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Segeln:"Man reflektiert sehr viel"

Zu viert brachen die Segeljungs im Sommer 2018 ihrer Weltreise auf. Tim Hund (links) und Vincent Goymann (rechts) sind noch dabei, Tom Schwarz (2. von links) und Michi Bischof nicht mehr. Die Corona-Krise hat Hund und Goymann in der Karibik erwischt, ihre Pläne verschieben sich dadurch ein wenig.

(Foto: Privat/oh)

Vor fast zwei Jahren sind Tim Hund aus Gaißach und Vincent Goymann aus Königsdorf zu einer Weltreise mit dem Segelboot aufgebrochen. Wegen der Corona-Krise sitzen sie derzeit auf Curaçao fest

Interview von Annika Bingger, Bad Tölz-Wolfratshausen

Tim Hund (22 Jahre alt) aus Gaißach und Vincent Goymann (19) aus Königsdorf sind seit September 2018 auf Weltreise. Und das nur mit einem Segelboot. Insgesamt haben sie für die Umrundung des Globus drei Jahre eingeplant. Ursprünglich waren die Jungs mal zu viert, mittlerweile schlagen sich Tim und Vincent zu zweit auf hoher See durch. Wegen des Lockdown in der Corona-Krise hängen die beiden momentan allerdings auf der Karibikinsel Curaçao fest.

SZ: Viele junge Leute entschließen sich nach dem Abitur ins Ausland zu gehen, aber drei Jahre sind dann doch ziemlich lange. Wie kam es zu der Idee?

Tim Hund: Wir wollten schon immer als Gruppe um die Welt reisen. Erst danach kam dann die Idee, das Ganze mit dem Segelboot zu machen. Man muss sich vorstellen, dass das Boot eigentlich immer nur so schnell fährt, dass man immer nebenbei herlaufen könnte. Das ist einfach extrem langsam, und dafür brauchen wir auch einfach diese Zeit.

Vincent Goymann: Ja, aber wir haben auch schon in der Schulzeit viele Reisen gemacht. Wir waren oft schon einfach nur mit dem Radl unterwegs. Also so eine große Weltreise war bei uns allen vier schon immer der Traum.

Momentan steht im Prinzip die gesamte Welt unter Quarantäne. Könnt ihr überhaupt noch etwas unternehmen? Oder wie verbringt ihr eure Zeit gerade?

Tim: Ja, na ja. Im Moment kann man doch recht wenig machen. Wir sind im Moment hier noch sehr gefangen. Die Ausgangssperre ist hier ziemlich strikt.

Vincent: Ja, insgesamt dauert das Ganze jetzt auch schon zwei Wochen hier. Über die Feiertage war alles dicht. Normalerweise darf man nur zum Einkaufen oder vielleicht in die Apotheke. Aber wir können hier zum Beispiel zum Riff schwimmen und tauchen gehen. Aber sonst machen wir so ziemlich dasselbe wie alle momentan. Auf dem Boot hängen und Netflix schauen.

Tim: Ja, oder wir haben die Zeit genutzt und weiter am Boot gearbeitet. Eben einfach das, was so anstand, aber nicht extrem wichtig war.

Vincent: Genau, wir haben unseren Holzboden einmal komplett abgeschliffen und neu lasiert. Dafür hatten wir jetzt gut Zeit.

Was habt ihr bisher denn schon alles gesehen?

Tim: Bisher waren wir an der gesamten Europaküste. England, Frankreich, Spanien, Portugal, die Kanaren, aber auch Marokko. Dann sind wir über den Atlantik und haben relativ viele Inseln abgeklappert. Darunter die Dominikanische Republik.

Vincent: Ja, und dann haben wir uns Richtung Barbados aufgemacht und sind relativ schnell nach Trinidad und Tobago. Dann weiter zur venezolanischen Küste. Hier sind wir jetzt ja momentan auch recht nahe an Venezuela.

Durch den Lockdown kam doch alles anders als gedacht. Habt ihr denn jetzt überhaupt einen genauen Plan, wie es weitergeht?

Tim: Ja, es gibt schon einen groben Plan. Wir wollen uns die nächsten Tage weiter in Richtung Panamakanal aufmachen. Der ist nämlich offen, und die Reise soll auch einfach weitergehen.

Vincent: Das war eigentlich sowieso unser nächstes Ziel. Ursprünglich war Kolumbien auch noch geplant. Das ärgert uns jetzt etwas, dass das leider nicht klappt. Aber danach wäre dann Polynesien geplant. Mitten im Pazifik, mit ganz vielen kleinen Inseln. Also Südsee, wie man sich sie einfach vorstellt.

Tim: Ja, und dann soll es noch weiter nach Australien und in den indonesischen Raum gehen. Madagaskar, Südafrika und wieder zurück nach Europa.

Vincent: Aber im Moment verschiebt sich das einfach alles. Da ist wirklich nur der grobe Plan.

Und wie finanziert ihr das alles?

Vincent: Wir haben vor dem Start unserer Reise gearbeitet. Wir wollten uns erst mal für ein Jahr über Wasser halten können. Und das Geld hat dann sogar noch länger gereicht als gedacht. Aber mittlerweile finanziert sich das fast von selbst. Nachdem zwei von uns nicht mehr dabei sind, nehmen wir auch mittlerweile immer mal wieder junge Leute auf unserem Boot mit. Ein bisschen verlangen wir auch was für die Koje. Aber wir drehen auch regelmäßig Youtube-Videos, verkaufen Shirts online über unsere Website und leben auch von Spenden. Das sind so unsere Haupteinnahmen.

Tim: Ja, die Leute, die sich für unsere Reise interessieren, können monatlich einen beliebigen Betrag spenden. Dafür produzieren wir unsere Videos und nehmen sie so quasi mit uns mit. Und so kommen wir zum Glück ganz gut über die Runden.

Ihr verbringt ja doch ziemlich viel Zeit miteinander. Kommt es da dann auch mal zu Auseinandersetzungen?

Tim: Ach, na ja, man kann sich auf so einem Boot eigentlich ziemlich gut aus dem Weg gehen. Aber wir kommen eigentlich wirklich gut miteinander klar. Es gibt selten einen Grund, wieso wir miteinander streiten sollten.

Vincent: Wir waren jetzt zum Beispiel auch ziemlich froh, einfach nur noch zu zweit auf dem Boot zu sein und keine Gäste an Bord zu haben. Oftmals ist das nämlich ein reibungsloser Übergang, da bleibt dann auch selten Zeit, Arbeiten am Boot zu machen oder besonders viel Content zu produzieren.

Tim: Aber wir freuen uns jetzt auch, wenn wieder andere Leute dabei sind.

Kommen euch auf hoher See nicht oft tiefere Gedanken? Das ganze Erlebnis wird euch doch sehr prägen?

Tim: Auf jeden Fall. Ich denke, die Atlantiküberquerung ist dafür das beste Beispiel. Zwei Wochen von der Welt komplett abgeschottet zu sein. Da hat man Zeit ohne Ende. Und irgendwann denkst du gezwungenermaßen darüber nach, wer du bist und was du machen und werden willst. Man reflektiert sehr viel. Allgemein passiert das sehr oft auf dem Boot.

Vincent: Aber wir beide wissen noch nicht, was wir danach machen wollen. Es gibt so ein paar Hirngespinste, aber das ist alles noch relativ offen. Dadurch, dass wir hier auch nicht die ganze Zeit machen, was wir wollen, und mit unseren Videos auch eine Art Auftrag und Job haben, funktioniert das alles ziemlich gut. Und so lässt sich diese lange Zeit auch sehr gut aushalten.

Die Reise der Segeljungs kann man im Internet beobachten: Unter www.youtube.de/segeljungs gibt es Videos, unter www.instagram.com/segeljungs Fotos, über www.patreon.com/segeljungs kann man spenden, auf www.segeljungs.de gibt es einen Shop mit Fanartikeln.

© SZ vom 20.04.2020
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