So war's im Oberland Revolution mit 692 Eiern

Michael Holzmann führte das Publikum kenntnis- und detailreich durch die Geschichte.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Historischer Verein bietet zum 100-Jährigen Anekdoten

Von Susanne Hauck, Wolfratshausen

Ein voller Bauch kämpft nicht gern, mögen sich die Wolfratshauser schlau gedacht und so vielleicht eine blutige Auseinandersetzung in den letzten Tagen der Räterepublik verhindert haben. Als nämlich am 16. April 1919 eine Abordnung von Münchner Revolutionären mit dem Lastwagen angefahren kam und das Rathaus besetzte, "hat sie der hiesige Arbeiterrat ins Humplbräu geführt und köstlich bewirtet", so der Geretsrieder Historiker Michael Holzmann. "Die Rotgardisten waren hochzufrieden und verließen den Markt wieder, ohne dass es zu Gewalt kam."

Beim vom Historischen Verein Wolfratshausen veranstalteten Erinnerungsabend "War einmal ein Revoluzzer" zur bayerischen Revolution vor 100 Jahren und ihren Auswirkungen auf das Oberland sprach Holzmann am Mittwochabend vor vollem Saal im Pfarrheim Sankt Andreas. Eine ähnliche Provinzposse wie in Wolfratshausen spielte sich in Sauerlach ab, das damals noch zum Landkreis gehörte. Holzmann berichtete, dass dort 30 Rotgardisten das Dorf aufgemischt und jeden Bauernhof durchkämmt hätten. Doch alles, was sie fanden, waren 692 Eier, die sie auch prompt requirierten - weil sie so hungrig waren. Die Sauerlacher Bürger bestanden auf bürokratischer Ordnung und ließen sich für die beschlagnahmten Eier eine Quittung geben, die sie später beim Landratsamt zur Vergütung einreichten.

Holzmanns Fazit: Die Revolution verlief auf dem Land ruhiger als in München. Als dort im November 1918 der Freistaat Bayern ausgerufen wurde, ließ Landrat Siffer auch im Landkreis Wolfratshausen folgsam Arbeiter- und Soldatenräte gründen. Freilich geschah dies nicht in jeder Gemeinde getreu den revolutionären Vorstellungen von Ministerpräsident Kurt Eisner. Mancher Bürgermeister ließ in den neuen Rat nicht die erwünschten Arbeiter und Bauern wählen, sondern besetzte ihn einfach mit Konservativen aus dem Bayernbund. Überhaupt "haben die meisten den Kopf eingezogen und gewartet, bis der Spuk vorbei ist", so Holzmann. Vor Mord und Totschlag blieb Wolfratshausen verschont. In Kloster Schäftlarn sah das anders aus. Dort kamen Ende April 1919 drei Rote und ein Weißgardist ums Leben, als die Gegenrevolutionäre gewaltsam das besetzte Kloster räumten.

Holzmann verlangte in seinem detailreichen Vortrag den Zuhörern viel ab, denn er führte sie nicht nur an den Schauplatz Wolfratshausen, sondern durch die gesamte Münchner Revolutionsgeschichte, von der ersten Großdemonstration auf der Theresienwiese am 7. November 1918 bis zur blutigen Niederschlagung der Räterepublik Anfang Mai 1919. Es gelang ihm hervorragend, den politischen Wirrwarr der damaligen Zeit verständlich darzustellen, nicht zuletzt mit einem wahren Schatz an seltenen historischen Fotografien. Bedauerlich, dass sich für diese Doppelstunde Geschichte nur die Generation Ü 50 interessierte. Jüngere Leute waren im Publikum an einer Hand abzuzählen.

Zuvor hatte Vereinsvorsitzende Sibylle Krafft die Rolle der rebellischen Frauen beleuchtet, von denen Anita Augspurg und ihre Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann wegen ihres lokalen Bezugs besonders erwähnenswert sind. Die politischen Aktivistinnen mussten sich vor der Obrigkeit im Isartal verstecken: in Irschenhausen und auf dem Landsitz Burg Sonnensturm in Walchstadt. Augspurg war eine der wenigen Frauen, die für den ersten bayerischen Landtag kandidierten. Die hiesigen Bäuerinnen waren von ihren Ideen sichtlich angetan, führte Krafft aus. Mehrere schlossen sich ihrem Wahlkampf an, schleppten mit ihr die schweren Rucksäcke durch den Schnee und verteilten Flugblätter.

Ergänzt wurde der Abend mit einer Lesung des Schauspielers Claus Steigenberger, der literarische Zeitzeugen zu Wort kommen ließ, von den unter die Haut gehenden Erinnerungen Oskar Maria Grafs an die feinen Münchner Damen, die die verhafteten wehrlosen Roten mit Ohrfeigen demütigten, bis zu den Texten Erich Mühsams. "Rotgardistenmarsch" und "Brot und Rosen" hießen zwei der politischen Kampflieder, mit denen der Abend musikalisch vom Trio Quergesang umrahmt wurde. Schade nur, dass sich die sehr hohe Stimmlage der Sängerinnen nur schwer gegen das Akkordeon durchsetzen konnte, weswegen die Texte nicht immer verständlich waren.