben und Kulissen erreiche, das habe sie alles während ihrer Filmjahre mitgekriegt. Dazu muss man wissen, dass Beate Morbach als freiberufliche Kostümbildnerin für Film und Fernsehen arbeitete, bevor sie vor zwölf Jahren das Geschäft in Wolfratshausen eröffnete - der Familie wegen. "Das viele Herumreisen geht nicht, wenn man Kinder hat."

Ihre klassische Ausbildung als Dekorateurin, die heute unter dem Begriff "Gestaltung für visuelles Marketing" läuft, hat Cleo Bambuch mit einem Malerei- und Grafikstudium ergänzt. Die junge Frau, die "der Liebe wegen" von Österreich nach Wolfratshausen gekommen ist, entwirft in Morbachs Laden die Schaufenster und plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen, was die Finessen des Metiers betrifft. So sei das "Durchblickfenster", wie es im Fachjargon heißt, weil es die Sicht ins Ladeninnere ermögliche, viel anspruchsvoller zu gestalten als eine herkömmliche Auslage mit Rückwand. "Ich renne oft tausendmal nach draußen und wieder rein, um die Wirkung zu überprüfen", erklärt Bambuch.

Einmal die ganze Einrichtung umkrempeln und Großmobiliar wie einen Schlitten oder haufenweise halbe Bäume reinkriegen - wie läuft denn das logistisch? Das müsse alles an einem Wochenende mithilfe ihres Mannes und ein paar Helfern über die Bühne gehen, erzählt Morbach. "Wir sperren am Samstagnachmittag zu und bis Montagfrüh muss alles geschafft sein." Dass nachts ein Umzugswagen vor dem Geschäft steht, habe die Umräumaktion schon öfter verdächtig wirken lassen. Nicht nur die Passanten zogen falsche Schlüsse ("Wird der Laden etwa geschlossen?"), sondern auch die Polizei, die den vermeintlichen Einbrechern das Handwerk legen wollte.

Von Allerheiligen bis kurz nach Weihnachten dauert die Winter- und Weihnachtsdekoration. Dann muss alles so schnell wie möglich raus. "Die Kunden können es dann nicht mehr sehen, das hat sich immer wieder herausgestellt." Das Schaufenster ist schon wieder recht leer geräumt. Und längst hat Morbach schon die nächste Szenerie im Kopf, und die darf im Januar nichts mehr mit Winter zu tun haben: "Dann ist bei den Leuten schon der erste Frühlingsbote gefragt."