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Serie Klostergeister:Nägel mit Köpfchen machen

Die Tugend-Werkstatt, die von Besuchern der Ausstellung bestückt wird, ist eine der Lieblingsstationen des Gestalterteams Susanne Fehenberger und Christian Schmid.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Susanne Fehenberger und Christian Schmid haben die Ausstellung "Tugendreich" im Kloster Beuerberg in Szene gesetzt. Die Künstlerin und der Designer konnten sich dabei in Stressresistenz, Kreativität und Demut üben

Von Stephanie Schwaderer

Fast wäre es ein Kondom-Automat geworden, an dem die Gäste am Klostereingang nun Schlange stehen. Dann aber hat sich Christian Schmid doch für einen alten Kaugummi-Automaten entschieden. Teile seiner Mechanik bilden das Herzstück einer Maschine, die weltweit einzigartig ist und Ausstellungsbesucher im Handumdrehen entzückt: der Tugend-Automat. Nach Einwurf einer Münze schließt eine streng dreinblickende Nonne für einen Moment die Augen, dann gibt sie dem Kunden seine "Tugend für heute" aus - eine fein bedruckte Papp-Plakette, in die mit Goldschrift Worte wie "Glaube", "Innere Einkehr" oder "Gehorsam" geprägt sind.

An der schwarzen Jacke von Susanne Fehenberger baumelt die "Zuversicht". Es war die allererste Tugend, die sie im Frühjahr aus dem Automaten gezogen hat, als die Eröffnung nahte und die Arbeit sich noch türmte. Zusammen mit dem Grafikdesigner Schmid ist die gelernte Holzbildhauerin und freie Künstlerin für die Gestaltung der aktuellen Ausstellung "Tugendreich - Neue Zeiten. Alte Werte?" verantwortlich. Im Tugend-Automaten bündeln sich für beide zentrale Aspekte ihrer Arbeitsweise im Kloster Beuerberg.

"Ein Gesprächseröffner"

Da ist zum einen der spielerische Umgang mit ernsten Themen, der Fehenberger gefällt. Das Loseziehen sei ein fester Bestandteil im Leben der Salesianerinnen gewesen, sagt sie. Schmid greift diesen Gedanken auf. "Beim Eintritt ins Kloster bekamen die Frauen von der Oberin einen Namen zugeteilt wie in einer Lotterie", erläutert er. "Auch ihre Positionen im Chor wurden ausgelost, selbst die Zellen wurden jedes Jahr per Los neu verteilt." Der Tugend-Automat verkörpere damit eine Leitidee des Klosters: "Man kann sich sein Los nicht aussuchen."

Die Tugend-Plaketten wiederum seien ein starkes "Kommunikationsmodul", fährt Fehenberger fort. "Nenn es doch lieber Gesprächseröffner", schlägt Schmid vor. "Ja, das ist besser", stimmt Fehenberger zu. Die Gäste fänden jedenfalls sofort einen Anknüpfungspunkt, um miteinander in Kontakt zu treten. Zudem werfe jede Ausstellung die Frage auf: Was nehme ich mit? Die Antwort in diesem Fall laute: "Ein Objekt, wunderschön gemacht, und ein Wort, das mich begleitet, das seine Kraft vielleicht erst in fünf Wochen entfaltet."

Schmid kommt auf die handwerkliche Seite zu sprechen. Ihm habe die Herausforderung gefallen, "aus Nichts etwas zu machen". Der Korpus sei ein alter Schrank aus dem Fundus des Klosters, die Grafik auf der Frontseite habe er am Computer erstellt. Bei der Mechanik hätten sie Fehenbergers Kontakte zur Staatsoper genutzt. Er hält einen Moment inne, blickt seine Kollegin an, und Fehenberger übernimmt: "Bühnenbauer, ganz tolle Typen, die spezialisiert sind auf Sachen, die man erfinden muss."

Und wer hat nun den Tugend-Automaten erfunden? "Das kann man so nicht sagen", antwortet Schmid. "Das war ein längerer Prozess im Team", sagt Fehenberger. Das gelte für die meisten Exponate, Stationen und Themenräume. Ihre Aufgabe sei es gewesen, den gemeinsam entwickelten Ideen in relativ kurzer Zeit Gestalt zu verleihen. Nägel mit Köpfen zu machen also. Und mit Köpfchen. Dass sie sich dabei offenbar "gut ergänzt" (Schmid) haben, obwohl sie einander "fast nicht kannten" (Fehenberger), glaubt man ihnen aufs Wort.

Schmid ist bereits seit 20 Jahren für das Diözesanmuseum tätig. Bei der Ausstellung "Heimat" im vergangenen Jahr zeichnete er erstmals für die Gestaltung verantwortlich. Fehenberger gibt seit drei Jahren Workshops im Klosteratelier. Der neuen Herausforderung hat sie sich mit Freude gestellt. "Das Tolle an dieser Arbeit ist, dass es um große Themen gehen darf, dass man sich traut, sie anzugehen."

Eine ganz konkrete Frage in Beuerberg lautet: Wie entwickelt sich das Kloster weiter? "Wir wollen ja nicht Kloster spielen", sagt Schmid. Man müsse es von Kitsch fernhalten und Zeitgemäßes hineinbringen. "Egal, welchen Glauben man hat, jeder soll etwas mitnehmen." Fehenberger ergänzt: "Es gibt schon genügend Museen, wo einem die Füße einschlafen. Man muss einen Kontext schaffen, der relevant ist."

Dass in Beuerberg definitiv niemandem die Füßen einschlafen, dafür sorgt Christoph Kürzeder, Leiter des Diözesanmuseums Freising und Neuerfinder des Klosters Beuerberg als Ausstellungsort. Fehenberger bezeichnet ihn als "Impulsgeber und Korrektiv", als einen Menschen, der "ganz genau im Hinschauen" ist. "Ihm kann man nicht einfach etwas hinstellen", paraphrasiert Schmid. Das sei ähnlich wie im Theater, erklärt Fehenberger. "Ich bin es gewohnt, mit Regisseuren zu arbeiten. Herr Kürzeder hat eine Vision, und dann muss man helfen, ein Gesamtbild zu schaffen."

Dass alle bisherigen fünf Klosterausstellung auf den ersten Blick wie aus einem Guss erscheinen, führt Schmid denn auch auf den gemeinsamen Nenner Kürzeder zurück. "Das ist sein Geschmack." Zudem gebe das Kloster viele Dinge vor. "Es ist der Versuch, die Seele des Ortes zu treffen." Eine Standardfrage im Team laute: Wie würden es die Schwestern machen?

Auch bei den Schriften und Farben hat Schmid aus der Substanz geschöpft. Im Gegensatz zu den vorherigen Ausstellungen, die viel mit Fotografien arbeiteten, funktioniert "Tugendreich" bildlos. Tragendes Element sind blaue "Impulstafeln" mit goldener Inschrift und einem wie geschnitzt wirkenden Rahmen. Der Prototyp hängt im Chor. Bei den Lettern handelt es sich um die digitalisierte Form einer Stupfschrift, welche die Salesianerinnen verwendeten. Während sie mit ausgestanzten Blechen und Borstenpinseln zur Tat schritten, braucht Schmid den Schrifttyp nur am Computer anzuklicken.

Blaue „Impulstafeln“ mit goldener Inschrift leiten durch die gesamte Ausstellung.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Mit Vorhandenem zu arbeiten und das gegebene Material zu inszenieren sei das eine, sagt Fehenberger. Genauso wichtig sei es, die Gäste der Kloster-Ausstellung einzubeziehen. Eine ihrer Lieblingsstationen ist deshalb die Tugend-Werkstatt. Die Werkzeuge sind Stift und Papier. Die Frage lautet: Was bringt uns weiter und was zerstört uns? Tausende blauer und roter Zettel haben Besucherinnen und Besucher in den vergangenen Monaten vollgeschrieben. Eine Auswahl hängt an Schnüren links und rechts von einem Schreibtisch, an dem schon Ordensschwestern über Gut und Böse nachgesonnen haben. "Objekte müssen fordern", sagt Fehenberger. "Dies ist eine laute Forderung. Aber man darf den Besuchern ruhig eine große Aufgabe stellen."

© SZ vom 17.10.2020

Miniatur-Nachbildung einer Klosterzelle aus Papier.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

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